Glen 31.12.2008, 22:35 Uhr 74 42

Das Wort zum Sonntag

Als ich J. das erste Mal gesehen habe, war es irgendein Wochentag, mitten im Frühling. Als er gegangen ist, war es ein Sonntag, dunkel und kalt.

Als ich J. das erste Mal sah, stand ich mit Freunden zusammen an der Straße. Wir feierten einen Geburtstag, und J. fuhr mit dem Rad an uns vorbei.
Zwei meiner Freunde grüßten ihn, er hat knapp genickt und ist weiter die Straße herunter gefahren. Schließlich ist er hinter einer Kurve verschwunden.
Ich wunderte mich warum er eine dicke Winterjacke bei diesem warmen Wetter trug, mitten in Frühling. Gedankenverloren gesellte ich mich zu anderen zurück an den Tisch.
Abends fragte ich dann einen Freund wer er war. Er antwortete: „Das war J. Er ist in meiner Stufe und wohnt nur 4 Kilometer von hier entfernt.“ Mein Freund merkte mein Interesse, und scherzte herum wie es Jungs in diesem Alter so machen. Wir waren 14 Jahre alt.
Mein guter Freund arrangierte unser erstes Treffen. Im Nachhinein erzählte er mir, er wäre am nächsten Tag zu J. gegangen und habe ihm erzählt, ein Mädchen würde ihn toll finden. J. fragte: „Die mit dem grünen Pullover?“ Die mit dem grünen Pullover war ich. Ich bin ihm tatsächlich aufgefallen, als ich dort am Straßenrand stand, ihm hinterher geschaut habe mich über seine Winterjacke gewundert hatte.

Unser erstes Date hatten wir am 1. Mai. Bei uns in den Dörfern wird der 1. Mai sehr groß gefeiert und begossen. Leute schmücken ihre Bollerwagen mit buntem Papier und frischen Grün. In den fertig geschmückten Bollerwagen wird dann viel Alkohol und etwas zu Essen gestellt und dann geht es los durch Feld und Flur. So auch an diesem ersten Mai.
Die Sonne schien, und unser Trupp wartete auf der Straße auf die Leute die noch fehlten. Zu diesem Trupp gehörte J. Ich sah ihn schon von weiten. J. war riesig, deswegen wunderte sich niemand dass er Basketball spielte. Als ich ihn sah, kam ich mir dämlich vor, wie ich inmitten der Leute, mit einem riesigen Pott Nudelsalat in den Armen, stand. Wir beide wussten genau, dass das der Tag sein sollte, an dem wir uns kennen lernten. Weil wir beide es wollten. Weil wir beide uns an der Straße einige Wochen vorher kurz angeschaut hatten.

Der Tag verlief positiv. Wir lernten uns kennen und ich machte eine Menge Fotos von J. Nicht von uns gemeinsam, sondern von ihn alleine oder zusammen mit Freunden. Der Tag ging viel zu schnell um, und als ich schließlich vor meiner Haustür stand, wurden wir beide sehr schüchtern. Wir beide mochten uns, und als wir da so standen ging uns beiden genau dieser Gedanke durch den Kopf. Wir verabschiedeten uns schließlich und nach 4 Tage lag ein Brief von J. im Briefkasten. Und so fing alles richtig an.

Von nun an schrieben wir uns regelmäßig. Briefe, keine E-Mails. Das freute mich umso mehr. Wir hätten uns eigentlich treffen können, 4 Kilometer mit dem Fahrrad sind kein Hindernis, doch die Briefe machten uns interessanter. Wir schrieben uns jede Woche und die Jahre gingen ins Land.

Ich hatte einige Monate nach dem Beginn der Briefwechsel meinen ersten Freund. Dies musste J. zutiefst gekränkt haben, doch er erwähnte es nie. Warum J. nicht mein erster Freund wurde, ich weiß es nicht. Ich blieb lange mit diesem Freund zusammen, über ein Jahr, doch in dieser Zeit schrieben J. und Ich uns jede Woche. Mein Freund lernte J. kennen und mögen. Wer sollte J. schon nicht mögen. J. war einige Male bei mir zu Hause, immer an meinen Geburtstagen. Ich werde nie vergessen, wie er die Treppe zu mir hoch kam. Er trug seine alte Lederjacke und das Geschenk für mich in der linken Hand. Als er oben endlich ankam, umarmte er mich ganz feste.

Meine Mutter mochte ihn sehr. Die Eltern von J. lernte ich es nachher kennen. Mit J. ging ich zu meinem ersten Konzert. Ich war 14. Die Band nannte sich Terrorgruppe. Es war ein großartiger Abend. Es war sehr heiß, und der Qualm der Zigaretten nahm uns die Luft zum atmen. Und da sah ich J. wieder. Am pogen inmitten der anderen Leute. In mitten dieser Hitze trug er seine Lederjacke. Ich musste wieder an dem Tag im Frühling denken.

J. und ich tauschten immer unsere Bücher und CDs aus. So erfuhren wir eine Menge über den Geschmack des anderen und lernten neue Dinge und Ansichten kennen.
Als J. mit seiner Basketballmannschaft in Prag war, vermisste ich ihn sehr. Mit meinem Freund war ich zwar noch zusammen, und J. hatte mir von einem Mädchen aus seiner Klasse erzählt, doch waren dies ganz andere Dinge. J. und Ich waren anders. Aus Prag schrieb er mir einen Brief. In diesem Brief erzählte J. mir, dass er die Karlsbrücke gesehen habe, und gerne mit mir darauf stehen würde. Ebenso schrieb er, dass er von den Toten Hosen das Lied ‚Wort zum Sonntag’ immer wieder höre, und dabei nur an mich denken muss.

Ich trennte mich von meinem Freund, kam aber nicht mit J. zusammen. Es muss uns beide sehr gewundert haben. Doch standen wir uns sehr nahe und erzählten uns in unseren Briefen alles. Wenn wir uns trafen, lachten wir viel und alberten herum. Nach einen dieser Treffen fiel mir einmal auf, dass unserer Briefe immer einen sehr ernsten Ton hatten.

J. und Ich waren nicht nur beste Freunde. Es war Liebe. Das wussten wir beide, und wir beide waren sehr froh dass wir einander hatten.

Abends war ich immer am PC und telefonierte ab und an mit J. Wenn nicht checkte ich sehr oft meine Mails, da es am Wochenende vor kam das er mir schrieb. J. wusste dass ich auf seine Mails wartete.

Nur an diesem einem Sonntag nicht. Ich saß am PC, schaute aber nicht einmal in mein Postfach nach E-Mails nach. Um circa 23 Uhr ging ich ins Bett.

Als ich am Montag nach der Schule aus dem Bus stieg, sah ich einen Freund an der Straße stehen. Es war der Freund, der mir damals gesagt hat: „Das ist J.“
Dies Mal sagte er nichts und schaute mich nur groß an. Ich schaute zurück. Schließlich sagte er mir, dass J. sich vergangenen Abend erhängt habe. Bei sich zu Hause im Zimmer. Ich sagte erst mal nichts. Dann erwiderte ich, dass das nicht sein könne. Die 200 Meter nach Hause ging ich stumm. Im Haus und in den Armen meine Mutter fing ich an den Namen von J. zu schreien. Warum er das gemacht hat, kann keiner richtig beantworten. Durch die Briefe und sein Tagebuch, was man später fand, schätzt man schwere Depressionen.
J. war 17 Jahre und ich war 16 Jahre alt.

J. hatte mir am Sonntagabend eine E-Mail geschrieben. Bis heute frage ich mich, warum ich gerade an dem Abend meine gewohnten Tätigkeiten nicht nachgegangen bin. Ich hätte es ändern können. Vielleicht.

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74 Antworten

Kommentare

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    Oh, ein J. Text, die gehen irgendwie nie gut aus

    11.11.2012, 10:17 von EliasRafael
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    Oh, das ist übel.


    11.11.2012, 09:41 von topfbluemchen
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    Wow, das ist ein überraschendes Ende...

    Und ein sehr interessant geschriebener Text....
    mach dir nicht zu viele Vorwürfe...
    Ich weiß, dass ist leichter gesagt als getan...

    08.05.2009, 13:55 von R_Bernie
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    Ich bin sehr gerührt von deinem text.Sollte das eine wahre Geschichte sein hoff ich das beste für dich!Das hört sich nach einer echten liebe an, und was am ende richtig oder falsch gewesen wäre, weiß man nicht!
    Ich frage mich nur wieso.Die besten sterben jung.
    Lieben Gruß

    03.05.2009, 19:01 von Dina-Lisa
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    Respekt dafür das du dich getraut hast dieses bestimmt sehr schwere Thema für dich hier für alle Welt lesbar aufzuschreiben. Ich finde den Text in jeder Hinsicht gelungen. Wenn ein paar Schreibfehler auftreten finde ich das nicht so schlimm. Mich hat der Text sehr bewegt, vorallem habe ich nicht mit diesem Ende gerechnet. Hoffe es geht dir in dieser Hinsicht wieder besser.

    06.04.2009, 11:03 von McDreamy
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    ich kenne eine ähnliche Geschichte ... ein Junge bei uns im Dorf ... vor 2 Jahren ... hat das gleiche Schicksal. Jedoch kenn ich den Hintergrund nicht.
    Deine Geschichte berührt.

    22.02.2009, 20:00 von LemonStar
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    Die Geschichte ist schockierend und faszinierend zugleich, meine Gedanken kommen immer wieder darauf zurück.

    Den Schreibstil finde ich zu plump, aber die Sachlichkeit verstärkt die Tragik - gut!

    Es ändern können? Nein, das glaube ich nicht. Hinterher sieht man Verbindungen oft klarer - in der Gegenwart sind sie verschwommen, die Gefahr wurde nicht deutlich.

    Zu einigen unpassenden Beiträgen: Was für ein Kindergarten: nievaulos, herzlos, gedankenverloren, überflüssig!

    09.01.2009, 15:45 von Feuerfrei
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    Kurzkommentar:

    Der Schreibstil ist nicht schlecht sondern schlichtweg nicht vorhanden.

    Schade, denn die Geschichte hat genug Wucht zum Bestseller.

    Thema Schuld:
    Er war der Mann! Man kann ja auch mal den Mund aufmachen, bevor man ihn für immer schließt. Nein, kannste nicht verhindern sowas, glaub mir.

    09.01.2009, 11:42 von Quergedacht
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    Ich finde den Titel sehr gut gewählt. Die Geschichte ist mitreißend, das tut mir leid für euch beide. Nicht der Beziehung wegen, sondern einfach, weil die Welt (sprich du, seine Familie und Freunde) einen Menschen verloren hat. So sehr mich dies alles mitnimmt, so sehr stoppt das "J." den Strom, jedesmal wenn es wieder auftaucht. Wieso schreibst du nicht "Andreas", "Hermann" oder was weiß ich, wenn du nicht willst, dass der wahre Name bekannt gegeben wird? Über die Fehler konnte ich mit Mühe hinwegsehen, auch wenn ich es schade finde, dass diese die Emotion verstümmeln. Aber mit "J." kann ich nicht leben. Zurück zum Positiven: Mich hat das Ende umgehauen. Ich weiß nicht, wie einige Leute das vorhersehen konnten - ich hatte bis zur Wendung echt gedacht: "Und gleich liegen sie sich in den Armen". Dem war aber nicht so. Traurig. Schade, dass der Übergang so... plötzlich ist, aber vielleicht ist das auch der Grund, warum es mich so umhaut. Ich weiß nicht. Deinen Schreibstil an sich find ich im Großen und Ganzen gut. Diese kurzen Sätze wurden schon mal angesprochen.
    Zu guter Letzt: "Schuld" ist nur J., aber da der nicht mehr Herr seiner Gedanken war, ist auch er als "schuldunfähig" zu beurteilen. VIELLEICHT hätte man mit mehr Umsicht einige Zeichen sehen können, aber du warst 16 - ich denke, dass kaum 16-jährige die Situation richtig einzuschätzen gewusst hätten. Also mach dir darum keine Sorgen. Ich denke, dieser Artikel wird dir vielleicht ein Stück weit geholfen haben, damit abzuschließen. Dass manche der Kommentare dich dabei vielleicht wieder zurückgeworfen haben, sei dahingestellt und sollte von dir einfach nicht beachtet werden.
    ---Ende---
    Zitat: "Tanea
    RE: Das Wort zum Sonntag

    @Lina
    Der Text würde ne Menge Leute so richtig vom Hocker reißen, wenn er gut geschrieben wäre. Und immerhin ist dies ein Forum zum schreiben von Texten. Wenn man hier Texte einstellt, dann sollte man sich darüber im Klaren sein, dass sie bewertet werden.

    07.01.2009 08:49 Uhr"

    Hm, irgendwie klappt das nur bei mir nicht O.O Ich war auf alles gefasst, als ich meinen Artikel damals eingestellt habe (z.B. "Gefühlsdusel haben wir genug" o.ä.) aber darauf, dass niemand etwas schreibt, war ich nicht gefasst.

    Viele Grüße

    09.01.2009, 10:20 von SoKoLiebe
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