PinguinPrinzessin 13.02.2010, 20:28 Uhr 0 0

Das Gastspiel

Das einzige, was mir spontan in dieser Wohnung gefiel, waren weder er noch die Katze, sondern die abgeschliffenen und unlackierten alten Holztüren.

„Hör auf damit, ich will es nicht hören!“ wirfst du mir halb wütend, halb lustigmachend an den Kopf. Es klingt beschuldigend.

Gestern Nacht um zwölf Minuten vor Mitter riefst du mich an. Mein Telefon klingelte. Deine Frage wäre gewesen, ob du die Reste vom Vorabendessen aufessen dürftest, doch ich ging nicht ran und erfuhr es nicht. Stattdessen wuschest du sogar die Auflaufform anschließend ab. Statt mit dir ein, zwei, drei Sätze zu wechseln, lag ich im fremden Bett eines Unbekannten. Ich lag da, er lag da. Er lag auf deiner Seite, ich lag auf meiner Seite. Er lag da, wie du daliegst, ich lag in deinen Armen. Nein, in seinen. Nachdem wir einen gemütlichen, aber streckenweise schweigsamen Abend miteinander verbracht haben, während du arbeiten gewesen bist, legte er gespielt spontan und für mich ungespielt überraschend seine Hände auf meine wollwintermantelbedeckten Hüften und küsste mich. Woran er war, war unklar. Ich spielte meine Rolle unübertroffen gut: Sei schlau, werd dumm! Für ihn spielte ich das junge dumme Blondchen, neben dir brauchte ich mich als intelligente Rothaarige nie verstecken.

So standen wir da, mitten auf diesem riesigen Platz an einer belebten Straße und es war mehr schlecht als recht. Ich schaute mich um, fühlte mich wie auf einem Präsentierteller, schlussendlich erlöst von seiner Frage, ob ich noch auf einen Tee mit zu ihm kommen würde. Perplex von dieser Forschheit ging ich mit, er wohnte eine halbe Straße weiter.
Und so muss ich immer wieder staunen, wie durchschnittliche Studentenzimmer aussehen: Holzmöbel, nur das Nötigste, bilderleere weiße Wände. Das einzige, was mir spontan in dieser Wohnung gefiel, waren weder er noch die Katze seiner Mitbewohnerin, sondern die abgeschliffenen und unlackierten alten Holztüren. Keine halbe Stunde sollte dauern, wofür du mehr als einen Monat gebraucht hast: Wir lagen im Bett. Angezogen und einander völlig fremd, aber im Bett. Ich musste daran denken, wie pingelig aufgeräumt dein Fußboden, ja eigentlich dein gesamtes Zimmer einschließlich Mülleimer, ist. Ich musste daran denken, wie du mich an unbilligen Tees Teil haben lässt. Ich musste daran denken, wie besorgt je nach Besuch du deine Bettwäsche auswählst. Und ich musste sogar daran denken, dass ich all jenes im dortigen Chaos vermisste wie die Tatsache, in seinem Arm zu liegen, aufzuschauen und statt deines im Schlaf so beschützenswerten Profils gänzlich ungewohnt blonde Wimpern, blaue Augen und einen anständigen Dreitagebart zu entdecken. Kuss! Ja, es war, wie mit dir im Bett liegend einen beliebigen Film zu sehen: Mädchenkörper rechts, Männerkörper links, Arme umeinander. Wenn ich aufblickte, wollte ich dein Gesicht erblicken, wenn ich ihn küsste, galten meine Gedanken dir, wenn mein Mund die Bartstoppeln an seinem Hals wahrnahmen, erwartete ich dein Parfum. Nichts von alledem.

Gegen zwei machte ich mich auf den Heimweg, bedankte mich für den Tee und den Abend, gab brav und großzügig Abschiedsküsse und versicherte, dass die gegebene Telefonnummer auch die meinige ist. Wie ich die Treppe herunterhüpfte, erinnerte es mich an jenen, den ich vor dir hatte, dessen Frau ich sein wollte. Du hast ihn mir ausgeredet, aber das ist eine andere Geschichte. Ich erinnerte mich, zwei nach zwei am Platz meiner Uni vorbeigeschlendert zu sein, kurz nach drei lag ich abgeschminkt und geputzt im Bett, du nur wenige Meter entfernt. Zunächst war ich stutzig bei meiner Heimkehr deine Hausschuhe zu erblicken, denn dies ist für gewöhnlich ein Zeichen, dass du außer Haus bist, doch dein Schlüssel steckte. Zu gern hätte ich dir einen Gutenachtkuss auf die Wange gedrückt, aber nein! Diesen Triumph gönnte ich dir nicht. Selbst diese Annahme wäre falsch gewesen.

Als ich dir heute Nachmittag von meiner Begegnung erzählte, machtest du dich zunächst über alles Amüsante, das ich dir erzählte, lustig - wie ich es wollte. Erst in deinem Raum beschrieb ich dir, warum ich deinen Anruf nicht rechtzeitig wahrnehmen konnte: Das Telefon in der Tasche, die Tasche an der Tür und ich im Bett. Böse schautest du mich an. Der Grund, warum ich hergekommen war, wäre genau und nur an dieser Stelle passend gewesen, wie für den Moment geschaffen: 'Als ich dort lag und ihn ansah, ich wollte dich sehen. Als seine Hand auf meinem Rücken war, sollte es deine sein. Als ich das Nichts an seinem Hals fand, wollte ich dein Parfum schnuppern. Als er mich küsste, küsste ich dich.' Doch diese Gedanken blieben, wo sie waren. In meinem Herzen. Du verstandest: Ich+er+Bett.

„Hör auf damit, ich will es nicht hören!“ wirfst du mir halb wütend, halb lustigmachend an den Kopf. Es klingt beschuldigend.

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