Sommerregen03 03.07.2013, 23:58 Uhr 32 54

Briefe im Handgepäck

Du bliebst der Mensch, bei dem ich mich "zu Hause" fühlte. Heimat war irgendwann längst mehr als das Stück zwischen zwei gelben Ortsschildern.

Den Menschen, die uns kennen lernten, erschienen wir immer als unzertrennlich und stark. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft sie uns sagten, uns zwei bringe nichts mehr auseinander oder dass wir gemeinsam nicht auszuhalten seien. Wir waren Freundinnen, Vertraute, Basis und Nährboden - und das seltsamerweise schon von Anfang an. Damals erschien mir die Tatsache, dass jede von uns alleine wohl in dem neuen Alltag, den sie sich ausgesucht hatte, ohne Gnade gefallen wäre, als Fluch - heute bin ich dankbar dafür.

Was die Leute nicht ahnen können, ist, dass du immer ein bisschen stärker warst als ich. Du warst geradliniger - Abi, Ausbildung, auf eigenen Beinen stehen. Ich zerlegte meine vielen Leben in Trümmer und war dann zu müde, um diese wieder zusammenzufegen. Ich pendelte einfach weiter - durch die Welt, von Uni zu Uni, an immer neuen Gelegenheitsjobs entlang. Ich lernte neue Leute kennen, die mir helfen sollten, die alten zu vergessen. Nie funktionierte das sonderlich gut, doch das wusstest du schon vorher. Deine Gefühle sind mit dir gereist höre ich noch immer wie ein Mantra in meinem Kopf. Während all dieser Zeit bliebst du mein Dreh- und Angelpunkt, mein Hafen und der Mensch, bei dem ich mich zu Hause fühlte. Heimat war irgendwann längst mehr als das Stück zwischen zwei gelben Ortsschildern. Die Kriege, die wir kämpften, wurden schwieriger. Manchmal waren wir alleine, doch an den meisten Fronten standen wir gemeinsam. Staub wirbelte auf, Motoren lärmten, Bomben fielen. Die andere blieb immer in unserem Rücken, als Schutz und Schild und der Mensch, der uns auffangen würde, sollten wir im Gefecht fallen. Mir passierte das öfter als dir - und so kam es, dass du viele meiner Kriege für mich zu Ende gekämpft hast. Manchmal auch gegen Menschen, die du eigentlich liebtest. Du tatest es wie selbstverständlich und ich war dir dankbar dafür.

Morgen geht dein Flieger in die vielleicht schwierigste Schlacht, die du je aus zu tragen haben wirst. Ich weiß es, weil ich die Gleiche Jahre vor dir kämpfte. Wie gerne hätte ich dich begleitet, kann dir heute aber nur das mit auf den Weg geben, was ich mir damals gewünscht hätte:

Trauere nicht, noch nicht jetzt. Dafür bleibt dir später noch genügend Zeit. Nutze die, die du jetzt noch vor dir hast, stattdessen mit guten Gedanken. Lass die Klamotten zu Hause und pack an ihrer Stelle an Hoffnung ein, was nur geht. Du könntest sie ihm mitbringen - ich weiß, er würde sich darüber freuen. Für das Übergepäck am Flughafen habe ich bereits bezahlt. 

Und pass vor allem gut auf dich auf, Soldatin. Komm wieder nach Hause zurück. Komm zurück an den Ort, der Heimat heißt und Geborgenheit ist und wo deine beste Freundin auf dich wartet.


Tags: Beste Freundin, Abschied, Krieg, Trauer
54

Diesen Text mochten auch

32 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Mhm...versteh ichs nicht, oder ist es einfach mega pathetisch und hat keinen Inhalt? :O

    04.01.2014, 01:45 von Provehitoinaltum
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Beim letzten Abschnitt, da war's dann soweit. Die erste hat die Grenze überschritten und nun kullern sie runter.

    03.01.2014, 21:33 von damemitkamera
    • 0

      Ich werte das als positiv, also ... Danke dafür!

      04.01.2014, 00:33 von Sommerregen03
    • 1

      Und ob, tu das!

      05.01.2014, 10:42 von damemitkamera
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wie immer: Treffer, versenkt!

    29.07.2013, 18:06 von tintinnia
    • 0

      Danke! :)

      29.07.2013, 20:10 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 0


    29.07.2013, 18:05 von tintinnia
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Wow. Ehrliche Worte. Hinterlassen eine gerührte, aber warme Stimmung. Den Gedanken mit dem Übergepäck finde ich besonders schön. 

    16.07.2013, 18:15 von Momentefangen
    • 0

      Danke.

      17.07.2013, 09:33 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 0

    toll <3

    10.07.2013, 14:34 von Leben_lassen.
    • 0

      Danke!

      10.07.2013, 15:40 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 3

    A tale of golden Keys würde gut zu dem Text passen. Gute Musik zu gutem Text.


    Vielleicht ist Zurückkommen nicht immer so einfach, oder man kommt als Anderer zurück. Wer weiß das schon. 

    Einfach gut.

    06.07.2013, 14:21 von marco_frohberger
    • 0

      Ich weiß es inzwischen selbst. Ich bin oft gegangen, auch weiter weg, und oft zurückgekommen. Manche Dinge waren noch an ihrem alten Platz, das war irgendwie beruhigend - aber viele andere, in erster Linie ich selbst, waren verändert. Irgendwann war's dann okay, dass sich auch Gutes verändert.

      07.07.2013, 14:01 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Einfach toll. Danke dafür.
    "Und pass vor allem gut auf dich auf, Soldatin. Komm wieder nach Hause zurück. Komm zurück an den Ort, der Heimat heißt und Geborgenheit ist und wo deine beste Freundin auf dich wartet."  
    <3

    04.07.2013, 21:25 von julchen26
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Danke. Ich weiß sie sehr zu schätzen.

      07.07.2013, 13:59 von Sommerregen03
Seite: 1 2
  • Wir sind alle Salafisten

    Viel zu viele Menschen denken, dass der Islam eine brutale, rückständige Religion sei. Das dürfen wir nicht zulassen, sagt unser Autor in der aktuellen Ausgabe.

  • »Ich zweifle an der großen Liebe«

    Zach Braff ist so ein Typ, der in Beziehungen immer als Erster mit »Ich liebe dich« herausplatzt. Was er uns sonst noch erzählt hat, lest ihr im Blog.

  • Durchs Wochenende mit Verena

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Modeleiterin Verena Roidl

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare