LauraPhilomenaTheresa 13.06.2012, 17:05 Uhr 2 10

Den Kopf in den Wolken

„Was ist denn passiert?“, frage ich dich zaghaft. Ich will dir nicht zu nahe treten, wir haben uns lange nicht gesehen und jetzt ist alles verändert.

Ich schaue dich von der Seite an, wie du nervös davon erzählst, dass du in der U-Bahn Panikattacken bekommst, dass du die vielen Menschen nicht mehr ertragen kannst. Zwischendurch nimmst du deine Tabletten und spülst nach mit einem großen Schluck Weißwein.

„Ohne die Dinger könnte ich gar nicht aus dem Haus. Ich fahr auch nicht mehr Auto. Das macht mich zu fertig“, sagst du und zuckst zusammen, als im Hintergrund eine Tür zuschlägt.

Ich kann nicht nachfühlen, wie das Leben nun auf dich wirkt, wie ein gefräßiges Monster, das dich verschlingen will, das die Stille um dich ausschlürft und dich einsam zurücklässt in einer grellen und bizarren Welt aus unerträglichem Chaos. Als wir noch zusammen waren, warst du ganz anders. Selbstsicher. Lustig. Ein Draufgänger.

„Was ist denn passiert?“, frage ich dich zaghaft. Ich will dir nicht zu nahe treten, wir haben uns lange nicht gesehen und jetzt ist alles verändert. Du antwortest eine Weile nicht und schaust mich auch nicht an, überhaupt vermeidest du jetzt Blickkontakt, du knäuelst deine Serviette zwischen den Händen und seufzt.

„Ich erzähle dir, was ich weiß. Weil ich dir vertraue. An dem einen Tag war noch alles in Ordnung. Und am nächsten Tag verfolgen mich Fremde in der Stadt, alle Straßen winden sich endlos ins Nichts, die Wände kommen immer näher, um mich zu zerquetschen und der Boden öffnet sich, um mich in seinen Schlund zu saugen. Es wird nicht mehr hell um mich und der Schlaf lässt mich nicht gehen. Ich stecke fest in einem Albtraum ohne Ende und zwicke mich die ganze Zeit, aber ich kann einfach nicht aufwachen. Die Welt ist verrückt geworden und versucht mir einzureden, dass mit mir etwas nicht stimmt. Leben ist nicht mehr lebenswert und ich will einfach nicht mehr sein.“

Erschrocken von dieser Eröffnung lege ich dir die Hand auf den Arm. „Das klingt schlimm“, sage ich nach einer Weile leise. „Heißt das, du wärst lieber tot?“ Du sagst nicht nein, wiegst den Kopf, hast viel darüber nachgedacht. „Ich will einfach nicht mehr sein, eine Art Nicht-Sein wäre mir recht, ein geräuschloses und unbewusstes Treiben ohne Angst und ohne Zwänge.“

„Das klingt furchtbar“, sage ich. „Furchtbar.“ „Nein“, widersprichst du mir. „Furchtbar ist das Leben, das ich im Moment habe. Und dabei spielt es keine Rolle, ob es so IST oder ob nur ICH es so erlebe. Jedem ist nur eine subjektive Innensicht der Welt vergönnt. Und meine Brille ist vergiftet, ich weiß nicht, wie ich sie wieder sauberkriege.“

„Kann ich dir dabei helfen? Willst du mit mir reden?“, frage ich. Du lachst ein bisschen. „Reden wir nicht gerade? Und es tut gut, mit dir zu reden. Ich habe dich vermisst, dein intensives Lauschen und dein aufrichtiges Du. Sonst kannst du mir nicht helfen. Niemand kann das. Nicht einmal diese Tabletten, denn sie hängen zwar einen grauen, tauben Schleier zwischen mich und die Angst, aber auch zwischen mich und die restlichen Gefühle. Meine Zombi-Tabletten machen das Leben erträglich. Aber nicht mehr lebenswert.“

„Was wirst du tun?“, frage ich dich weiter. Die Situation erscheint mir so aussichtslos, so sinnlos. Du zuckst mit den Schultern und leerst dein Weinglas in einem Zug. Ich traue mich nicht, dich zu fragen, ob du zu den Tabletten trinken darfst. Das erscheint mir belanglos am Fuße des Gebirges deiner Sorgen, oder deines Nicht-Sorgens.

Du hast den Kopf in den Wolken, um dich herum ist alles grau, dumpf und blind, wie in Watte erstickt. Ich kann nur versuchen, dir ein wenig Licht zu machen. „Es ist so schön, dass du da bist“, sage ich aufrichtig und beuge mich zu dir, um die Kerze anzuzünden, die zwischen uns steht.

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2 Antworten

Kommentare

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    gehtguard

    26.03.2013, 02:04 von Kokomiko
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    Traurigschön.

    17.10.2012, 18:35 von topfbluemchen
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