David_Pfeifer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 11

Bist du ein guter Freund?

Der Deutsche hat im Durchschnitt 3,3 Freunde. Ist das jetzt viel oder wenig? Kommt drauf an, wie man mit ihnen umgeht.

Anders als sonst habe ich im vergangenen Jahr meinen Geburtstag groß gefeiert – etwa 100 Leute waren da. Mitten im Küsschengeben, Getränkeverteilen und Geschenkeannehmen zog mich ein guter Freund zur Seite. »Sieh dich um«, sagte er, »das bist du. Deine Freunde sind dein Spiegel.« Es war ein tolles Bild. Gute Leute, interessante Charaktere, schöne Frauen, die ich gerne kennen gelernt hätte, würde ich sie nicht schon kennen. Ich war zufrieden mit mir. Tatsächlich waren nicht nur enge Freunde da. Wie jeder Mensch bin auch ich nicht in der Lage hundert Freundschaften zu pflegen, alleine schon zeitlich. Neben den wirklich engen Freunden waren viele der Gäste einfach angenehme Menschen, mit denen ich gerne Zeit verbringe. Es waren Arbeitskollegen dabei, die ich mag, aber nie kennen gelernt hätte, wenn sie keine Arbeitskollegen wären. Ein paar kannte ich nur vom Sehen, und vielleicht waren sie auch nur gekommen, weil sie von der Party gehört hatten und sich günstig warmtrinken wollten, für eine lange Nacht in Berlin. Sie waren schnell wieder weg. Was aber blieb, war das große wohlige Gefühl, gemocht zu werden.


Wer umgeben von Freunden alt wird, hat eine um 22 Prozent erhöhte Lebenserwartung


Die meisten meiner Gäste waren das, was man in den USA als »Friends«, bei uns aber als »Bekannte« bezeichnen würde. Amerikaner nennen so ziemlich jeden einen Freund, mit dem sie mal ein Eis essen oder im Kino waren. Die schwergängigeren Deutschen neigen dazu, der Freundschaft etwas Exklusives beizumessen. Folgerichtig hat das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung ermittelt, dass jeder Deutsche im Schnitt etwa 3,3 Freunde hat. Da aber das Allensbacher Institut erfragt hat, dass 23 Prozent der Deutschen gar keinen festen Freundeskreis haben, muss es auch ein paar geben, die fünf oder sechs enge Freunde haben. Wer allerdings mehr hat, gilt in Deutschland nicht als sozial, sondern als wahllos.
Vielleicht hilft es, wenn man klar unterscheidet zwischen reiner Freundschaft und einem Zweckbündnis. Die meisten Freundschaften werden geschlossen, weil es in unserer Welt immer wichtiger wird, ein Netzwerk zu haben, denn »der Bruch von Beziehungen ist die soziale Grunderfahrung unserer Zeit«, wie man in »Psychologie heute« nachlesen kann. Nüchtern betrachtet entstehen Freundschaften durch gemeinsame Interessen, gemeinsame Werte, gemeinsame Feinde – was man oft merkt, wenn die Feinde geschlagen sind und die Freundschaft verschwindet.
Freundschaften sind »in der Mehrzahl nur auf dem gleichen sozialen Niveau und unter Menschen mit einem vergleichbaren Attraktivitätsgrad möglich«, sagen Wissenschaftler. Eine Ausnahme sind übrig gebliebene Jugendfreundschaften, die nicht an den unterschiedlichen Lebenswegen zerbrechen. Deswegen messen wir gerade diesen Freundschaften oft einen besonderen Wert bei. Denn diese Freunde sind mehr als ein Spiegel – sie reflektieren auch die Person, die wir vor Jahren einmal waren. Freundschaften werden wichtiger in der westlichen Gesellschaft: im gleichen Maß, in dem die Verwandtschaft schwindet. Die Großfamilie gibt es praktisch nicht mehr – und wer noch eine hat, sorgt gerade dafür, dass sie ausstirbt, in dem er statt drei oder vier Kindern nur ein oder kein Kind in die Welt setzt. Obendrein ist eine Familie zwar ein stärkeres Bündnis, aber kein gesünderes als Freundschaft. Die Forscher der australischen »Flinders University« haben in einer Studie über Gesundheit und Gewohnheit herausgefunden: Wer umgeben von engen Freunden alt wird, dessen Lebenserwartung steigt um 22 Prozent. Verwandte haben keinen positiven Effekt auf die Lebenserwartung – logisch, Verwandte können wir uns ja auch nicht aussuchen. Würden Freunde so nerven und stressen, wie Eltern oder Geschwister es können, wären sie bald keine Freunde mehr. Auch eine Ehe oder Liebesbeziehung ist oft nur eine Bindung auf Zeit. Das mag daran liegen, dass wir andauernd auf der Suche nach einem besseren, perfekteren Partner sind. Aber auch daran, dass wir uns nicht oder nicht nur in den Geist oder den Charakter des Gegenübers verlieben. Bei der Liebe gibt man Verstand und Vernunft erst mal ab und hört plötzlich »Keane« (er) oder besucht ein Eishockeyspiel (sie) – nur um ein halbes Jahr später festzustellen: Das war totaler Schwachsinn … und dann die kommenden Jahre gegen das Bild anzukämpfen, das man anfangs abgegeben hat.
Freunde nähern sich genau entgegengesetzt. Nämlich kritisch und mit den Mitteln des Verstandes. Wir sind gezwungen, uns selbst zu definieren, weil neue Freunde es ebenfalls tun. Was ist uns wichtig? Was wollen wir? Was fühlen wir? Was denken wir? Kein noch so knackiger Hintern lenkt uns von diesen Fragen ab. Das Wesen der wahren Freundschaft ist, dass sie ohne Zwänge entsteht und bleibt. Ein guter Freund ist vor allem deswegen ein Freund, weil es keinen Grund gibt, ihn zu lieben – außer ihn selbst. Der Philosoph Michel de Montaigne hat in seinen berühmten Essays auch einen »Über die Freundschaft« verfasst, in dem er die Gründe für seine tiefe Bindung zu Étienne de la Boétie nennt: »Weil er er war, weil ich ich war.« Das liest sich ein bisschen wie das Drehbuch zu »Brokeback Mountain«, aber Montaigne war der Überlieferung nach nicht schwul, auch wenn er seine Freundschaft mit den Worten eines Verliebten beschreibt.

Der Unterschied der Freundschaft zur sexuellen Liebe liegt vor allem in der Unerfüllbarkeit. Wenn man ein Liebespaar wird, kann man sich am anderen sättigen, Sex haben, Tag und Nacht miteinander verbringen. Aber selten werden Menschen begehrenswerter und interessanter, wenn wir sie ständig um uns haben. Das gilt auch für uns selbst. Wirklich! Wenn man für sich alleine nicht öde wäre, würde man ja nie mehr andere Menschen treffen wollen. Ein Freund, selbst wenn man Urlaube zusammen verbringt oder sich jeden Tag sieht, wird versuchen, einem nah, aber nicht zu nah zu kommen. Und wenn man mit Sicherheitsabstand durch das Leben rast, minimiert sich das Unfallrisiko, selbst wenn der Abstand klein ist. Der Umgang miteinander kann so verfeinert werden, manchmal über das Maß hinaus, das Liebespaare oder Familien zu leisten imstande sind, weil dort immer auch gekämpft wird, um Aufmerksamkeit oder Raum. Besonders auffällig wird das, wenn man gemischtgeschlechtlich befreundet ist, was leider selten vorkommt. Meine beste Freundin hört sich von mir Dinge an, die in ihrer Beziehung sofort Krieg bedeuten würden. (»Nein, er ist kein Scheusal, nur weil er sauer wird, wenn du ihn nachts um drei weckst, wenn dir das entscheidende Argument zu dem Streit von vor drei Tagen eingefallen ist.«) Gleichzeitig ist sie mir eine unschätzbare Hilfe, wenn es darangeht, Reaktionen von Frauen einzuschätzen, oder wenn sie mich darauf hinweist, dass es nicht genügt, freundlich zu sein, wenn man zeigen will, dass man jemanden liebt – ab und zu muss man es wohl auch sagen. Auch hierzu gibt es selbstverständlich eine erhobene Zahl: Nur zwei Prozent aller Freundschaften werden inzwischen zwischen Frauen und Männern gepflegt – wobei es hilft, wenn man keine Lust hat, miteinander zu schlafen. Die Zahl steigt, denn immer mehr Frauen haben die gleichen Probleme wie Männer: Ausbildung, Beruf, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen. Sozusagen das umgekehrte "Eva-Herman-Prinzip": Anstatt dass die Frauen wieder an den Herd zurückkehren, werden sie zu Verbündeten, zu Freunden – weil sie mit den Männern die Sorgen teilen.


Freunde können ehrlicher und offener zueinander sein als jedes Liebespaar


Freunde können offener miteinander sprechen als Liebespaare. Sie können ehrlich sein, ohne sich zu beleidigen. Das Gesagte hat das gleiche Gewicht, nicht aber die gleiche Wirkung. Sagt man einem Freund, dass man sich erschöpft fühlt von der ganzen Welt und sich nach Ruhe sehnt, wird er das verstehen. Ein Partner würde herauslesen: »Du willst ohne mich sein!« Und schon hätte man eine Diskussion am Hals, obwohl man ein Gespräch führen wollte. Das bedeutet nicht, dass eine Freundschaft immer einfach sein kann und muss. Die meisten Menschen haben einen Freund, mit dem sie Spaß haben, einen Freund, den sie schon so lange haben, dass sie nicht mehr wissen warum. Und einen Freund, der ihnen die unangenehmen Wahrheiten sagt. Bei einer kurzen Telefonumfrage im Freundeskreis wurde Gewissheit, was ich schon geahnt hatte: Ich bin der Unangenehme. Ich bin der, den man auf keinen Fall anruft, wenn man gerade Mist gebaut hat, weil man sich nachher noch schlechter fühlt. Ich bin der, der es vorher gewusst hat, ich lege den Finger in die Wunde, ich sage das, wovon der andere gehofft hatte, ich würde es nicht sagen (obwohl er gefragt hat). Das ist keine angenehme Rolle, genau genommen ist sie sogar richtig furchtbar, aber auch das ist das Wesen von Freundschaft: Man kann sich seine Rolle nicht aussuchen, sie wird einem von den Freunden zugewiesen.
Meine beste Freundin gibt gerne damit an, dass sie trotzdem mit mir befreundet ist, obwohl ich so schrecklich deutlich bin. Ein anderer guter Freund sagt mir vorher, wie ehrlich er die Antwort will, wenn er was fragt. Ja, es scheint unangenehm, mit mir befreundet zu sein – aber, und das können sich meine Freunde auch gerne genau durchlesen: Es ist niemals nur angenehm, wenn man wirklich eng befreundet ist. Mit niemandem.
Es bedeutet immer, dass man Facetten an einem Menschen akzeptieren muss, die einem selber fremd sind. Ich habe Freunde, die ihre Partner derart dummdreist betrügen, dass ich mich mehr dafür schäme als sie selbst. Ich habe Freunde, die immer großzügig tun und auf Toilette verschwinden, wenn es ans Zahlen geht. Ich habe Freunde, die so schlecht zuhören, dass es mir wie ein Wunder erscheint, wenn sie dann doch im entscheidenden Moment das Richtige sagen. Freundschaft ist immer auch eine Schule für Toleranz, für Geduld und dafür, das Gegenteil der eigenen Haltung zu akzeptieren. Wer nur mit Leuten befreundet ist, die derselben Meinung sind, ist entweder sehr reich, sehr mächtig oder sehr anspruchslos. Und man muss in einer Freundschaft sogar
Zurückweisung aushalten können. Wenn ein Freund verliebt ist und seine Seele Bocksprünge macht, sollte man das genauso verstehen, wie wenn er einen neuen Job annimmt und sich monatelang nicht meldet. Selbstsucht, Launen, Schnoddrigkeit, Ungeduld, Eitelkeit, Sturheit, sogar ein gewisses Maß an Lügen nimmt man in Kauf, wenn man Freunde hat. Denn man kann sich Freunde im Gegensatz zur Verwandtschaft zwar aussuchen, aber die Auswahl ist nun mal begrenzt – auf die Menschheit.

Es gibt genau zwei Sachen, die keine Freundschaft aushält: Betrug und Verrat. Und die manifestieren sich meistens in den beiden Klassikern: Geld verleihen und es nicht zurückbekommen – und mit dem Lebensgefährten des besten Freundes ins Bett gehen. Das mit dem Geld ist Gift, denn irgendwann beginnt man sich zu fragen, warum der andere sich einen Urlaub leisten kann, wo er noch Außenstände hat. Und Neid ist zwar okay in einer Freundschaft, aber Missgunst eben nicht. Und das mit dem Betrügen hält das Herz nicht aus. Es macht schon keinen Spaß, sich einen geliebten Menschen beim Sex mit jemand anders vorzustellen, aber gleich zwei – miteinander?
Und was die Sache endgültig zerstört: Zu einer Freundschaft gehört neben Intimität und Offenheit auch Vertrauen. Und das ist nach einem Betrug verloren. Bertolt Brecht hat dieses Gefühl in seinem Gedicht »Der abgerissene Strick« beschrieben:

Der abgerissene Strick
kann wieder geknotet werden
er hält wieder, aber
er ist zerrissen.


Auch wenn man noch so sehr versucht, den Urzustand nach einem solchen Vorfall wiederherzustellen – es bleibt doch meistens eine schlechte Kopie dessen, was es vorher war. Es bleibt noch nicht mal Raum für Eifersucht oder Hass, weil man beide Beteiligten ja liebt. Oder geliebt hat. Und wie nah beide Formen der Liebe beieinander liegen, kann man im Altgriechischen
herauslesen, wo das Wort für Freundschaft, »Philia«, dasselbe bedeutet wie Liebe. Und um bei den alten Griechen zu bleiben: Der Philosoph Platon war der Meinung, dass die Aufregung, die eine Leidenschaft in einem entzündet, sich auf nichts weiter gründet als äußere Schönheit. Platon definierte als wahre Liebe diejenige, die auf geistiger Ebene stattfindet. Bei der innige Freundschaft und Verbundenheit eine größere Rolle spielen als sexuelles Begehren. Eine platonische Beziehung eben.
Trotzdem sagen Freunde selten zueinander: »Ich liebe dich« – und ich möchte meine Freunde auch an dieser Stelle bitten, das gar nicht erst einzuführen. Unter Frauen mag das noch üblicher sein, weil sich deren Freundschaften im Wesentlichen aus Kommunikation speisen – während sie unter Männern meistens dann als besonders gut empfunden wird, wenn man zusammen schweigen kann und vor allem auf zärtliche Liebeserklärungen verzichtet.

Das Beste, was man über sich lernen kann, ist oft das, was Freunde in einem sehen. Auf meiner Geburtstagsparty haben zwei meiner Freunde einen Fragebogen mit allerlei Quatschfragen ausgeteilt. Mit ihren Antworten sollten meine Gäste zeigen, wie gut sie mich kennen. Am nächsten Tag bekam ich die Ergebnisse in die Hand gedrückt, fein säuberlich mit allen ausgefüllten Zetteln in einem Ordner. Dazu hatten die beiden Organisatoren der Aktion eine kleine Auswertung geschrieben. Es wurde sich über ein paar meiner Macken lustig gemacht: dass ich den ersten »Rocky«-Teil immer noch für einen großartigen Film halte, dass meiner Meinung nach Sandalen bei Männern unter Strafe gestellt gehören und dass ich nur tanze, wenn ich sehr betrunken bin – aber
unterm Strich waren die Beurteilungen freundlich oder schmeichelhaft. Es wäre zu indiskret, die einzelnen Punkte hier auszuführen, aber es wurde deutlich: Ich bin als Freund offenbar nicht ganz so unangenehm, wie ich befürchtet hatte.
Wahrscheinlich wollte aber auch niemand so unhöflich sein, echte Gemeinheiten aufzuschreiben. Vielleicht ist es aber auch so, dass meine Freunde mich weniger streng beurteilen als ich mich selbst. Sie haben also entweder gelernt, mit meinen Schrullen zu leben, oder sie ignorieren meine schlechten Seiten und konzentrieren sich auf die angenehmen. Der Spiegel, den sie mir vorhalten, reflektiert ein angenehmeres Bild als der, in den ich selbst blicken würde. Und dafür sind Freunde schließlich da.


Freundschaftsregeln -1-
Meine Freundin neigt dazu, sich selbst zu unterschätzen. Sie macht sich klein vor anderen Menschen, obwohl sie das nicht müsste. In Gegenwart von Männern tut sie ihr Bestes, ein Gespräch versöhnlich zu halten. Sie lacht, auch wenn nichts witzig war. Sie nickt, auch wenn sie anderer Meinung ist. Mein Blutdruck steigt, wenn ich das sehe. Die Hände kribbeln. Ich weiß, dass es ihr nicht um die Männer geht. Sie hat ein anderes Problem. Sie sucht Bestätigung. Morgens, mittags, abends, nachts. Sie kann nicht alleine sein. Sie will immer gefallen. Ganz sicher hat es mit ihrer Familie zu tun. So lange kennen wir uns schon. So lange wissen wir alles voneinander. Ich weiß das über sie, sie weiß anderes über mich. Unsere Freundschaft ist das Versprechen, unsere Schwächen miteinander auszuhalten. Es ging um Männer. Um den einen, der mir viel bedeutet. Und um die Art, wie meine Freundin mit ihm umgeht. Herrgott! Das süßliche Getue. Geht das nicht anders? Wir stritten. Ich holte aus. Ihre Familie, ihre Vergangenheit, ihr ganzes Wesen. Ich weiß doch alles! Ich ging zu weit. Die Worte, die ich benutzte, bereue ich bitter. Ich traf ins Mark. Das war nicht fair. Eben weil: ich alles weiß. Meine Regel: Zu viel Wahrheit ist in Freundschaften ein Killer.
ANNA LIESKOW


Freundschaftsregeln -2-
Du stockst. Pause. Das Telefon knistert. »Ach – das wird sie dir sicher bald selbst alles erzählen!«, sagst du, leichtmöglichst, aber ich höre dein Erstaunen, dass ich nicht längst eingeweiht bin. Die Dritte im Freundschaftsbund hat nur mit dir geredet. Schwierige Entscheidungen stehen an, ihr Leben fährt Achterbahn, na schön, aber warum sagt sie mir nichts? Wird sie noch? Wann? Hörst du vielleicht besser zu als ich? Bin ich eine schlechtere Freundin? Kein Mensch käme auf die Idee, dass »Hanni und Nanni« noch eine »Anni« bräuchten oder dass einer vorzüglich schnurrenden Vespa ein drittes Rad fehlen würde. Aber tatsächlich passiert es, dass einem das Schicksal zwei Freunde gleichzeitig schenkt, und dann kann man doppelten Spaß und doppelte Nähe haben … und doppelten Knatsch, falls man mit dem Aufrechnen beginnt. Es lässt sich eben nicht alles zu dritt erleben oder besprechen. Nicht alles durch drei teilen, Herzschmerz und Jubelgefühle, gleichmäßig und gerecht. »Sicher meldet sie sich bald«, sage ich und versuche, normal zu klingen. Meine Regel: Dreierfreundschaften können nicht wirklich ausgeglichen sein. Das muss man akzeptieren – oder alles sein lassen. Tags darauf kommt dann ihr Anruf.
DELA KIENLE


Freundschaftsregeln -3-
Ich war 1000 Kilometer entfernt von zu Hause und von der Stadtsparkasse Ulm-Söflingen, die Schule war zu Ende, und ich wollte lernen, wie man lebt und wie man Geld ausgibt. Beides beherrschte Said in Perfektion, einen Frühling, Sommer, Herbst lang hatten wir viel Spaß. Dann lieh er sich tausend Mark von mir, erst für eine Woche, dann für ein halbes Jahr. Said ähnelte immer mehr einem kleinen Kind, das Ausreden zusammenstottert – und ich einem nörgeligen Erziehungsberechtigten. Musst du immer Cocktails trinken? Kannst du es dir leisten, zwei Wochen nicht zur Arbeit zu gehen? Diese Fragen waren saurer Regen für das Denkmal unserer Freundschaft. Vom Sockel fiel es, als Said eines Abends mit einer Prostituierten vor meiner Tür stand: Wir könnten die Frau doch teilen, sie sei ziemlich teuer. Er hat nie verstanden, warum ich damals so geschrien habe. Meine Regel: Größere Summen sollte man Freunden nur dann leihen, wenn einem das Geld völlig egal ist – oder die Freunde.
JAKOB SCHRENK


Freundschaftsregeln -4-
Ich wohne seit zehn Jahren im Norden, mein Freund weit im Süden, wir arbeiten viel und sind doch faul, wir sehen uns also nur alle paar Jahre. Wenn wir telefonieren, müssen wir versuchen, uns durch die Leitung zu sehen. Wir haben uns im Freibad kennen gelernt, da war ich zwölf und er dreizehn. Irgendetwas hat damals geklickt zwischen uns, von da an waren wir Freunde. Irgendwann zog ich weg. Die Angst, dass wir uns verlieren könnten, kam mit. In den ersten fünf Jahren der räumlichen Trennung war ich mir nicht sicher, ob wir Freunde geblieben waren. Dann, eines Abends im Büro, als ich überhaupt keine Zeit hatte, nahm ich sie mir trotzdem und rief ihn an, zum Geburtstag. Wir telefonierten eine Stunde, und als ich aufgelegt hatte, fragte mein Kollege Herr Lotter: »Mein Gott, mit wem hast du gesprochen? Deine Stimme war so weich!« Da wusste ich: Wir werden uns immer so nah sein wie zwei Scheiben Brot im gleichen Toaster. Meine Regel: Freundschaft braucht keine geografische Nähe.
SIMONE BUCHHOLZ

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