ina-simone 04.06.2004, 14:32 Uhr 16 2

Das Leben ist ein Traum, träume ihn süss!

Was Menschen, genau 88 Jahre bevor Kate Moss geboren wurde, in ein Poesiealbum schrieben.

Die Farbe Altrosa, die kennt man. Wenn es auch Altblau gäbe, dann würde es sich zu Blau verhalten, wie Altrosa zu Rosa, klar. Dieter Hildebrandt besitzt sicher einen Blouson in dieser unauffälligen und latent seriösen Farbe.
Das Poesiealbum, um das es hier geht, ist jedenfalls altblau und mit hübschen Schnörkelprägungen verziert, über die man instinktiv mit dem Finger fahren muss, wie über einen frischen Mückenstich-Vulkan, der den Hautsegen stört.
Auf dem Büchlein steht in goldenen Lettern (Reden ist Silber, Schreiben ist Gold!):
ALBUM.

Es ist von 1886.
Zu dieser Zeit ist die deutsche Luxuspapier-Industrie führend in der Welt. Jeder hat ein Poesiealbum in seinem Nachttischchen, schönschreibt, malt, dichtet, widmet, freundschaftsbekennt, lebensweisheitet. Und klebt Bilder ein, die durch die Blume sagen, was Worte nur umschreiben könnten: Rosen stehen für Liebe, klar; Vergissmeinnicht für dauerhaftes Gedenken, auch klar. Aber weitere visuelle Vokabeln wären auch 1886 schon eine gute "Wer wird Millionär?"-32.000 Euro-Frage gewesen.
Noch 70 Jahre zuvor, in der Biedermeierzeit - der "Ära der Empfindsamkeit" mit ihren Gesellschaftsidealen Innerlichkeit, Zärtlichkeit, Familienglück und Einklang mit der Natur -, war die Sprache der Blumen so weit verbreitet wie heute Englisch. Jeder wusste, dass die Anemone dem verschlüsselten Liebesbekenntnis "Du bist mein Nachtgedanke und mein Traum" gleichkommt.

Der Besitzer des altblauen Büchleins wohnte anscheinend in Waltershausen, hatte einen Lehrer, der Meinhold hieß und ihm am 16. Januar 1886 folgende Zeilen in sein Poesiealbum schrieb:

"Fürchte Gott, ehre den König!"

Auf den Tag genau 34 Jahre später beginnt in den USA die Prohibition, 71 Jahre später wird der "Cavern Club" in Liverpool, der als Wiege der britischen Beatmusik gilt, eröffnet und 88 Jahre später Kate Moss geboren.

"Album" leitet sich von "alba" ab und das heißt im Lateinischen "weiß, blank, leer". In Italien gibt es einen Ort an der Adria, der genauso heißt, wahrscheinlich seines weißen Strandes wegen. Dort ist es jedoch eher voll.

Voll wurde das Album des jungen Burschen aus Waltershausen, dessen Name nirgendwo steht, nicht ganz.

"Das Feuer hebt vom Funken an
Vom Funken brennt das Haus
Drum wo ein Funke schaden kann
Lösch ihn bei Zeiten aus.

Erinnerungszeilen
Deiner Freundin
R.Schulz"

Was war da los mit dem Namenlosen und Fräulein Schulz? Sollte der Besitzer des altblauen Büchleins zwischen den Zeilen lesen? Hatte er R. Hoffnungen auf eine Liaison gemacht, ein Feuer entfacht und war dann weggerannt wie ein juveniler Brandstifter das eben tut?

Bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es das sogenannte "album amicum" (Freundschaftsalbum), dieses war jedoch zunächst nur in reformatorischen und humanistischen Kreisen Sitte. Es wurde ein Sport, möglichst viele Einträge von angesehenen Zeitgenossen zu sammeln. Später wurde das fast ausschließlich von Männern geführte Album zu einem durch alle Bevölkerungsschichten verbreiteten Teenageralbum.

Man kennt die eddingbewaffneten "The Dome"-Jüngerinnen, bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob sie im Falle eines nahenden Boygroup-Bübchens schneller den Auslöser ihres Fotoapparates aktivieren oder hyperventilieren können. Schon Martin Luther wurde in Wittenberg von schwärmenden Scholaren umlagert. Und die wollten nicht bloß ein Autogramm, ein Lächeln und ein Bild, sondern einen intelligenten Eintrag in ihr Büchlein. Luther hatte sich extra eine kleine Sprüche-Sammlung angelegt, um zeitsparend seine Fans zu bedienen.
Da hat es Kate Moss besser, bei ihr genügt tadelloses Aussehen vollkommen, ein Lächeln ist gar nicht zwingend notwendig. Auch nicht der Beweis, dass sie ihren Namen schwungvoll, fehlerfrei und zügig schreiben kann. Will man ja gar nicht wissen.
Aber wenn sie sich im White Stripes-Video zu "I Just Don't Know What To Do With Myself" so grazil herumschlängelt, würden sicher einige Leute gerne Frau Moss ins Poesiealbum schreiben. Vielleicht das hier:

"Das Leben ist ein Traum, träume ihn süss!"

riet Schulfreund Ernst Hennings dem Besitzer des altblauen Büchleins.

Ich gebe zu: Mein Poesiealbum verstaubt seit fast 15 Jahren. Aber ich erinnerte mich neulich, als ich zwei liebe Menschen so ein bisschen verkuppelte, an einen Spruch, den ich einmal selbst in ein Poesiealbum geschrieben hatte:

"Willst Du glücklich sein im Leben
Trage bei zu and’rer Glück
Denn die Freude, die wir geben
Kehrt ins eig’ne Herz zurück."

Ein simples Verslein, das aber so viel Wahrheit destilliert. Wenn diese ein Schnaps wäre - dessen Hochprozentigkeit würde schon nach bloßem Lippenbefeuchten ihren Tribut fordern. Prohibition entspräche der größten Lüge, die man sich vorstellen kann.

Es wäre spannend zu wissen, wie die Ur-Ur-Enkel des Namenlosen ihren liebsten Freunden zeigen, dass sie zu den Guten hören. Ganz sicher nicht mehr mit einem Poesiealbeneintrag.
Möglicherweise mit einem mühe- und liebevoll kompilierten Mixtape. Oder eher: einer Mix-CD. "I Just Don't Know What To Do With Myself" ist vielleicht sogar auch drauf und beim Hören Kate Moss im Kopf, wie sie tanzt. Oder aber die Ur-Ur-Enkel poetisieren in 160 Zeichen auf einem komischen Display. Oder schreiben einen Eintrag in einem Online-Gästebuch. Oder sie schenken echte, herzverlesene Worte, auf echtem Papier. Auf Briefpapier, vielleicht sogar in altrosa. Oder altblau.

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16 Antworten

Kommentare

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    Das ist mal eine ganz andere Sorte von Text.
    Sehr schön umschrieben, tolle Bilder gezeichnet :)
    Wunderbar.

    21.12.2008, 17:42 von couscous
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    Also mein Favorit ist und bleibt:
    "Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei."
    Ja gut, wahnsinnig unpoetisch.. aber hey, ist was dran oder ist was dran!?

    28.11.2006, 13:26 von miezemaus
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    Sehr schöner Text...
    Wo kann man das über die Blumensprache nachlesen?

    23.06.2004, 21:43 von smerles
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    wunderschön gedacht und ebenso geschrieben.

    aber eine schelmische frage hätte ich dazu: weshalb äußerst du einzig den gedanken, der unbekannte album-besitzer könnte einen funke bei frau schulz entfacht und dann weggerannt sein? ich finde, der vers von frau r. schulze klingt eher danach, dass der gute junge sich keine hoffnungen bei ihr zu machen brauche. das wäre doch eher typisch, oder nicht?

    12.06.2004, 16:19 von silente
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    Ich habe auch eine ganz besondere Beziehung zu meinem Stammbuch. Weil die Beziehung zu meinem Dad immer ziemlich unterkühlt gewesen ist, aber er hat folgendes reingeschrieben:

    "Egal wie hoffnungslos die Welt erscheint, du weißt, ich bin daheim und warte darauf dir helfen zu dürfen."

    Da hab ich dann mal ein paar Tränen vergossen.

    09.06.2004, 21:30 von Yinn
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    was du alles weißt. gut verpackt. respekt. g.

    09.06.2004, 21:22 von lucent72
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    Wie immer ein schöner Text!

    09.06.2004, 21:04 von lavinia
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    Der Text begann recht schön, aber in der Mitte bringt mich der ständige Wechsel zwischen Pop- und Biedermeierzeit etwas aus dem Konzept. Schade eigentlich.

    09.06.2004, 13:52 von DaLotta
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      @[Benutzer gelöscht] ich erinnere mich, dass ich immer was selber gedichtet habe (oh gott, das würde ich gerne noch mal lesen *lach*)

      09.06.2004, 18:31 von Sammy
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    Witzig, ich hab mein altes Poesiealbum (von 1982, da war ich 7 und jeder in der Grundschule hatte eins !) grade wiederbelebt, als ich feststellte, dass mein Papa sich bisher erfolgreich davor gedrückt hatte, dort was hineinzuschreiben ! Also hab ich es ihm leicht verspätet vorgelegt und er hat tatsächlich was für mich verfasst - sogar selbst ausgedacht ! Ich bin wirklich begeistert !
    Zudem können meine jüngeren Geschwister nun auch was reinschreiben, die "damals" noch nicht mal geboren waren ...

    09.06.2004, 13:05 von KirstyLakolk
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