mo_chroi 03.02.2012, 14:49 Uhr 12 15

Der Freundschaft Liebe

Und wenn ich wollen dürfte, säßest du jetzt neben mir. Säßest mit mir, dort in meinem Refugium.

Oft, wenn ich zu meiner Familie nach Hause fahre, um sie zu besuchen, gibt es einen Ort auf den ich mich dort immer besonders freue. Es ist der Balkon. Glanzlos und matt liegt er zur Südseite der Wohnung hinaus. Es ist eigentlich nicht der Balkon an sich. Es ist viel mehr das Gefühl, welches ich kenne, wenn ich mich darauf aufhalte. Mein Leben kennt viele Balkone, da meine Familie oft umzog. Dennoch ist es immer das Draußen gewesen, was mich warm hielt. Wärmer als die beheizte Wohnung, zu der er gehörte. Denn dort war ich der Welt so viel näher, ohne in ihr zu verschwinden. Ohne Gefahr zu laufen, von ihr verschlungen zu werden, ihren Geräuschen, Gerüchen, ihrem Sein; und diese dennoch wahrzunehmen. Sie aus gebührendem Abstand zu genießen. So saß ich nun oft vor der Welt, sie betrachtend. Gekappt von Allem. Sommer wie Winter, war es eine Zuflucht vor der Realität. Und gleichzeitig ein Zugang. Und immer schaute ich. Schaute und war. Sah mir den Himmel an. Die sich dehnenden Wolken, die darin hingen. Das Grün der Bäume, divers nuanciert. Die vielfältigen Arten der Fauna, beflügelt oder ohne diese.

Manchmal saß ich Stunden dort. Heute noch ist es der erste Weg, den ich gehe, bin ich angekommen. Da sitze ich dann und bin. Und meine Mutter kommt immer noch halbstündlich und beschwert sich über diesen Umstand, als sei ich wieder fünf Jahre alt und wüsste nicht, dass man in nächtlicher Kälte friert. Ich sitze dann und betrachte, wie ich es früher tat, wenn alles einer Überschwemmung glich und ich nah dem Ertrinken war. Und wenn ich wollen dürfte, säßest du jetzt neben mir. Säßest mit mir, dort in meinem Refugium. Ich fühlte mich wohl, so wie ich es täte, wäre ich allein in dieser erholsamen Stille. Denn darum ging es schon immer dort draußen. Darum, bei sich zu sein. Mit sich zu sein. In einem Selbst. Aber wärst du mit mir dort, würde es sich nicht verkehrt anfühlen. Es wäre richtig für mich, in diesem Moment. Wenn wir dort säßen, würden wir uns vermutlich ab und an zulächeln. Worte ungebraucht, würden wir einfach wissen, was der andere im Moment hinter der Brüstung sah. Und wenn die Atmosphäre dann langsam dämmerte, säßen wir und warteten. Das helle Licht des Tages wechselte in dunklere Töne. Die Sonne malte rote und violette Streifen des Abschieds an den Horizont. Und wenn es dann Nacht geworden wäre, würde ich dir Dinge zeigen, die nur ich kenne und niemand sonst.

Ich erhöbe meine Hand und begänne mit meinen Fingern Mosaiken in das Universum zu zeichnen. Gefiele mir eines nicht mehr, verwischte ich es, wobei der Himmel meiner Bewegung hinterher schwänge, als glitt ein Blatt durchs schwarzblaue Wasser und zöge Spuren der Unruhe hinter sich her. Und dann begännst du das gleiche Schauspiel. Wir entwürfen kleine Bilder zum Erraten aus den Bruchstücken. Und irgendwann erhöben wir uns, die Füße vom Boden flüchtend. Und dann stiegen wir hinauf, als versage die Anziehungskraft unter uns. Wir stiegen empor. Gerade soviel stiegen wir, dass uns keiner bemerkte, wenn wir durch die Nacht glitten. Unsere Körper, leer der Masse, schwebten umeinander her. Zögen aufwärts, um zu unseren Bildern zu gelangen und schenkten einander die leuchtenden Mosaiken daraus. Wir glitten wieder hinab, dicht über den Boden ziehend. Wir erkundeten Blickwinkel. Weit würden wir gleiten. So weit du eben möchtest. Wir sähen alles, was du jemals sehen wolltest. Ich zeigte dir, wie unserer Gedanken zu glitterbuntem Staub zerfielen und daraus neue Ideen wüchsen. Und wir kämen zurück, wohl gewärmt. Setzten uns zurück auf die Schaubühne zur Welt. Säßen dort und schwiegen. Weil wir nichts sagen müssten. Weil wir wüssten. Um einander.

Ich nähme dich dorthin mit, weil ich möchte, dass du die Welt aus mir heraus siehst. Dass du siehst, wie sie deiner ähnelt. Weil ich möchte, dass du siehst, dass dein zartes Vertrauen in mich gerechtfertigt ist. Und weil du es verdienst, zu wissen, dass jemand da ist, der dich sehen wird, wenn du es benötigst. Ich möchte dich wissen lassen, dass ich dich sehen kann und dich verstehe. Und wäre dir das zu viel, ließe ich dich gehen, wenn du das wolltest. Du würdest mir fehlen. Die Frage stellt sich nicht. Aber ich gönne dir alles.


15

Diesen Text mochten auch

12 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    für mich sinds zu viele metaphern, ich lese zwischendurch mal gerne einen normalen satz

    16.02.2012, 18:21 von labello_buli
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Du würdest mir fehlen. Die Frage stellt sich nicht. Aber ich gönne dir alles. 


    Großartig.

    15.02.2012, 23:37 von frl.sommersprosse
    • Kommentar schreiben
  • 0

    super beschrieben. wie man sich zuerst nach der einsamkeit sehnt und sich doch später jemanden wünscht, der die situation teilt.

    07.02.2012, 00:14 von kokoskuss
    • Kommentar schreiben
  • 1

    schönes bild. echt. meines erachtens viel zu viele umlaute, aber das trübt die freude nur ein bißchen.

    05.02.2012, 10:22 von KingKonschdi
    • 1

      diakritische tupfen, miteinander verharrend, gebohren aus dem schoß des wunsches. gönn es ihnen zu sein.

      05.02.2012, 10:40 von mo_chroi
    • 1

      "Aber ich gönne [ihnen] alles"

      05.02.2012, 10:48 von KingKonschdi
    • Kommentar schreiben
  • 2

    wohl dem, der in den genuss des lyrischen ichs (oder des der autorin) kommen mag !

    04.02.2012, 21:08 von Gluecksaktivistin
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Du bedienst Dich einer solch schönen und ungewöhnlichen Sprache, die es schafft, Deine Gedanken und Emotionen dem Lesenden auf's Feinste zu vermitteln.

    04.02.2012, 17:39 von Jackie_Grey
    • 1

      Sieh an, manchmal schreibst du ja richtig gute Kommentare...

      04.02.2012, 21:17 von Surecamp
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    "Gefiele mir eines nicht mehr, verwischte ich ihn..."

    Ich glaube, du meinst "es", das Mosaik.
    Nur ein kleiner Flüchtigkeitsfehler :)

    Ansonsten ein guter Text, wie immer, in dem ich mich gerne verliere. Auch ich verbinde mit Balkonen so ein Gefühl, aber ich habe es nie so gut in Worte fassen können, wie es dir hier gelingt.

    03.02.2012, 15:01 von NeverGrowUp
    • 0

      immer diese herrischen flüchtigkeitsfehler :D danke



      03.02.2012, 15:04 von mo_chroi
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare