la_vendla 30.11.-0001, 00:00 Uhr 40 17

Danke, die Speisekarte brauchen wir nicht

Über die Freundschaft zu einem essgestörten lieben Menschen

...denn ich esse nicht mehr!
Das denk ich mir, ich sag´s dir aber nicht. Es würde dich verletzten, das will ich nicht.
Du ernährst dich nur noch von Kaffee und Milchschaum. „Ja. Ich kann nicht an Essen, wiegen oder geregelte Mahlzeiten denken. Da setzt der verstandgesteuerte Teil in mir aus.“
Der böse Teufel tritt dann in den Vordergrund, der ganz dicht neben deinem Ohr sitzt und immer wieder brüllt: Du darfst nicht essen.

Aber von Anfang: die Semesterferien waren vorbei und wie immer, seit dem Sommersemester, war ich mal wieder auf den letzten Drücker in der FH. Zum Glück gibt es dich, du hältst mir einen Platz frei in dieser Massenveranstaltung. Schnell am Prof vorbei, der mir noch freundlich zunickt und dann der Schreck.
Die, die du einmal warst, bist du nicht mehr. Du schreibst mir einen lieben Gruß auf meine Aufzeichnungen und da fällt mir deine Hand auf. Jede einzelne Sehne kann ich zählen, jeden einzelnen Zwischenraum. Die Haut nur noch eine Hülle, um das Etwas darunter zuschützen.
Du bist nur noch zur Hälfte da. Die Wangen eingefallen. Die Arme so dünn, zerbrechlich. Die Beine gleichen Stelzen. Ich bin geschockt.

Wir sitzen in der noch wärmenden Mittagssonne. Jeder mit einem Kaffee bewaffnet. Nebenbei ess´ ich mein Brot. Ich überwinde mich: Du bist dünn geworden. „Ja, das ist so ´ne Mischung aus Magersucht und Bulimie!“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Das Thema taucht im Studium mal auf, aber da ist es weit weg. Und jetzt springt es mich fast an. Ich komm nicht vorbei. Was macht man da? Wie geh ich mit dir um? Wie kann ich dir helfen?
Ich fühl mich hilflos, vielleicht zum ersten Mal bewusst in meinem Leben.

Es ist wieder mal Freitag und ich sitz im Zug nach Hause. Du schreibst mir eine SMS, die sich nur um einen Fressanfall dreht. Ich kann nix machen. Ich würde dir ja helfen, aber ich weiß einfach nicht wie! Hilflosigkeit, immer wieder diese Hilflosigkeit.

Letzten Sonntag sitzen wir im Café. Von der ersten Etage aus, können wir die Hektik der einkaufenden Menschen sehen. „Hier kann man so schön Menschen beobachten.“
Die Kellnerin kommt und erkundigt sich, ob sie uns schon was zu trinken bringen kann oder ob wir noch die Speisekarte wollen.
„Nein Danke, die Speisekarte brauchen wir nicht!“
´Du isst ja nicht mehr`, kommt mir in den Sinn, aber ich sag´s nicht. Dann wäre das das letzte Mal, dass wir uns treffen.

Du hast mir von deiner Familie erzählt, die eigentlich seit Jahren schon keine mehr ist. Von deiner engen Beziehung zu deiner Mutter und deiner Oma.
Dein Vater spielt keine Rolle mehr in deinem Leben.
Distanz als Schutz vor Verletzungen, die sich in die Seele eingebrannt haben und die du nicht mehr aushalten willst. Ich würde vielleicht genau so denken.

Wie soll es mit dir weitergehen?
Ich hab keine Lust zu zugucken, wie du zu Grunde gehst!
Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, in eine Beratungsstelle zu gehen.
„Da geh ich nicht hin, das sind wildfremde Menschen!“
Aber sind die im Internet, in Foren, in Chats nicht auch wildfremd???
Im Netz hast du noch die Kontrolle, wie weit es dich berührt, was da geschrieben wird und ob du etwas umsetzten kannst.
Im Gespräch mit anderen bist du fast zum Handeln gezwungen.
Wie weit willst du es noch kommen lassen?
„Vielleicht muss ich mal zusammenbrechen, um endlich wach zu werden!“

Ich würde es nicht soweit kommen lassen, aber ich kann dich zu nichts zwingen. Du bist alt genug, um selbst zu entscheiden.
Ich will nicht an den Tag denken, an dem ich erfahre, dass du im Krankenhaus liegst.
Du warst mir in der vergangenen Zeit eine wichtige Hilfe und Unterstützung. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dir das zurück zu geben.
Ich werde dich unterstützen, aber du musst mir auch entgegen kommen.
Ich kann nicht allein gegen einen so mächtigen Teufel kämpfen. Du musst mithelfen!
Freundschaft kann vieles überstehen, ich hoffe auch das!

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    Vor zwei Jahren habe ich meine beiden jetzigen besten Freundinnen kennen gelernt. Nie im Leben hatte ich derartige Freundinnen, wusste gar nicht, dass Freundschaft so sein kann. Dann fing die eine der beiden an, zu verschwinden. Langsam zunächst, irgendwann nicht mehr zu leugnen. Wir sprachen mit ihr, es dauerte eine Weile, doch dann vertraute sie sich uns an, wir stellten Esspläne auf, sie wollte keine Therapie, also meinten wir, wir würden es erst selbst versuchen (studieren Psychologie, folglich zumindest etwas Fachwissen). Plötzlich fiel sie in ein Loch. Zusammenbruch, Depression, was auch immer. Kam mit allem nicht mehr klar, ließ alles stehen und liegen und fuhr nach Hause. Sieht so langsam vielleicht den Ernst der Lage. Und das ist es, was fast noch schlimmer ist als die elende Hilflosigkeit: trotz allem war ihr nicht klar, wie es um sie steht. Ist es wohl immer noch nicht.
    Übrigens: es war nie eine Frage, dass wir beide immer für sie da sind. Haben unseren Alltag darum gebaut, mit ihr essen zu können etc. Und sicher ist das besser, als wären wir es nicht gewesen. Doch was mich fertig macht, ist dass ich nicht das Gefühl habe, ihr damit wirklich helfen zu können.
    Obwohl sie nun vor kurzem so zusammengebrochen ist, dass gar nichts mehr ging, will sie immer noch nicht in die stationäre Therapie. Sie sieht ein, dass sie zum Therapeuten muss, aber ich denke nicht, dass sie wirklich sieht, wie es um sie steht.
    Ich frage mich, was noch passieren muss. Aber ich habe Angst vor der Antwort.

    04.07.2009, 11:45 von serabesque
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    ich kenne das. nur zu gut. einziger unterschied...ich bin mit hinein gerutscht. und jetzt klettere ich wieder hinaus aber sie schafft es nicht. nichts ist härter als diese hilflosigkeit. ich kann sie so gut verstehen. aber helfen geht trotzdem nicht.

    12.06.2009, 00:00 von muschelaugen
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    Dein Text hat mir die Tränen in die Augen getrieben, einfach weil ich genau weiss, wie du dich fuehlst.
    Aber ich finde gut, dass du an der Freundschaft festhalten willst, denn das ist, was die Person braucht - einen Freund!

    01.06.2009, 07:19 von AngelAnni
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    finde ich mutig und klasse, dass du überhaupt schon mit dir darüber gesprochen hast. die meisten rennen da gerne einfach weg, weils zu kompliziert wird.

    dass deine freundin so offen spricht ("ja, das ist so ne mischung aus magersucht und bulimie") und sich in pro-ana-foren (so hörts sich zumindest an) aufhält, zeigt meiner meinung nach, dass sie dich braucht.

    viel erfolg

    13.04.2008, 17:01 von lerle
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    Ich kenne diese Situation, habe meine beste Freundin an den Alkohol verloren. Habe noch einige Jahre zu kämpfen versucht, aber dann leider verloren. Nein, meine Freundin lebt schon noch, aber ich habe aufgegeben, weil es mich mit kaputt gemacht hat. Es ist die Ohnmacht, der man da ausgesetzt ist.

    18.05.2007, 13:57 von Prinzessin1506
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Wie hilft man einem Menschen, der noch gar nicht bereit dazu ist, dass man ihm hilft? Wie hilflos kann sich ein Mensch fuehlen, wenn man sowas mit ansehen muss? Wie gerne moechte man helfen, moechte eine gute Freundin sein, kann es aber nicht, weil die Person sich nicht helfen lassen will ( oder kann)... So hart es auch klingt, gib ihr Zeit. Sie muss selbst erkennen, dass sie ein ernstzunehmendes Problem hat. Wenn sie das weiss, kannst du ihr helfen. Bis dahin sei fuer sie da, hoer ihr zu, sag ihr aber auch, was du denkst und versuche ihr ein Stueck die Augen zu oeffen. Menschen mit Bulimie und/ oder Magersucht haben oft einen verkehrten Blick auf die Dinge.
    Viel Kraft auf deinem Weg!

    26.01.2007, 17:10 von Kuestentini
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    Hey du!
    Ich kann wirklich sehr gut nachvollziehen wie du dich fühlst. ich war selbst lange zeit magersüchtig und auch in stationärer Behandlung. Aber all das bringt einem überhaupt nichts, wenn man nicht selbst wieder ghesund werden möchte. Da können die anderen noch so viel auf einen einreden es doch zu lassen. Das bekräftigt einen dann noch mehr. Sie muss wirklich erst einmal an den Punkt kommen, wo sie merkt es geht nicht mehr. Vorher hat alles keinen Sinn. KLingt leider hart, aber anders geht es nicht. Leider. Aber sei für sie da, denn auch wenn sie es vll nicht zugibt, sie braucht dich. Es ist so ein harter Weg, mit vielen Höhen und Tiefen, aber man kann es schaffen zumindest halbwegs wieder ein normales Leben führen zu können. Vielleicht interessiert dich ja mein Artikel, den ich zu diesem Thema verfasst habe. Aus der Sicht von einer Betroffenen. "Der Kampf mit mir selbst und Dir"
    LG schmatzerle

    20.01.2007, 22:18 von schmatzerle
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    Ein sehr gut geschriebener Text! Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass du mehr tun kannst, ja sogar musst, als einfach nur abzuwarten. Du musst sie darauf direkt ansprechen. Sie muss aufwachen. Es wird am Anfang sehr hart sein an sie heran zu kommen, aber sie hat ja schon beil Vertrauen zu dir. Das musst du nutzen! Es ist echt nicht einfach, keine Frage.
    Viel Glück wünsch ich dir!

    18.01.2007, 16:39 von Petruz
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    ich habe das gleiche erlebt wie du.
    letztes jahr erkrankte auch eine freundin von mir an magersucht. ich kann gut verstehen, was du fühlst, denn diese situation ist nicht nur für die betroffene person schwierig, sondern auch für die freunde und familie.
    steh ihr auf jeden fall immer zur seite, denn bei uns war es der fall, dass sie alle fallen gelassen haben, weil niemand recht mit der krankheit umzugehen wusste und so war ich letztendlich die einzige, die meiner freundin geblieben ist.
    auch für mich war diese zeit sehr schmerzhaft, denn ich habe feststellen müssen, dass meine freundin, die sonst immer so verantwortungsbewusst war, ihren körper hasste und sich mit hunger selbst quälte und bestrafte, sich schlussendlich selbst zerstörte. es ist schrecklich miterleben zu müssen, wie eine person sich nicht nur äußerlich verändert, sondern dass mit dem gewichtsverlust auch ihre charakterzüge verschwinden und sie sich und ihre art verändert und schließlich nur noch die leere hülle ihrer selbst ist.
    auch für mich war die nachricht, dass sie in die klinik kommt, zuerst ein schock. doch glaube mir, dass ist die einzige lösung und der einzige weg aus dem tal der essstörung. doch das zu erkennen ist für die magersüchtigen menschen oft schwer. also bestärke sie auf jeden fall darin, sich behandeln zu lassen, denn alleine könnt ihr diese krankheit nicht bewältigen und überwinden.
    ich wünsche dir und deiner freundin alles gute!
    lizzi

    07.01.2007, 00:08 von Lizzi89
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