Der Fleck an der Wand
Immer wenn ich die Treppe hinunter steige, sehe ich diesen dunklen Fleck an der Wand. Vorher ist er mir nie aufgefallen, aber da warst du ja auch noch da.
Nun sehe ich diesen Fleck zigmal am Tag, und jedes Mal ist es ein komisches Gefühl. Ein bisschen Wehmut steigt mit mir immer die Stufen hinab.
Als du damals zu uns in die Familie gekommen bist, war ich sechs Jahre alt. Meine Eltern sind nach Münster gefahren um dich abzuholen. Mein großer Bruder und ich haben währenddessen bei unserer Oma gewartet. Ich weiß noch, wie wir uns das Warten vertreiben wollten, indem wir malten und bastelten. Plötzlich brach ein mächtiges Gewitter an, ein zuckender Blitz ließ unsere Gesichter gespenstisch aussehen, ein lautes Krachen folgte. Und mitten in diesem Lärm blitze und knallte es in der Lampe über dem Tisch. Meine Oma schrie, meine Tante stimmte ein, und mein Bruder und ich schauten uns verblüfft an. In dem Chaos ging das Schellen der Haustür total unter. So dauerte es eine Weile, bis meine Oma die Tür für meine Eltern und dich öffnete. Ganz klein und nass standest du neben ihnen. Mein Bruder und Ich waren entzückt, trauten uns aber noch nicht recht an dich heran. Während dessen schrie meine Oma aus dem Hintergrund, dass die Scheren in unseren Händen den Blitz durch die Lampe angezogen hätten. Und so mussten wir uns erst mal um die Oma und die Lampe kümmern. Deine Ankunft war schon eine verrückte Sache, und rückte dich doch erst in den Hintergrund. Als wir abends nach Hause fuhren, warst du vorne bei meiner Mutter. Ich weiß noch, wie ich dich ganz versonnen angeschaut habe, als ich plötzlich etwas Braunes und Schleimiges auf der Hand meiner Mutter sah. Ich mache große Augen - und ich warte drei Sekunden. Nichts geschah, meine Mutter unterhielt sich weiter munter mit meinem Vater. Währendessen hast du mich mit deinen großen brauen Augen geradezu angeglotzt, und ich musste laut lachen. Und dann schrie meine Mutter vor Ekel. Sie hatte nämlich endlich festgestellt, dass du ihr auf die Hand gekotzt hattest.
In einer stillen Minute fragte ich meinen Vater einmal, ob wir nicht so tun könnten, als ob du allen gehörst. Aber im ganz Geheimen doch nur mir alleine. Mein Vater lachte nur.
Du hast dich schnell bei uns zu Hause eingewöhnt. Jeden Tag hat mein Vater mit dir auf dem Hof geübt. Und jedes Mal warst du hervorragend, so dass du deine Belohnungen bekommen hast. Die Belohnungen standen in der Kammer im Regal. Sie sahen aus wie kleine Törtchen, in weiß und in braun. Sie sahen so lecker aus, dass in den Drang unterdrücken musste, sie heimlich anzuknabbern.
Im Winter hast du für uns den Schlitten gezogen. Du zogst uns Kinder über die Kuhwiesen. Noch nie ist der Schnee so schnell an mir vorbei gerast. Oft hatte ich Kopfschmerzen von dem vielen Weiß.
Bei gutem Wetter warst du mir ein treuer Begleiter, als ich als Kind durch die Wälder streifte. Ich weiß nicht, wie viele Tiere wir gemeinsam gefangen haben, besonders Mäuse, um sie dann wieder laufen zu lassen, nachdem ich ihr schönes, weiches Fell gestreichelt hatte. Einmal ging mein Vater mit dir los, und kam sehr spät wieder. Doch warst du nicht als erster auf dem Hof, sondern du musstest getragen werden. Dein Bein hing merkwürdig von dir hinunter. Der Arzt meinte, das wäre nun sehr kompliziert. Ich schaute ihn an, er wollte einfach Feierabend machen und hatte kein Mitgefühl für dich. Du warst gerade mal zwei Jahre alt. Und so kamst du zurück nach Münster in eine Klinik. Meine Eltern ließen viel Geld dort, aber du gehörtest zur Familie. Die Familie lässt man nicht im Stich. Mit ein paar Schrauben und ein paar Platten im Bein konnten wir dich wieder mitnehmen. Auf der Rückfahrt hast du niemanden angekotzt, dir war wohl nicht danach. Du hast dich zum Glück ziemlich schnell erholt und im Winter hast du für mich den Schnee wieder rasen lassen.
Als du selbst Nachwuchs bekamst, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas so Neues und Lebendiges in den Händen. Es war so unglaublich, dass ich eines von den Jungen in meine Klasse mitnehmen sollte, damit andere Kinder auch mal so etwas Schönes sehen. Sogar mit in meine Schule hast du mich begleitet.
Wir beide wurden älter, die Zeit verging sehr rasch. Als ich meinen ersten Freund hatte mit 14 Jahren, nahm ich dich immer als Ausrede mit. So konnte ich nämlich immer zwei Stunden wegbleiben, ohne dass sich wer wunderte. Als wir an die Nordsee fuhren, und mein Vater aufgrund seiner Arbeit nicht mit uns reisen konnte, nahmen wir dich kurzerhand mit. Zum ersten Mal warst du im Meer. Anfangs hast du es noch kritisch beäugt, aber irgendwann hast du deinen inneren Schweinehund überwunden und bist reingesprungen.
Als ich mich einmal mit meinem Freund laut gestritten habe, hast du dich schützend vor mich gestellt und ihn böse angefunkelt. Beschützt hast du uns alle immer.
Mit der Zeit wurden deine Augen immer schlechter, dein kaputtes Bein ließ dich humpeln, und Tumore zerfraßen deinen Körper. Jahrelang musstest du nun schon jeden Tag zwei Tabletten schlucken. Deine Augen sahen immer müder aus.
An dem Tag, an dem du gehen musstest, habe ich mich morgens von dir verabschiedet. Ich wusste, dass es ein Abschied für immer war, und es hat mir das Herz zerbrochen. Als ich in der Arbeit war, konnte ich keinen Kaffee kochen, weil mir meine Hände so gezittert haben. Ich musste daran denken, wie ich nachts manchmal heulend nach Hause gekommen war, wegen Gründen die man in der Pubertät durchleben muss. Immer bist du aufgestanden und hast dich zu mir gesetzt. Und nun lasse ich dich alleine. Als ich dies begriff, fing ich endlich an zu weinen. Meine Kollegen schickten mich nach Hause, sie verstanden es. Ich wollte erst nicht darüber reden, weil die meisten während der gesamten Arbeit fast gar nicht lachen. Manchmal vielleicht ein Lächeln. Ich schämte mich, mit ihnen über so etwas zu reden. Und dass ich mich dafür schämte, bestürzte mich noch mehr, ich kann mich doch nicht für dich schämen! Als ich schließlich erzählte, weswegen es mir so schlecht ging, schauten sie mich mit großen Augen an. Ich fühlte mich erbärmlich und schämte mich zugleich für mich selber. Ich wunderte mich sehr, als jemand tröstend seinen Arm um mich legte.
Als ich mein zu Hause erreichte, setzte ich mich neben dich. Du lagst kannst ruhig und hast mich mit deinen schönen braunen Augen angeschaut. Als der Arzt dir die Spritze gegeben hat, waren wir alle bei dir.
Nachdem du von uns gegangen bist, haben wir deine Sachen weggeräumt. Dabei merkten wir, dass an der Stelle, an der du immer geschlafen hast, ein Fleck an der Tapete entstanden ist. Entstanden durch die Nässe deines Felles, und was du noch alles mit darin herum getragen hast, nach deinen Streifzügen.
Wir wollen bald streichen, aber bis dahin muss ich jedes Mal an dich denken, wenn ich dir Treppe hinunter steigen, und den Fleck an der Wand sehe. 14 Jahre warst du meine treue Seele, des Menschens bester Freund, mein Hund.





Kommentare
Ganz toll geschrieben.
04.11.2009, 00:53 von LaPalueSehr rührend.
Hat mich alles an meinen Hund erinnert,
allerdings konnte ich mich nicht von ihm verabschieden.
Stimmt auf jeden Fall sehr traurig
Es braucht nicht viele Worte..
19.07.2009, 14:47 von PlatinengelSchöner, ergreifender Text.
meine mutter hat den fleck damals sofort mit weisser farbe übertüncht und das kissen weggeworfen. dieses kissen war das hässlichste und schönste ding im haus. ich mag deinen text. und den fleck.
29.04.2009, 19:50 von mumpitzIch habe nie wirklich verstanden, was Hundebesitzer so mit ihren Hunden verbindet, bis ich ein Auslandsjahr in Amerika verbrachte, und die Gastfamilie zwei Hunde hatte. Und gerade der kleine, fiesere von beiden, der alle immer nur geärgert hat und total frech war, den vermisse ich jetzt immer wieder!
24.04.2009, 00:08 von MilabelleZu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zwar schon ziemlich lange bei Neon.de angemeldet bin, mich aber noch nie aktiv beteiligt habe.
18.04.2009, 15:38 von Little_GrisuDieser Text hat mich aber so sehr berührt, dass ich jetzt schon seit einer halben Stunde heulend vorm Pc sitze...
Vor 2 Jahren ist mein Kater mit 18 Jahren (er war ein Jahr jünger als ich und somit mein ganzes bisheriges Leben bei mir) eingeschläfert worden, 3 Monate später mein Hund, 14 Jahre. Da ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr zu Hause wohnte, konnte ich mich nicht von den beiden verabschieden. Heute haben beide ein kleines Grab in dem Garten meiner Eltern (mit jeweils einer Granitplatte mit Namen, Geburts- und Sterbejahr und einer kleinen Keramikfigur). Viele unserer Nachbarn halten das für bescheuert - aber wie schon viele hier betont haben, kann man die Gefühle für ein Haustier wohl nicht nachvollziehen, wenn man selbst noch nie so eine Bindung hatte.
Ich vermisse die beiden auf jeden Fall immer noch und mir tut es leid, um alle Haustierbesitzer, die solch einen Verlust erleiden mussten und alle Menschen, die es nicht zulassen können, ein Tier als eigenständige "Persönlichkeit" und als ganz besonderen Freund anzusehen!
Ich mußte weinen :( Mein eigener Hund ist gerade tausende von Kilometern entfernt, aber in 7 Wochen seh ich ihn endlich wieder und dann muß ich auch nicht wieder weg :)))
13.04.2009, 19:00 von Sugar_83So schön geschrieben..
11.04.2009, 14:35 von BuffoonIch kenne so eine Situation.
10.04.2009, 11:31 von Choco.HolicAls ich klein war haben meine Eltern auch einen Hund gekauft, der leider letztes Jahr eingeschläfert werden musste, weil er so krank/alt war. ):
Und immer, wenn ich jetzt die Tür zur Terasse aufmache, warte ich auf das Knistern vom Körbchen (was natürlich nicht mehr dort steht), weil er sofort aufgesprungen und angelaufen kam, sobald man die Tür öffnete.
Ein sehr schöner Text jedenfalls.
(:
hab tränen in den augen...
09.04.2009, 18:10 von Luscinia