lalina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 37 47

Breda

Zum ersten Mal fiel mir der Junge auf, als er gerade von einer verhärmten Frau, die anscheinend seine Mutter war, unter den Augen zahlreicher Passanten angeschrien wurde. Ich verstand nicht, was sie sagte, denn sie brüllte auf einer anderen Sprache.

Ich schaute von meinem Buch auf, beobachtete die Situation kurz, bis ich in das desinteressierte Gesicht des Jungen blickte. Seine Augen waren leer, als hätte er diese Tirade schon tausendmal zuvor über sich ergehen lassen müssen. Die Frau hob die Hand, setzte an zu einer Ohrfeige, ließ sie jedoch wieder fallen, als der Junge schützend seine Hand vors Gesicht hielt und ein Mann laut Hey rief. Ein grüner Blitz aus den Augen der Frau traf den Mann, es blitzte blau zurück. Die Frau ließ von dem Jungen ab und stapfte in Richtung der angrenzenden Hochhaussiedlung, die wie eine hohe Mauer, Licht und Weitblick verschluckte. Den Jungen, der wie angewurzelt stehenblieb, würdigte sie keines Blickes.

Ich hasste diesen Busbahnhof, der nun schon seit Monaten zu einem meiner wöchentlichen Wege gehörte. Meistens musste ich zwischen Bahn und Bus nicht länger als sieben Minuten warten. Es sei denn, die Bahn oder der anschließende Bus hatten Verspätung. An diesem Tag war es der Bus, der Verspätung hatte.

Ich konzentrierte mich wieder auf mein Buch, bis mir jemand auf die Schulter tippte. Ich erschrak und der kleine Junge, der plötzlich vor mir stand, zuckte ebenfalls zusammen. Hast du mich erschrocken, ich versuchte dabei zu lächeln. Er reagierte nicht und hielt mir nur seine kleine Hand - zur Kuhle geformt – entgegen und das mit demselben leeren Blick, mit dem er vorher seine Mutter bedacht hatte. Ein paar Cent lagen bereits in der Hand des Jungen, am Daumen ein kleiner, blutiger Riss. Ich seufzte, kramte in meiner Tasche und legte einen Euro dazu. Ohne ein Danke ging er weiter zum Nächsten und ließ dabei meinen Euro in seiner Hosentasche verschwinden.

Er war acht, vielleicht auch schon neun Jahre alt, schätzte ich. Seine Haare waren fast schwarz und kurz, der Teint dunkel. Er war klein und drahtig. Seine Schuhe abgetragen und die Hose zweimal umgeschlagen, während das Shirt eng anlag und ganz offensichtlich mindestens eine Nummer zu klein war.

Der Bus kam, ich stieg ein, setzte mich an einen Fensterplatz zu der Seite der Bushaltestelle und schaute dem Kleinen zu, wie er seine Beute aus der Hosentasche holte und laut zählte. Sein Mund bewegte sich. Ich musste lachen, der Bus fuhr ab.

Eine Woche später zur gleichen Uhrzeit saß er auf der Mauer nahe der Haltestelle und ließ die Sonne für sich arbeiten. Ein Gefühl hatte sich auf sein Gesicht gelegt, so etwas wie Glück, schien mir. In den Fenstern und Balkonen der Hochhaussiedlung, die einen Teil des Busbahnhofes in Schatten warf, suchte ich nach dem verhärmten Gesicht seiner Mutter. Wie zu erwarten, fand ich es dort nicht. Ich zählte die Etagen, um mir eine Vorstellung zu machen, wie groß die Häuser waren. Ich zählte zweiundzwanzig. Als ich wieder zur Mauer blickte, war der Junge verschwunden.

Ab da an sah ich den Jungen jedes Mal, wenn ich auf den Bus wartete und irgendwann erschien er mir nicht mehr fremd, sodass ich die Hand bald zum Gruß hob, sobald ich ihn erblickte. War er anfangs noch irritiert, merkte ich wie er über die Zeit seine Scheu verlor und meinen Gruß mit einem Nicken beantwortete. Manchmal bettelte er bei mir, tippte mir dazu auf meine Schulter, wenn ich saß, oder zog an meiner Klamotte, wenn ich stand. Meinen Euro nahm er jetzt mit einem Lächeln entgegen. Noch immer aber sagte er kein Wort.

Irgendwann im Sommer, der Bus hatte deutlich Verspätung, ging ich anstatt zur Bushaltestelle zum Kiosk und kaufte mir und meinem namenlosen Freund ein Eis. Ich bekam ein erstes Danke und erneut legte sich das Gefühl von Glück auf sein Gesicht, was bei ihm sonst nur die Sonne schaffte. Ab jetzt schien es so, als hätten wir eine feste Verabredung, denn nun wartete er immer schon an der Haltestelle auf mich. Zu Beginn stellte ich mich vor, gab ihm dafür die Hand, die er mit einem kindlich festen Druck erwiderte: Breda.

Über die Zeit und unsere wöchentlichen sieben Minuten, manchmal  waren es mehr und manchmal weniger, erfuhr ich immer mehr über ihn, seine Familie und seine Herkunft. Breda kam aus Ferentari, einem Stadtteil von Bukarest, er war neun Jahre alt und lebte seit seinem fünften Lebensjahr mit seinen drei Geschwistern sowie seinen Eltern hier in Deutschland. In der Vierzimmerwohnung lebten zudem die Frau und das Baby seines ältesten Bruders. Ich erfuhr, dass er die Schule hasste und sein Vater Arbeit suchte, aber keine fand. Dass seine Mama wieder ein Baby erwartete und er Angst hatte, sein Bett irgendwann mit dem Kind teilen zu müssen. Er vermisste seine Großeltern und den Hund und die Hühner, die seine Eltern in Ferentari zurücklassen mussten. Manchmal verstand ich ihn nicht direkt, dann halfen wir uns mit Zeichen weiter. Oder er malte mir zum besseren Verständnis etwas auf den Block, den ich in meiner Tasche trug. Mit seinem Finger zeigte er mir von der Bushaltestelle die Wohnung, in der er wohnte. Sie lag im neunten Stock.

Wenn es regnete, verpassten wir uns manchmal, da er an diesen Tagen nicht draußen war, und gelegentlich sah ich ihn noch in Richtung Bushaltestelle rennen, während mein Bus davonfuhr.

Im Winter trug er noch immer dieselbe Hose wie im Frühling, nur musste seine Mutter sie mittlerweile nur noch einmal umschlagen. Auch seine dicke Daunenjacke war ihm zu groß. An seinen Händen jedoch fror er und so nahm ich seine Hände stets zwischen meine, wenn wir gemeinsam auf meinen Bus warteten.  Zum Nikolaustag schenkte ich ihm eigene Handschuhe und zuerst schien er enttäuscht. Wochen später erzählt er mir aber, wie sehr er sich über sie freute und auch der Taschenrechner, den ich ihm kurz vor  Weihnachten geschenkt hatte, bereitete ihm große Freude. Ich weiß noch, dass ich etwas verwundert reagiert hatte, als er mir auf meine Frage, was er sich zu Weihnachten wünsche, geantwortet hatte: Einen Taschenrechner. Weil Mathe sein liebstes Fach war, da es da nicht ums Schreiben, sondern nur um Logik gehen würde. Kurz vor Weihnachten verabschiedete ich mich erst mal für ein paar Wochen. Urlaub, das Wort wiederholte er ein paar Mal und erklärte mir dann, dass er auch davon träumte, mal weg zu fahren und was anderes zu sehen. Ich versprach ihm, ohne es tatsächlich zu wissen, dass auch er irgendwann einmal Urlaub machen würde. Ich glaubte fest daran. Breda war gescheit und lernte schnell. Ich sagte ihm, dass es wichtig sei – für jetzt und alle Zeit -, Fragen zu stellen, wenn man etwas nicht verstand. In unseren sieben Minuten erzählte er mir dann, was er in der Schule in der vergangenen Woche erfragt und gelernt hatte. Durch seine Erzählungen lernte ich auch seine Klassenkameraden kennen. Besonders häufig erzählte er mir von einer Leonie. Wenn ich ihn aber fragte, ob er sich vielleicht verliebt hatte, lachte er laut und antwortete: Nee, die ist echt doof.

Ab und zu rief ihn seine Mutter zu sich, wenn es am späten Nachmittag schon dunkel war, sie ihn vom Balkon aus in der Dunkelheit nicht mehr ausmachen konnte und aus Sorge extra runtergekommen war, um ihn zu holen. Denn vor der Dunkelheit fürchtete sie sich, hatte er mir einmal erzählt. Ihr Bauch wuchs stetig. Für mich hatte sie immer ein Lächeln übrig.

Das erste Mal, als er nicht zu unserem Treffen kam, regnete es nicht. Im Gegenteil:  die Sonne schien - Bredas Glücksgarant. Ich wunderte mich und aß den Schokoriegel, den ich für ihn in meine Tasche gepackt hatte, selbst auf. Eine Woche später erwischte ich den Bus gerade noch so und ärgerte mich über die Bahn und ihre Verspätung, auch wenn er scheinbar wieder nicht auf mich gewartet hatte. Ich schob es auf das schlechte Wetter, auch wenn es nicht regnete. Beim nächsten Mal sei er ganz bestimmt wieder da, redete ich mir ein. Aber auch in der folgenden Woche, kein Breda weit und breit. Ich hatte den Bus gerade verpasst und musste fast zwanzig Minuten warten. Ich ging zum Hauseingang, indem er manches Mal an der Hand seiner Mutter verschwunden war. Ich stand vor einem Klingelmeer und musste feststellen, dass ich Breda nie nach seinem Nachnamen gefragt hatte. Es waren so viele Namen, die meiner Meinung nach rumänisch klangen, aber im Prinzip hatte ich keine Ahnung. Ratlos ging ich zurück zur Haltestelle. Ich ärgerte mich über mich und über Breda und darüber, dass dieser Busbahnhof wieder zu dem werden würde, was er anfangs – ohne Breda – gewesen war: ein verhasster Ort.

Ich hoffte jede Woche, dass er wieder auf mich warten würde. Mich vielleicht schon an der Bahnhaltstelle abholte, wie er es ein paar Mal gemacht hatte und mir erklärte, wo er die letzten Monate gesteckt hatte. Aber ich sah Breda nicht wieder. Und so malte ich mir aus, dass sein Vater Arbeit gefunden hatte und er mit seiner Familie in eine größere Wohnung gezogen war, in der er vielleicht ein eigenes Zimmer hatte und wenn nicht das, sich zumindest nur das Zimmer und nicht das Bett mit seinem Geschwisterchen teilen musste, das mittlerweile auf die Welt gekommen war. Und ganz vielleicht war er auch nur im Urlaub, von dem er so lange geträumt hatte.

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37 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wenn ich das lese muss ich plötzlich an diese Menschen denken, die gegen Einwanderer protestieren, weil sie angeblich zu viele Handys haben und es ihnen hier in Deutschland viel zu gut ginge. Gleichzeitig kommt mir das kotzen und der Fremdscham, dass es immernoch Menschen in Deutschland gibt, die offen zur Schau tragen, wie wenig Ahnung sie vom Leben eines Migranten und die Asylheime, in welchen hunderte Ausländer unter schlechten Bedingungen zusammengepfercht werden, haben.
    Schöner Beitrag, mitfühlend bist du. Aber solang es noch Menschen gibt, die sowas wie die NPD wählen, wird es noch viele Bredas geben.

    11.04.2014, 10:28 von EllenGret
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  • 2

    Danke, und je wahrheitsgetreuer die Geschichte erzaehlt wird, und wie einfuehlsamer, desto besser.

    Nur habe ich die Vorahnung in der Magengrube, dass es dem Breda vielleicht nicht so gut geht....oder vielleicht doch? Es muss ja nicht wieder eine Gruselgeschichte wie aus den Filme sein, es kann auch einfach nur eine Geschichte aus dem Leben sein, das gar nicht so schlimm ist, wie man das immer erwartet....

    09.04.2014, 17:53 von ChaTalie
    • 0

      Ja ich befürchte, dass die Bredas dieses Landes nur in den wenigstens Fällen nicht mehr kommen, weil sie aufgestiegen sind. Mir geht es ähnlich.

      11.04.2014, 10:29 von EllenGret
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  • 1

    Da sind schöne Sätze und Beschreibungen drin und insgesamt mag ich die Idee. Einige Formulierungen empfand ich jedoch als sehr ungelenk und teils auch überflüssig ausführlich erklärt.
    Dennoch ein Herz für das ganze Drumherum. :)

    24.03.2014, 19:22 von nyx_nyx
    • 1

      Ich weiß genau, was du meinst. Ich selbst entwickle beim Korrektur lesen meiner eigenen Texte eine gewisse Blindheit, die erst wieder verschwindet, wenn ich sie öffentlich gemacht habe. Dann ärgere ich mich manchmal. Mit Breda geht es mir auch an einigen Stellen so. Wenn ich den Text jetzt lese, setze ich hier und da wie automatisch andere Wörter ein. Grundsätzlich hätte ich mir wohl ein wenig mehr Zeit geben sollen.

      24.03.2014, 20:25 von lalina
    • 0

      Ja, das kennen wohl einige (ich auch). Hab mir angewöhnt sie von hinten nach vorn zu lesen, dann entdeck ich mehr Fehler und Ungereimtheiten. Und laut vorlesen hilft auch. Dann merkt man auch wie unstimmig der Rhythmus manchmal is.
      Und man will ja auch irgendwie "fertig" werden und das Ding raushauen.. daher kenn ich das mit der Zeit auch gut ;)

      24.03.2014, 20:31 von nyx_nyx
    • 1

      Aber das ist ein guter Tipp: von hinten nach vorne lesen. Beim nächsten Mal...

      25.03.2014, 08:46 von lalina
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  • 3

    Wow, solche Geschichten sollte es öfter geben!

    24.03.2014, 12:39 von buntesherz
    • 0

      Hier und auch sonst auf der Welt. :)

      24.03.2014, 12:54 von Tora
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  • 3

    ganz wunderschön erzählt und aufgeschrieben!

    23.03.2014, 20:41 von Tora
    • 0

      Dankeschön :)

      24.03.2014, 09:28 von lalina
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  • 3

    Schöne Geschichte. Ich schreibe in fast dem selben Erzählstil, liest sich für mich sehr gut.
    Er wird sich noch lange an dich erinnern, denke ich.

    23.03.2014, 13:53 von SkaPunk
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  • 1

    Einfühlsam und schön erzählt.

    22.03.2014, 19:31 von Songline
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  • 1

    Was für eine Perle ...

    22.03.2014, 13:14 von Sommerregen03
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