Blume-und-so 12.01.2018, 21:16 Uhr 6 0

Der falsche Freund

Ehrlich zu sein ist nur für diejenigen nicht einfach, die nie gelernt haben, es zu sein.

Ich mochte ihn ganz gern, denn er war witzig und irgendwie ab und an charmant. Sein Lächeln und seine Augen waren mir sympathisch, irgendwie strahlten sie Leben und Freude aus. Wir redeten keinen Smalltalk, lange nicht. Es ging um Musik, Bücher und Filme, die wir mochten. Wir teilten Erfahrungen und gedankliche Widersprüche. Er konnte zum Teil von mir absolut geliebte Passagen zitieren. Ein Freund von mir stellte mir ihn vor und sagte, er würde zur Clique gehören. Ich habe versucht, vorsichtig zu sein – dennoch waren wir viel zu schnell viel zu enge Freunde.

Nach einem Jahr Telefonate, Treffen und witzige sowie dumme Abenteuer, die Kleinstadt-Heranwachsende nun mal erleben, zog ich nach Berlin um dort mein Praktikumssemester zu absolvieren. Als einer meiner wertvollsten Gesprächspartner wurde er ziemlich schnell Zeuge meiner Praxiserfahrungen mit Kindern aus schwierigen Familienkonstellationen und Obdachlosen. Eine sehr gute und ehrliche Freundin erzählte mir aber, dass er sich über mich beschwere – ich würde zu viel erzählen und ihn damit überfordern. Auch hörte ich von meinen männlichen Freunden, dass er bei Treffen gerne schlecht über mich redet und Anvertrautes weiter erzählt. Ich war enttäuscht. Stellte fest, dass ihm die für mich wichtigsten Eigenschaften eines Menschen fehlten: Ehrlichkeit und Loyalität. Natürlich verstand ich, dass ich ihn überfordert hatte. Das Agieren hinter meinem Rücken ohne direkte Ansprache konnte ich leider nicht nachvollziehen. Daher konfrontierte ich ihn und brach den Kontakt ab, denn er zeigte kein Verständnis und wies im Grunde auch keine Schuldgefühle auf. Für ihn war ein solcher Umgang Normalität.

Er fuhr nach Berlin und wir trafen uns in einer Shisha-Bar um zu reden. Endlich sagte  er, dass es ihm leid tun würde und ich glaubte ihm. Daher versuchte ich es nochmal.

Die Jahre vergingen und ich brach immer wieder den Kontakt aufgrund desselben Verhaltens ab. Immer noch redete er schlecht in der Clique über mich, erzählte Geheimnisse ohne Scham auf prahlende Art und Weise weiter. Wenn er mit mir etwas unternahm und einer unserer Freunde oder Bekannte anrief, log er und verleugnete mich. Er sei gerade überall, nur nicht bei mir.

Traf sich die Gesamtgruppe, beleidigte und provozierte er mich vor allen anderen. Er machte sich über mich lustig und drückte in die wunden Punkte, die er vor allem deswegen kannte, weil ich ihm so viel anvertraute. Jedes Mal wenn ich den Kontakt abbrach, kam er im Nachhinein auf mich zu, sei es zwei Monate oder ein halbes Jahr später gewesen. Verstanden hat er es jedoch nie – weder, dass ein solches unehrliches und treuloses Verhalten würdelos und falsch ist, noch wie verletzend es für mich war. Ich wollte ihn regelrecht loswerden, erwiderte aber dennoch den Kontakt, wenn er sich Monate später wieder meldete und sagte, dass es ihm leid tue und dass er das ändern wolle.

Geändert hat sich jedoch nichts. Auch nicht, als wir uns noch näher kennenlernten. War er am Anfang noch recht freundlich zu mir gewesen, bewies er mir nach einer Zeit deutlich, dass er sich für einen besseren, fähigeren Menschen hielt. Seine Art wurde zunehmend dominanter, was sich vor allem darin äußerte, dass er die Gesprächsthemen diktierte, überwiegend über sich selbst redete. Sprach ich über Dinge, die ihm nicht interessant genug waren, schlug er ganz deutlich einen Themenwechsel vor. Mir zu sagen, dass ich dumm sei, war für ihn eine Art „Running Gag“, den er besonders lustig fand und bei jedem Treffen bringen musste – unabhängig davon, welche Wirkung es auf mich hatte. Häufig sagte er mir, was ich nicht könne – bezeichnete mich als faul und im Grunde als nicht schön. Sein eigenes Können hob er jedoch gerne hervor. Einmal schlug er mir vor, mit ihm einkaufen zu gehen, da meine Klamotten hässlich seien. Mochte ich Bücher und Musik, die er nicht gut fand, machte er das ganz klar deutlich. Fand er es selber gut, war er der Überzeugung, dass ich es nur von ihm kennen könnte. Bei politischen Diskussionen versuchte er mich abzuwerten, griff aber paradoxerweise auf dieselben Argumente zurück, wenn er mit anderen Personen über diese Themen diskutierte. Bei Unterhaltungen in der Gruppe, wies er mich zurecht, wenn meine Aussagen in seinen Augen als zu „trivial“ galten. Auch korrigierte er regelmäßig meine Lautstärke. Wenn wir nach Partys bei Freunden übernachteten, legte er seine Hand auf meinen Hintern oder auf meine Brust, sobald er glaubte, dass ich schlafen würde. Bei danach folgenden Konfrontationen, wollte er nicht auf mich eingehen. Auch sein übergriffiges Verhalten änderte sich im Grunde nicht.

Irgendwann tat er in der Öffentlichkeit so, als wären wir keine Freunde. Es solle ja keiner wissen. Dennoch besuchte er mich manchmal, nachdem er mich ignoriert hatte. Es war, als wäre er in meiner Wohnung ein Freund und in der Öffentlichkeit ein Bekannter oder gar Fremder. In seiner Wahrnehmung habe er alles richtig gemacht. Die vermehrten Kontaktabbrüche seien lediglich Ausdruck meiner Verrücktheit gewesen.

Nun haben wir fast ein Jahr lang keinen Kontakt mehr. Auch wird er sich höchst wahrscheinlich nicht mehr melden. Konflikte angemessen lösen zu können, gehört weder zu seinen, noch zu meinen Stärken. Er kann es nicht, weil er es sich selbst leicht macht und geht, sobald es schwierig wird. An seiner Persönlichkeit zu arbeiten scheint für ihn nicht selbstverständlich sondern furchtbar anstrengend zu sein. Ich kann es nicht, weil mich meine Emotionen meist so sehr einnehmen, dass ich während der Situation den Überblick und die Rationalität verliere. Vermutlich hab ich dennoch Glück damit, ihn nicht mehr aktiv in meinem Leben zu haben – gute Qualitäten für einen ehrlichen Freund weist er immerhin nicht auf und Selbstreflexion ist auch nicht sein Ding.

Die Frage ist auch, warum ich ihn so gern mochte. Tief in mir wusste ich, dass er mich nicht wirklich mag. Ansonsten hätte er mich nicht auf diese Weise behandelt. Vielleicht hat mich genau das gereizt – mir es erkämpfen zu wollen, geliebt zu werden, abwechselnd mit einer Art Erziehen: ihm den Spiegel zeigen, den ihm sonst keiner je wirklich vorgehalten hat. Mich hat es erstaunt, wie jemand in einem solchen Alter noch so sehr in der Eigenwahrnehmung stecken bleiben konnte. Die Infantilität hat ihn interessant für mich gemacht. Gelohnt hat es sich jedoch nicht.  

6 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Sackgassen sind ja auch ganz schön. Nur ist der Weg eben doppelt so weit. 

    13.01.2018, 13:05 von sailor
    • 0

      sagte der sackgassen-meister

      13.01.2018, 19:48 von green_tea
    • 0

      Ebent... 

      14.01.2018, 16:46 von sailor
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  • 2

    Sado-Masochismus????

    12.01.2018, 23:13 von Gluecksaktivistin
    • 0

      nich von sich uff andre schließen

      13.01.2018, 19:48 von green_tea
    • 0

      Vielleicht ist das gar nicht so abwegig.

      30.09.2018, 22:34 von Blume-und-so
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