LaPhia 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 0

Deine Sucht

Immer weiter, und weiter und weiter hinein in das Chaos. Schon längst die Kontrolle verloren. Kein Ende in Sicht.

Du denkst, diese Krankheit ist dein einziger Halt. Doch dabei vergisst du mich. Ich bin für dich da. Ohren zum Zuhören, Schultern zum Ausheulen, Hände zum Festhalten und mein Herz, um dich zu lieben. Doch das ist nicht genug. Es ist nie genug. Egal, was ich tue, dir sage, oder für dich mache. Es reicht nicht. Denn du willst es gar nicht. Du willst nur diese Krankheit. Du willst sie, nur sie. „Es ist alles, was mir geblieben ist.“, sagtest du einmal. Aber was ist mit mir? Ich bin auch da, schon immer gewesen, zumindest fühlt es sich so an. Egal, was war, irgendwie waren wir immer füreinander da. Und wenn wir es einmal nicht mehr zusammen ausgehalten haben, haben sich unsere Wege später doch wieder gekreuzt. Ein Auf und Ab, aber wir haben das zusammen durchgestanden. Und das hat es für mich so besonders gemacht. Wir haben einander die schlimmsten Fehler verziehen. Doch diesmal ist es anders. Es ist kein Fehler, den du begehst. Es ist eine Krankheit, die dich zugrunde richtet. Es ist die Essstörung, die dich kontrolliert. Dein Fehler ist es nur, dass du genau das nicht siehst. Und nicht einmal das kann ich dir vorwerfen. Weil diese Krankheit dich komplett manipuliert. Es bist nicht mehr du, mit der ich rede und zu lachen versuche. Es bist nicht du, der ich helfen will. Eigentlich kämpfe ich nur gegen die Sucht an und will zu dir vordringen. Vergebens. Du lässt mich nicht an dich ran. Und ich weiß, dass du diese Mauer um dich herum nicht einreißen willst. Ich muss das akzeptieren. Ich kann dir nicht helfen. Denn du willst meine Hilfe nicht. Du denkst, diese Krankheit ist momentan das einzig Gute in deinem Leben. Vielleicht wirst du irgendwann realisieren, dass sie dir eigentlich all das Gute in deinem Leben genommen hat. Auch mich. Denn zu sehen, wie du in dieser unendlichen Leere verschwindest, in der du dich gerade verlierst, ist mehr, als ich aushalten kann. Es ist zu viel. Du willst mir nicht zuhören, wenn ich dich anflehe, eine Therapie zu machen. Du willst dich mir nicht völlig anvertrauen, um deine Probleme zu lösen, denn du isst lieber, um gleich aufs Klo zu rennen. Du nimmst nicht meine Hand, die ich dir reiche, um dir Halt zu geben. Ich fühle mich, als ob ich in einem Auto ohne Steuer und Bremsen säße, das auf eine Wand zufährt. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist eine Machtlosigkeit, wie ich sie noch nie erlebt habe. Ich fühle mich für etwas schuldig, wofür ich gar nicht verantwortlich bin. Ich dachte wirklich, wir hätten eine grenzenlose Freundschaft, doch jetzt stehe ich hier. Und ich kann nicht weiter. Gerade fällt mein Blick auf das Foto von uns neben meinem Schreibtisch. Es ist vielleicht ein oder zwei Jahre alt. Und mir fällt auf, dass du schon damals sehr dünn warst. Komisch… damals habe ich das noch gar nicht so wahrgenommen. Oder wollte es vielleicht auch nur nicht. Wir beide lächeln. Und ich frage mich… Konnte ich dir jemals helfen? Oder war ich damals nur zu blind zu sehen, dass ich dich schon längst verloren hatte? 

Du sagst, die Krankheit ist alles, was dir geblieben ist. Vielleicht hast du Recht.

1 Antworten

Kommentare

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    Jeder Mensch kann nur sich selbst helfen. Und du kannst niemanden helfen, der sich nicht helfen lassen will. 

    Zu sehen, wie jemand an einer Sucht zugrunde geht, ist sehr schmerzhaft, grade weil man so machtlos ist. 
    Das Problem bei einer Sucht ist, dass sie alles zerstört. Den Körper und die Psyche und schließlich auch das soziale Umfeld: die Familie und den Freundeskreis. 
    Aber egal wie sehr man den Menschen liebt, irgendwann wird man müde davon, gegen Wände zu rennen. 

    09.09.2015, 13:43 von Naala
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