laratamina 19.03.2012, 19:20 Uhr 1 4

Blauer Raucher

Die Erdanziehungskraft lässt uns nicht los, nicht schwerelos davon fliegen. Wie fallen...obwohl wir fest gehalten werden, so einfach ist es.

Wenn ich weg will, ist er da. Allein seine Anwesenheit sagt "Komm mit kleine, ich bring dich hin, soweit und solange ich kann!"
Er ist immer dort, wo ich ihn zurück lasse. Bisher hat ihn mir noch niemand weg genommen, nicht um ihn beneidet, höchstens um die Freiheit, die er mir gibt. Zu zweit, allein, sind wir am besten dran. Bringe ich mal jemand mit, beschwert er sich sofort. Jeder Weg wird steil und schwer.
Im Winter war ihm kalt, wie auch mir. Er weigerte sich oft mich mit zu nehmen und auch ich ging nur mit ihm, wenn sonst niemand zur Verfügung stand. Bevor er sich rührte, protestierte er lautsatrk, mein Wille war stärker. Dennoch, selbst wenn er sich dann endlich in Bewegung setzte, plagte uns der eisige Wind und kamen wir schließlich an, ließ ich ihn einfach stehen.
Nun ist es Frühling und die warme Sonne wärt uns beide, sie lässt das Eis nun schmelzen und wir verstehen uns wieder besser. Der milde Wind ist nicht mehr beklemmend, sondern befreiend. Er macht mich euphorisch, oft singen unsere ungleichen Stimmen laut irgend ein Lied, wir vergessen wie peinlich es wird, wenn uns jemand erkennt.
Aber die Zeit hat auch auf ihm Spuren hinterlassen. Schrammen, wie Schnitte, Rost wie Krusten. Seine wunden werden nicht wieder heilen, so wie sie es auf meiner Haut tun. Nun kann ich sie nur pflegen, so versorgen, dass es nicht noch schlimmer wird. Ich hätte besser auf ihn aufpassen sollen.
Er hat ein merkwürdiges rundes Glasauge, die Vergangenheit spiegelt sich darin. Je schneller wir sind, desto schneller gleitet die Straße, mal schmal, mal steinig, mal voller Pfützen hinter uns hinweg. Irgendetwas, Irgendjemand, eben noch verborgen hinter der scharfen Kurve...plötzlich vor uns...neben uns...hinter uns, unaufhaltsam kleiner werdend. Doch sehe ich zulange der Vergangenheit zu, wird die Zukunft zur  Gefahr. Wäre ich im falschen Moment unaufmerksam, er würde mich nicht retten können. Ich gebe stets das Tempo und den Weg an, aber es gibt unendlich viele Hindernisse. Und könnte ich tatsächlich alles vorhersehen, die Vergangenheit würde mich überrollen. Ein starker Ruck, vielleicht ein Augenblick der Schwerelosigkeit, freier als ich es jemals mit ihm sein könnte. Ist es das wert? Ist es ein Leben wert?
...ein Aufprall, vielleicht tödlich. Die Erdanziehungskraft lässt uns nicht los, nicht schwerelos davon fliegen. Wir fallen...obwohl wir fest gehalten werden, so einfach ist es.
Es gibt so viele die dich brechen wollen, es manchmal tun, ohne es zu bemerken. Aber es gibt auch jene die dich wieder beleben, auch ohne es zu merken. Sei wachsam, lebendig kannst du dich dafür bedanken, tot nicht einmal mehr  beschweren.
Er trägt stets seinen blauen Mantel, der immer matter und poröser wird. Ich wollte ihn einst gegen einen neuen eintauschen, vielleicht Gelb? Aber man sagte mir, er sei heutzutage bereits eine Seltenheit, also beließ ich es dabei. Ich werde nicht versuchen die Erfahrung zu ersetzen. All die Jahre bot der mit einem blauen Antlitz, der Zeit, die Stirn.
Ich bin froh, dass es so aufwendig ist ihn neu ein zu kleiden, auch sein Futter wird immer teurer. Aber was nutzen einem Freunde, die zwar kostenlos, aber auch tatenlos irgendwo verstauben? Untätigkeit und Stillstand sind die schlimmste Strafe.
Vielleicht sind wir nicht einmal Freunde. Vielleicht bin ich seine Gebieterin und er mein Sklave. Vielleicht sind wir auch nichts davon. Vielleicht ist er einfach nur ein Mofa und ich ein Mensch.
Sein Vorbesitzer hat ihn, vor ungefähr einem Jahr, "Hondaki" genannt. Ich habe diesen Namen beibehalten, er gab ihm irgendwie sowohl eine Vergangenheit, eine Gegenwart als auch eine Zukunft, also fast so etwas wie eine Seele. Egal wer der oder was er ist, er ist mir treu.

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Kommentare

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  • 1

    Schön, vor allem wie du erst am Schluss offenbarst, wer dein treuer Freund ist.


    21.03.2012, 20:25 von Sofmof
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