Kiwanuschka 15.08.2010, 01:26 Uhr 12 5

Dein 23. Geburtstag

Es ist ein großer und kräftig gewachsener Bonsai, den ich mit den Jungs durch die Tür trage.

Auf dem Topf haben wir dir "HAPPY BIRTHDAY" und unsere Namen drauf geschrieben. Zwölf Unterschriften sind zusammen gekommen. Ich bin schon ein wenig stolz auf das Geschenk und ich bin mir sicher, es hätte dir gefallen. Nicht alle konnten heut kommen, aber wir - die feste Clique, sind da. Das ist Ehrensache.

Als wir das Wohnzimmer betreten, bin ich im ersten Moment überwältigt, dass auch nach vier Jahren, deine kleine aber vollständige Verwandtschaft am Tisch sitzt. Dein Onkel, deine Tante und deine Oma. Selbst deine dämlichen Cousinen, über die wir immer gelästert haben, sind da. Und die Gärtners, die lieben Tattergreise aus der Nachbarschaft. Wenn ich mir deine Eltern so anschaue, dann weiß ich, dass auch sie gerührt sind. Es bedeutet ihnen immer noch so viel.

Felix, dein Kater, begrüßt mich, indem er bettelnd um Aufmerksamkeit, durch meine Beine streift. Er lebt also immer noch. Als du elf warst, ist er dir zugelaufen und du wolltest ihn unbedingt behalten. Stundenlang hattest du deine Eltern angefleht, bis du sie endlich überzeugt hattest.

Ich setze mich an die lange Tafel und frage mich, mit wie vielen Gästen deine Mutter noch rechnet. Und wie lange stand sie wohl in der Küche, um vier Kuchen zu backen? Wie in jedem Jahr hat sie dir deinen Lieblingskuchen, einen kalten Hund, zubereitet. Sie schneidet ihn an und legt das erste Stück auf einen Teller, der dir gilt. Sie stellt ihn an den Kopf des Tisches und wir schauen zu dir, um dich noch einmal zu beglückwünschen. Dann gießt deine Mutter den Kaffee ein und wir Jungs beginnen uns um den Kuchen zu streiten. Wir haben es immer noch super drauf, uns mit dummen Sprüchen zu belegen. Wie in guten alten Zeiten. Du siehst, manche Dinge ändern sich nie. Und so wirklich erwachsen werden, wollen wir auch nicht.

Der Reihe nach fragt uns dein Vater, was wir gerade treiben und wo es uns hinverschlagen hat. In der Heimat bin eigentlich nur noch ich zurückgeblieben. Tim ist weggezogen, um in der Großstadt ein Maschinenbau-Studium zu beginnen. Dass er gerade ein Semester Pause eingelegt hat, weil er den Sinn nicht mehr sieht, dass er sich stattdessen die Zeit mit Online-Spielen totschlägt und vor kurzem den Fleppen wegen Trunkenheit am Steuer verloren hat, verschweigt er. Sebastian hat gerade seine Ausbildung zum Industriekaufmann abgeschlossen. Er überlegt auch ein Studium zu beginnen. Kevin ist kurz davor seine Ausbildung zum Rettungssanitäter abzuschließen. Und ich? Ich habe meine Ausbildung zum Außenhandelskauffmann abgeschlossen und ein BWL-Studium begonnen. Ob es das Wahre ist? Ich habe keinen Plan. Aber irgendwas musste ich doch machen. Dein Vater nickt und ist stolz auf uns. Wir werden es alle zu viel bringen, sagt er.

Nach dem Kaffee helfe ich deiner Mutter den Tisch abzuräumen. Die Anderen verkriechen sich in deinem Zimmer, um das Fußballspiel Borussia Dortmund gegen Bayern München zu verfolgen. Ohnmächtig stehe ich im Flur und blicke ins Wohnzimmer, wo dein Vater gedankenversunken am Tisch sitzt. Ich nehme einen großen Atemzug von der kühlen Luft. Dann gehe ich über den Flur in den Keller. Die Tür zu deinem Zimmer steht offen und ich höre die Jungs. Als ich dein Zimmer betrete fällt mir wieder auf, dass sich hier nichts verändert hat. Es sind noch immer die Schränke, die du dir in deinem vorpubertären Alter ausgesucht hast, noch immer der Borussia Dortmund Schal, der deinen Schreibtisch schmückt. Da stehen sie, deine Geburtstagsgeschenke aus den Vorjahren. Du hast sie nie angefasst, geschweige denn eines Blickes gewürdigt. Ich schaue auf deine Bücherregale und sehe ein Foto, dass dich stolz vor deinem zweier Golf mit frisch gepresstem Führerschein zeigt. Ich erinnere mich, dass du wahnsinnigen Schiss hattest, durch die Praktische zu fallen.

Ich gehe wieder nach oben und setze mich zu deinem Vater ins Wohnzimmer. Die Nachbarn sind schon nach Haus gegangen und deine Verwandten haben sich zu deiner Mutter in die Küche verdrückt. Ich schaue deinem Vater ins Gesicht und noch immer jagt er alten Erinnerungen nach. Als er bemerkt, dass ich neben ihm sitze, fragt er mich, wie eigentlich jedes Mal, warum das alles passieren musste. Was habe er falsch gemacht? Warum habe er nicht bemerkt, was los ist mit dir? Du warst immer ein nachdenklicher Junge, erzählt er mir. Du hast darüber nachgedacht, was du nach dem Abitur machen wirst. Du hattest Angst, dass aus dir nichts anständiges werden würde.

Ich schweige. Ich finde keine Worte, die seinen Schmerz lindern könnten. Und in mir selbst kommen wieder die Fragen und Gewissensbisse auf. Mensch Rudi, warum? Du warst doch erst achtzehn. Dein ganzes Leben stand vor dir. Rudi, warum hast du nur immer an dir gezweifelt? Und warum konnte ich dich nicht überzeugen, einmal mehr an dich zu glauben?

Du warst der tollste Freund, den ich je hatte und ich wünsche mir, ich hätte dir das jemals gesagt. Seit du fort bist, fühle ich mich schrecklich allein hier.

Für einen kurzen Moment herrscht vollkommene Stille. Dann kommen die Jungs nach oben. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Dein Vater nickt uns zu. Er bedankt sich, dass wir da waren. Ich umarme deine Mutter. Auch sie bedankt sich aufrichtig. Ich gehe noch einmal zu dir und schaue in deine blauen Augen. Dein Blick ist leer und starrt an die Decke. Aus deinem Mund tropft Speichel. Ich beuge mich zu dir rüber und flüstere dir ins Ohr, so dass es niemand hören kann "Rudi, komm zurück". Ich schließe meine Augen und kämpfe mit den Tränen. Als ich draußen bin, beginne ich wieder zu verdrängen, was damals geschah.

Es war im Winter 2005. Wir fuhren mit den Fahrrädern von der Schule durch die Kälte. Als sich unser Weg trennte, rief ich dir nach, du sollst an das PC-Spiel denken, welches ich mir von dir leihen wollte. Du hattest nicht mehr geantwortet. Aber ich maß dem keine Bedeutung bei. Deine Mutter kam zu früh nach Haus und sah dich an einem Strick an der Eiche neben eurem Haus baumeln. Sie schrie die ganze Straße hinauf. Euer Nachbar trat nach draußen und lief zu ihr. Er half ihr, dich vom Baum runterzuholen und löste den Strick um deinen Hals. Du warst bereits blau angelaufen und hattest das Bewusstsein verloren. Die Ärzte stellten fest, dass dein Gehirn durch den Sauerstoffmangel schwerste Schäden davon getragen hat. Du bist ins Wachkoma gefallen und verweilst in deiner Welt seit nun mehr vier Jahren und drei Monaten. Tage vor deinem Entschluss fandst du in dem Schrank deiner Eltern die Papiere deiner Adoption.

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12 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Puh, ich habe Gänsehaut.
    Traurige Geschichte, gefühlvoll geschrieben.

    25.03.2012, 17:45 von miss_mel
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  • 0

    Bilder in meinem Kopf. Das macht traurig und leichten Schauer.

    25.03.2012, 16:48 von Danny0511
    • 0

      es ist eine geschichte, über die immer vermieden wurde zu sprechen. daher habe ich die bilder in meinem kopf in diese form gebracht. ich freue mich, dass du es magst. danke!!

      25.03.2012, 16:56 von Kiwanuschka
    • 1

      sage den menschen, was sie dir bedeuten, bevor dir die möglichkeit dazu genommen wird!

      25.03.2012, 16:58 von Kiwanuschka
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  • 0

    guter Text - rührt ziemlich an!

     "Ich schließe meine Augen und kämpfe mit den Tränen."

    Hat mich mitgenommen und kurz den Alltag vergessen lassen. Auch wenn es ein schmerzhaftes Thema ist!

    11.01.2012, 13:55 von ZachM
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  • 0

    "Du warst der tollste Freund, den ich je hatte und ich wünsche mir, ich hätte dir das jemals gesagt."


    Kloß im Hals.


     

    12.12.2011, 13:24 von Jackie_Grey
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  • 1

    Nochmal gelesen, berührt immernoch.

    12.12.2011, 12:38 von Tanea
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  • 0

    Trifft ganz ganz hart. Ein großartiger Text. Holpert an einigen Stellen, aber insgesamt große Klasse.

    06.06.2011, 13:59 von Mi3z3
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  • 0

    einfach schön.

    29.12.2010, 03:21 von einmachglas
    • 0

      @einmachglas lieben dank!

      29.12.2010, 03:42 von Kiwanuschka
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  • 0

    Traurig...aber schön geschrieben!

    Ich wusste gar nicht das du eine schreibende Begabung besitzt? :)

    24.08.2010, 17:13 von ChronistderWinde
    • 0

      @ChronistderWinde besitze ich die?! ;) vielen dank dir!

      29.12.2010, 03:41 von Kiwanuschka
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  • 0

    Der Text hat mich berührt, obwohl er an manchen Stellen etwas holpert.
    Der letzte Satz paßt nicht recht. Wann der Entschluß sich aufzuhängen gefallen ist kann der Erzähler wohl kaum wissen. Und ob der Fund der Papiere der Auslöser einer länger geplanten Tat war auch nicht. Woher weiß denn der Erzähler überhaupt von den Papieren? Da es der letzte Satz ist prägt er den Text zu sehr und überlagert alles andere.

    Wenn nicht fiktiv, dann unendlich tragisch. Dann lieber nicht mehr rechtzeitig gefunden werden.

    15.08.2010, 13:13 von Tanea
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @[Benutzer gelöscht] Die Nüchternheit und damit verbunden, fehlende Tiefgründigkeit, ist mir bewusst. Sicher kann man die Geschichte auch anders erzählen. Aber dann ist es nicht mehr die Geschichte meines Erzählers.. Um es zu erklären.. "Rudi" ist der beste Freund meines damaligen Partners gewesen. Er hat nie darüber gesprochen.. Was heißt es, seinen Freund so zu verlieren.. und ihn doch nicht zu verlieren? Ich weiß es nicht und ich maße mir nicht an, es annährend begreifen zu können.

      Trotz dessen, ich danke für eure Kritik und freue mich, wenn es gefällt.

      29.12.2010, 03:40 von Kiwanuschka

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