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init-admin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 11

Das Ernie-&-Bert-Prinzip

Dieser Grundsatz gilt in der Liebe, in der Freundschaft und auch immer im Job: Einer ist immer der Ernie und einer der Bert.

Irgendwann waren wir alle mal Ernie. Als Ernie hat man einen großen Kopf und große Stauneaugen, man ist neugierig, freundlich und ziemlich süß. Man sitzt mit Quietscheentchen und Regenschirm in der Badewanne und wartet auf den Wolkenbruch im Bad. Man lässt sein Spielzeug liegen, wo man geht und steht, und wenn man aus dem Haus will, dann nimmt man alle wichtigen Sachen mit: das Entchen, den Hut fürs Entchen, die Kekse fürs Entchen, den Ball und das Märchenbuch – nur an den Haustürschlüssel, an den muss ein Bert denken. Zum Glück hat man solche Berts um sich, die sich um alles kümmern: Leute, die vernünftig sind, die einem erklären, wie die Welt funktioniert und die genau in dem Moment die Augenbrauen mahnend bis zum Haaransatz hochziehen, in dem man selbst am meisten Spaß hat. Meist sind diese Berts einen knappen Meter größer als man selbst und hören auf den Namen Mama oder Papa.
Nun sind Ernie und Bert aus der Sesamstraße in Wirklichkeit keinesfalls Vater und Sohn: Sie sind zwei Freunde, die das Schicksal irgendwie zusammengefügt hat. Ob ihre Beziehung eine sexuelle Komponente hat, sei der Fantasie der Gay
Community überlassen. Sicher ist: Sie schlafen in zwei getrennten Betten, sie küssen sich nie, aber sie umarmen sich gern und gestehen sich ihre Zuneigung. Zwei gleichberechtigte Partner – von denen einer ein kindlicher Nichtsnutz ist und der andere vernünftig. Ein Paar, wie es einem überall begegnet: unter Arbeitskollegen, Freunden, Liebenden. Denn überall gilt die Regel: Ist der eine Ernie, wird der andere automatisch Bert, und ist der eine Bert, darf der andere Ernie sein.
Die Ernies in der Schule sind die, die ihre Buntstifte nie rechtzeitig anspitzen und regelmäßig ihre Butterbrote vergessen. Sie lachen dann nett, die Lehrerin verzeiht ihnen, und der Banknachbar schiebt die Hälfte seiner Brote rüber, und zwar die mit der leckeren Marmelade. Haben die Ernies Schnupfen, zücken die Berts neben ihnen die Taschentücher; haben die Ernies nicht gelernt, lassen die Berts sie abschreiben, mit leiser Verachtung im Blick. Man würde keine Ernies zum Klassensprecher wählen, aber lädt sie zu Partys ein – bei den Berts gilt das umgekehrt. Berts werden nicht auf den ersten Blick geliebt, sie werden gebraucht. Ernies kann man nicht gebrauchen, aber jeder liebt sie.

Wer einmal an einer geführten Gruppenreise teilgenommen hat, weiß, wie gut man jederzeit zum totalen Ernie werden kann. Mit großen Augen trottet man hinter dem in die Luft gereckten Regenschirm des Reiseleiters her, verschwendet keinen Gedanken an Himmelsrichtungen, Stadtpläne und Tagesplanung und amüsiert sich dabei nach Kräften. Das Leben als Ernie ist wunderbar: Man schwebt in einer Wolke von Verantwortungslosigkeit und wirkt dabei so sympathisch, dass einem niemand widerstehen kann. Der Nachteil ist nur:
Wenn der Reiseleiter einmal Feierabend macht, findet man kaum mehr allein den Weg zur Toilette.
Aber auch zum Bert wird man schneller, als man sich in jugendlich-erniehafter Unbeschwertheit so ausmalt: Man muss nur mit einem Menschen zusammentreffen, der noch unvernünftiger ist als man selbst. Wenn die eine Freundin hemmungslos flirtet, wird die andere zumindest die schlimmsten Typen mit strengem Blick wieder vom Kneipentisch entfernen. Wenn ein Freund immer den hochprozentigen Cocktail trinkt, nimmt der andere irgendwann das Mineralwasser, einer muss ja fahren. Neigt der überaus kreative und sympathische Arbeitkollege, mit dem man das aktuelle Projekt gemeinsam durchstehen muss, zum Überziehen jeder Deadline und vergisst dabei auch noch, wichtige Dokumente weiterzuschicken, wird man selbst das Gröbste durch beherztes Eingreifen verhindern. Natürlich nicht, ohne gelegentlich ein paar strenge Worte in Richtung des unvernünftigen Kollegen abzulassen.
In größeren Arbeitsgruppen wird schnell klar, wer diejenige ist, die man immer bitten kann, eben noch ein Problem mit dem Computersystem zu lösen. Ist der Bert erst identifiziert, lehnen sich die anderen erleichtert zurück und wenden sich ihren Quietscheentchen beziehungsweise Kaffeetassen zu.
Man sollte dabei nicht glauben, dass Vorgesetzte immer zum Bert-Tum neigten und Untergebene zur Ernie-Seite. Sekretärinnen zum Beispiel sind meist Berts, und ihre Chefs Ernies. Spätestens wenn die Sekretärin ihren hart im Quietscheentchenbusiness arbeitenden Chef ermahnt, regelmäßige Mahlzeiten zu sich zu nehmen, und ihm die Hose in die Reinigung trägt, ist die Ernie-& Bert-Falle zugeschnappt. Wer jetzt an all die Ehepaare denkt, bei denen der Mann wo chen ends versonnen im Hobbykeller vor sich hin lötet, während seine Frau mit genervtem Ge sichts ausdruck Kinder und Haushalt versorgt, liegt richtig. Gerade in Familien mit Kindern fällt die Bert-Rolle oft den Müttern zu, sie haben in den ersten Monaten nach der Geburt ja sowieso kleine Ernie-Traumtänzer zu versorgen, da kann die ernste Miene ja gleich stehen bleiben – und Männer entziehen sich dem Stress durch fröhliches Spiel mit der Eisenbahn oder Aktienkursen. Das heißt nicht, dass Ernie-Tum Männersache und der Bert-Job was für Frauen wäre. Auch in homosexuellen Partnerschaften macht oft einer die Steuer für beide, räumt auf und hat die Finanzen im Blick – während der andere irgendwie lustiger wirkt.

Wen mochte man denn lieber in der Sesamstraße? Ernie natürlich! Als Bert hat man zwar gelegentlich das gute Gefühl, sein Leben im Griff zu haben; man ist erfolgreich im Job, man versinkt nicht im Chaos und steht auch niemals morgens um sieben in Unterhosen ohne Hausschlüssel vor der verschlossenen Wohnungstür. Doch leider wird man von den Ernies oft rettungslos ausgenutzt. Und während man sich über das Chaos der anderen wundert, rutschen einem die Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch – und das sieht leider sehr unattraktiv aus. Selbst wenn man, wie Bert, zu Partyzwecken seine Nase abnehmen und sich ans Ohr stecken kann, wirkt man steif und schlecht gelaunt. Doch das Gute ist: Jenseits der Sesamstraße ist niemand immer Bert und niemand immer Ernie.
Weil alle als Ernies geboren wurden, dürfen alle auch immer mal wieder Ernies werden, mit ihrem Quietscheentchen reden, ihre Hausschlüssel verlieren und sich mit einem Regenschirm in die Badewanne setzen. Alle müssen auch mal Bert sein, ihren Schreibtisch aufräumen, ihre Steuererklärung machen und die Ernies in ihrem Leben zur Raison bringen. Und wer das Glück hat, als Ernie oder auch als Bert mit seinem Pendant im Bett zu landen, der möge die wichtigste Regel beherzigen: Beim Küssen aufpassen, dass die Nase nicht abfällt.

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