Kathue-tata 30.11.-0001, 00:00 Uhr 10 38

Bierdeckelblues

"Das letzte Mal, dass ich mit einem Mann geschlafen habe, der mich länger als ein paar Monate behalten wollte, liegt Jahre zurück", sagst du

Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen. Ein Treffen war längst überfällig und so sitze ich mit dir nun endlich in der Kneipe in unserer Heimatstadt. Wir sind beide nur zu Besuch. Vor uns stehen leere Gläser, vor dir liegt ein angeknibbelter Bierdeckel. 
Wir können uns nicht entscheiden, ob uns feierlich oder bedrückt zu Mute ist. Das mag an dem Alkohol liegen, an dieser Nacht, an unserem Wiedersehen oder an allem zusammen. Wir haben uns durch den Smalltalk geschlagen und sind nun bei dem angekommen, was uns wirklich beschäftigt und von dem wir so oft befürchten, dass es uns ausmachen könnte. 

Ich habe dir von meinem Talent erzählt, alles und jeden kaputt zu denken und tot zu reden. Und von meiner Angst, dass das ernsthaft mein Schicksal ist. Du hast mir zugehört, mich zurecht gewiesen und die richtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt. Nun schweige ich während du den Blick senkst, und deine Finger emsig den Bierdeckel zerlegen. 
"Das letzte Mal, dass ich mit einem Mann geschlafen habe, der mich länger als ein paar Monate behalten wollte, liegt Jahre zurück", sagst du und lachst dein rauchiges Lachen in die Nacht. Du hebst dein Bier an die Lippen und verdrehst die Augen. Mit breitem Grinsen trinkst du einen Schluck und denkst dabei nach. "Das ist ziemlich spektakulär!", stellst du - scheinbar verblüfft - fest und lässt nochmal dein Lachen gurgeln. "Aber es wäre sicher ebenso vermessen zu erwarten, dass einem alles in den Schoß fällt. Und dazu noch gerne bleibt." Dein leises Kichern klingt ein wenig bitter. 

Wir kennen uns schon seit der Schulzeit. Du warst meine Jugendheldin und bist meine älteste Freundin. Du bist geblieben, wie du schon immer warst: talentiert, humorvoll, forsch und ein Menschenmagnet. Zusammen haben wir betrunken ein Loblied auf die Männer und ein Klagelied auf den Schmerz gesungen. Das Rätsel, wie man so glücklich und besonnen durchs Leben gehen kann, während die Rückwand des Herzens auch mit Enttäuschung und Trotz gepflastert ist, haben wir bis heute nicht lösen können.

"Wir hören uns an, als hätten wir alle Last der Welt zu tragen", sage ich, als ich feststelle, wie absurd das Ganze ist. "Wir vermissen eine Liebe, die wir nicht haben und die zur Zeit nicht einmal fast besteht. Einfach aus Prinzip. Das ist bescheuert." Ich rutsche mittlerweile unruhig auf meinem Stuhl herum.  Mit einem "Jaja", wischst du meinen Gedanken fort. "Aber ich möchte daran glauben, dass es jemanden für jeden gibt. Und wenn ich daran glaube, dann kann ich mich nicht dagegen wehren, darauf zu hoffen. Dann will ich ja hoffen. Dann muss ich. Eine Überzeugung ohne Hoffnung darauf, dass sie sich erfüllt, ist leer." 
"Also müssen wir da durch?" 
"Genau das."
"Auch wenn es jeder Logik widerspricht?" 
"Auch dann." 
"Wenn das so ist, bestelle ich uns besser noch zwei weitere Biere", gebe ich mich geschlagen und winke nach dem Barmann. "Für die platonische Liebe meines Lebens hier und mich bitte noch einmal das Übliche," rufe ich und merke erst ein wenig später, wie wahr das ist.




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10 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Toll geschrieben!

    08.02.2016, 12:50 von alberton
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  • 1

    Eine uralte Leier nochmal in einen frischen Text gepackt zu kriegen, beeindruckt mich. Schön!

    29.01.2016, 07:28 von Kalef
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  • 0

    Einfach toll <3

    17.01.2016, 20:15 von Rosalie7
    • 0

      danke <3

      18.01.2016, 14:39 von Kathue-tata
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  • 2

    <3 für alles in diesem Text. Großes Kino. 


    12.01.2016, 12:28 von PinkahPandah
    • 0

      <3 für dich, weil: danke!

      12.01.2016, 14:25 von Kathue-tata
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  • 2

    Find' ich irgendwie unfassbar schön. 

    11.01.2016, 18:37 von nichtkompatibel.
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