Beste Freunde
Als du fortginst wusste ich, ich hatte meine beste Freundin verloren.
Du kannst niemanden leiden. Jeder Mensch auf dieser Welt ist dir irgendwie ein Mensch zuviel. Nichts findest du normal, alle sind irgendwie komisch und am besten von allen kocht Mama.
Du bist noch nie weiter hinaus gekommen als nach Holland ans Meer. Holland fandest du irgendwie merkwürdig und die Menschen da konntest du nicht ertragen. Das Essen hat dir auch nicht geschmeckt, du wolltest schnell wieder nach Hause.
Den ganzen Tag sitzt du in deinem Zimmer und spielst Computerspiele. Du zockst bis dir die Auge weh tun und manchmal schielst du zwischen den Gardinen hindurch und siehst das Leben da draußen.
Früher warst du nie so. Früher standest du immer schon um zehn nach 1 an der Bushaltestelle um mich abzuholen, von der Schule - wenn du früher aus hattest als ich. Wir sind dann gemeinsam irgendwohin gelaufen, manchmal Stundenlang. Haben Eis gegessen, am See die Enten beobachtet und fanden sie witzig.
Meistens hab ich mit dir die Zeit vergessen und mich dann gewundert wenn Mama am späten Nachmittag schimpfend in den Park kam und laut fragte "Sagt mal, müsst ihr keine Hausaufgaben machen?"
Wir sind dann immer nach Hause. Du zu dir und ich zu mir und haben unsere Hausaufgaben erledigt. Du hast nie länger als 30 Minuten für deine gebraucht, während ich öfters noch Stundenlang über Mathe schwitzte.
So riefst du also dann an. Täglich. Nach deiner halben Stunde Hausarbeiten erledigen. Du fragtest dann immer ob wir noch was unternehmen wollen.
Wir hatten soviel Spaß.
Selbst Mathe fiehl mir mit dir auf dem Küchenstuhl rechts, ganz außen, meistens leichter. Während ich Wurzeln zog maltest du lustige Bilder in mein Hausaufgabenheft. Mama fand das manchmal gar nicht so lustig.
Wir wurden älter.
Das Bushaltestellentreffen verlagerte sich auf den späten Nachmittag. Mama kam nicht mehr in den Park gelaufen um uns an unsere Hausaufgaben zu erinnern.
An den Wochenenden besorgten wir uns Alkohol und Zigaretten von den Älteren und dann sassen wir bis Mitternacht im Park und redeten über alles.
Du wusstest das es mein Wunsch war die Welt zu bereisen. Du fandest das irgendwie komisch. Zuhause ist es doch schön - hast du dann immer gesagt wenn ich dir ausgeschnittende Zeitungsbilder von fremden Ländern zeigte. Du fingst an dich für Mädchen zu interessieren, fandest es spannend meinen Freundinnen Nachrichten zu schicken und dich dann auf irgendwelchen Parties einzuschmuggeln auf die ich eigentlich ohne dich gehen wollte.
Mama fand das besser so. "Da kann der Steffen dich ja nach Hause bringen." Du bist aber immer mit anderen Mädchen nach Hause gegangen.
Dann hattest du deine erste Freundin. Larissa. Clarissa... ich erinner mich nur dunkel.
Da war es vorbei mit dem nach der Schule Treffen. Larissa-Clarissa brauchte deine volle Aufmerksamkeit.
Also schwälgte ich weiter in meinen Träumen von fernen Ländern und sparte jeden Cent.
Nach dem Abi war es dann soweit. Ich hatte das Geld für eine Reise um die Welt zusammen. Ich verabschiedete mich von dir am Telefon. Du hattest keine Zeit mit zum Flughafen zu kommen. Larissa-Clarissa wollte mit dir zum Shoppen gehen.
Der Abschied war kurz und schmerzlos.
Als ich nach einem Jahr zurück kehrte war Larissa-Clarissa nicht mehr mit dir zusammen.
Trotzdem kamst du nicht zum Flughafen um mich abzuholen. Du kamst auch nicht bei mir zuhause vorbei. Eine ganze Woche lang hörte ich keinen Mucks von dir.
Ich bin dann zu dir nach Hause gelaufen. Mit meinen Fotos von den fremden Ländern in der Tasche. Ich zeigte dir alles und erzählte von meinen Abenteuern. Du fandest das alles irgendwie komisch.
Auch die Wochen danach wurden nicht besser. Nach draußen gingst du nur wenn es unumgänglich war. Arztbesuche, Omas Geburtstag. Ansonsten warst du in deiner eigenen Welt.
Du riefst nicht mehr an.
Unsere Kommunikation beschränkte sich auf Internetchats.
Ich hatte das Gefühl dich überhaupt nicht mehr zu kennen.
Vor ein paar Tagen fand ich dann einen Brief von dir in meinem Briefkasten und vor meinem inneren Auge seh ich nur diese eine Zeile noch so klar und deutlich...
"Als du fortgingst wusste ich, ich hatte meine beste Freundin verloren."
Verstehen tu ich es nicht.
Immerhin sitz ich noch immer Nachmittags in unserem Park und warte auf dich.






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