Connyi 14.09.2006, 16:35 Uhr 13 16

Der Geduldige

Fröhlich trabte sie voran, er war – wie immer – einen halben Schritt hinterher.

Plötzlich vernahm sie ein dumpfes Knacken als würde etwas mit ungeheurer Wucht auseinander gerissen. Irritiert blieb sie stehen und drehte sich um, gerade rechtzeitig um zu sehen, wie er in sich zusammensackte.

Panisch stürzte sie zu ihm hin. „Was ist los?“
Er krümmte sich wimmernd am Boden, unfähig, ein Wort herauszubringen.
„Oh mein Armer, was ist denn passiert?“ Sie kniete sich zu ihm und beugte sich über ihn.
„Geh nur weiter…“, presste er hervor. „Warte nicht auf mich…“
„Sei doch nicht so theatralisch!“, ermahnte sie ihn besorgt. „Was hast du denn?“
Er atmete schwer. „Es ist soweit“, stieß er mit einem unterdrückten Keuchen hervor.
„Was?“ Sie rückte noch näher und ihre Stimme überschlug sich beinahe.
Er hielt sich die Brust. „Mein Herz…“, keuchte er. Das Unverständnis in ihrem Gesicht widerspiegelte einen Moment in seinen Augen. „Dein Herz? Aber du bist doch erst 23! Du bist doch noch viel zu jung für Herzbeschwerden!“
Er wollte lachen, brachte aber nur ein heiseres Fauchen zustande. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich die Brust. Sie umschlang ihn mit ihren schlanken Armen und zog ihn zu sich. „Wie kann ich dir helfen? Soll ich einen Arzt rufen?“
Er schüttelte schwach den Kopf. „Welcher Arzt soll mir helfen? Mein Herz ist gebrochen.“
„Was? Wer? Ach mein Armer!“ Sie drückte ihn fester an sich.
Er gab sich wehrhaft. „Du!“, schrie er mit all seiner Kraft. Er hustete. „Du warst das!“, fügte er leise hinzu.
Sie zuckte unwillkürlich zurück und starrte verständnislos in sein Gesicht. „Was?“, rief sie empört. Dann lächelte sie ihr warmes sonniges Lächeln. „Aber nein! Du warst mir doch immer von allen der Liebste!“
Er spürte ein scharfes Stechen in der Brust. Mit einem lauten Aufstöhnen rollte zur Seite, sich aus ihrem Griff lösend. Ratlos saß sie neben ihm.

So verharrten sie eine Weile: Er lag auf dem Rücken, die Beine aufgestellt und schwer atmend und sie saß dabei. Manchmal streichelte sie sein Gesicht.

Irgendwann sammelte er sich und wandte ihr sein Gesicht zu. „Du redest von mir, als wäre ich dein bestes Pferd im Stall!“
„Aber nicht doch“, wehrte sie ab und lächelte ihn an. „Du bist kein Pferd, du bist der Beste!“
„Was?“
„Wie?“
„Der beste Was?“, fragte er trotzig.
Sie lachte. „Na, du bist mein Bester… Mein bester… Freund.“
Etwas in ihm krampfte sich zusammen. Er hustete, um das beklemmende Gefühl abzuschütteln.
„Du siehst mich gar nicht“, krächzte er traurig.
„Natürlich sehe ich dich!“, gab sie automatisch zurück.
„Nein, du siehst mich nicht. Auch jetzt nicht!“, wiederholte er stur. „Du bist doch weit weg und denkst an fremde Augen, die an dir nagen, bis nichts mehr von dir übrig ist.“
„Blödsinn!“, erwiderte sie entschieden. „Wie kannst du mir so was in diesem Moment unterstellen?“
„Du schaust immer nur in die Ferne. Nie siehst du, was neben dir ist.“
Sie runzelte die Stirn. „Ich blicke nach vorne. Ich sehe auf die Zukunft.“
„Weil irgend so ein dahergelaufener plüschäugiger Fatzke dir seinen Schwanz ins Gesicht hält, siehst du in ihm einen Propheten?!“
Sie erschrak und ein unbehagliches Gefühl beschlich sie.

Mit müden Augen sah er sie fest an und er ergriff ihre Hand. „Meine Kleine, du siehst die Zukunft nur von hinten, wenn du immer versuchst, ihr hinterher zu jagen.“
Unwillkürlich sah sie sich um, als würde die Gegenwart um sie herum zu ihr sprechen. Er beobachtete ihre größer werdende Unruhe und lächelte wehmütig. „Es ist längst zu spät. Ich bin nicht mehr neben dir. Ich bin deine Vergangenheit.“
Fragend sah sie auf den Gefallenen herab. „Aber du bist doch hier! Bei mir“, widersprach sie.
„Ich bin den ganzen weiten Weg mit dir gegangen, manchmal war es nicht einfach, dein Tempo zu halten. Aber ich bin nie von deiner Seite gewichen und habe alles mit angesehen. Ich habe mit dir gelitten und dich getröstet, wenn es dir schlecht ging. Ich habe mit dir gefeiert und wir hatten eine tolle Zeit. Aber du hast mich nie angesehen.“ Er machte eine kleine Pause, denn das Sprechen war ihm anstrengend. „Ich habe dich immer geliebt und du wusstest es… Jetzt gib mir mein Herz zurück!“
„Aber ich habe es doch gar nicht!“, rief sie voller Reue.

Schwer atmend rappelte er sich hoch und deutete auf ihre Tasche. „Da drin…“, keuchte er. Sie verstand nicht. „Da ist es drin… in deiner Tasche.“, wiederholte er.
„Aber… wie kommt es da rein?“, fragte sie verunsichert und griff nach der Tasche.
„Als ich damals eine Schleife darum gewickelt habe und es dir überreichen wollte, hast du es zurückgewiesen. Aber ich konnte mich nicht damit zufrieden geben… Also habe ich es heimlich in deine Tasche gepackt, damit du es immer bei dir trägst." Er sank wieder zu Boden.

Panisch fing sie an ihre Tasche zu durchwühlen. Als sie schließlich etwas Warmes, Klebriges ertastete, fing sie an zu schluchzen. Sie zog es ans Licht und die Tränen schossen aus ihren Augen als sie den Riss sah, der sich quer durch sein Herz zog. „Gib es mir einfach!“, forderte er. „Du hast es schon genug besudelt.“
Sie heulte laut auf. „Es tut mir so Leid!“ Krampfartig drückte sie es an sich. Wieder sammelte er seine Kräfte und rappelte sich hoch. Er betrachtete sie einen Moment, dass riss er ihr in einer plötzlichen Bewegung das Herz aus den Armen. Er hielt es ganz fest, als er sich mühsam aufrichtete und zum Gehen wandte. Flehend sah sie zu ihm auf. Er lächelte gequält. „Wenn du mir jetzt hinterher schaust, bin ich vielleicht deine Zukunft“, sagte er und schlurfte langsam von dannen.

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13 Antworten

Kommentare

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    toller Text...kann man sich bildlich sehr gut vorstellen

    12.02.2007, 20:05 von Germane
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    Sehr sehr netter text!

    16.12.2006, 03:47 von Leonina
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    DAS ist ein wirklich genialer Text! Respekt, echt toll geschrieben!

    23.09.2006, 14:57 von Konzi
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    Klassisches Problem. Haben wir auch einen Lösungsvorschlag? Oder hoffen wir, dass unsere Bestenfreunde diesmal einfach nicht so denken.

    23.09.2006, 00:02 von zuckerpuppe
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  • 0

    Gib mir mein Herz zurück ... eine tolle Variante!
    Gefällt mir sehr gut.
    LG!

    20.09.2006, 21:47 von NinaBerth
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  • 0

    Ein selbstsüchtiges Mädel und ein verliebter Trottel - klassisch - aber mal anders erzählt. Gelungen!

    Grüße!

    19.09.2006, 14:40 von Kiyan
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    Sehr guter Text! Trotz seiner Dramatik ist er auch noch amüsant.

    17.09.2006, 22:56 von Don-negro
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