plasticstar 06.07.2008, 17:37 Uhr 1 1

...ausserdem lebt man ja noch

Ich setze mich zu dir, krieche mit unter deine Decke und umarme dich. Du verkriechst dich in meinen Armen und wirkst ganz klein. Du riechst gut.

Ich komme in dein Zimmer. Du liegst zusammengekruemmt auf deinem gemuetlichen Sofa und siehst schrecklich aus. „Wie geht es dir?“, frage ich dich. – Du weisst es nicht. Ich muss es aber wissen, also setze ich mich zu dir und streiche dir ueber die Stirn, pieke dich, um deine Reaktion zu testen. Du kannst garnicht sprechen, denn sobald du den Mund oeffnest schiessen Traenen in deine Augen, rinnen dir ueber die Wangen, und ersticken deine Stimme in ihrem Fluss. „Was hast du seit dem gemacht?“, frage ich. „Nichts.“, antwortest du. „Du darfst dich nicht so haengen lassen“, finde ich, und dass du dir einen Ruck geben musst, und, dass wir niemandem diese Genugtuung geben wollen. Du willst dich nicht aufrappeln. Du meinst, dass du dich nicht bewegen koenntest. Dir ist alles egal, aber es muss sein.
Du schiebst deinen Kopf auf meinen Schoss und weinst noch ein bisschen mehr. „Es tut so weh.“, wisperst du, „ich weiss“, fluestere ich zurueck. Und es tut auch mir weh, wahnisnnig weh, und du tust mir so leid. Du bist mein bester Freund. Ein bisschen aelter als ich, meistens der starke, in dessen Arme ich sinke, wenn mal wieder etwas ncht so laeuft, wie es soll, wenn es mal mit jemandem nicht so richtig geklappt hat. Und jetzt liegst du hier,... so schlimm war es noch nie.

„Was soll ich tun?“, frage ich. „Weiss nich. Alles tut weh.“, meinst du, und dass du dich fuehlst wie gelaehmt. Unglaublich wie so ein Mist einem nicht nur psychischen -, sondern auch noch solchen physischen Schmerz bereiten kann. Ich frage dich, ob du ein bisschen raus gehen willst,.. du willst aber nicht. Dann eben schlafen, schlafen hilft immer,.. aber das kannst du nicht. Du zitterst. Ich lege eine Decke ueber deinen Koerper, streiche dir durch die dunkelbraunen, wuschelligen Haare, die ich so an dir liebe und warte. Ich warte bis du aufhoerst zu weinen und scheinbar ein bisschen zur Ruhe gekommen bist... Bis es schon lange dunkel ist, hinter deinem Fenster. Ich versuche mich vorsichtig von deinem Kopf zu befreien, du zuckst trotzdem zusammen. „Kann ich dich alleine lassen?“, frage ich mehr mich selbst, als dich. Du antwortest, indem du dich umdrehst, und weiter schlaefst, und ich gebe dir einen Kuss auf die Haare und gehe. – Bis morgen.

... Ich bin wieder da, und du immernoch.
„Hast du geschlafen?“ – Du schuettelst nur kurz den Kopf. „Was hast du die ganze Nacht lang gemacht?“, frage ich weiter. „Rum geheult und gedarbt“, antwortest du. „Nur das?“ – „ Als es nicht mehr ging, hab ich gekotzt.“
...Argh, mich aergert das ganze so.
Deine Augen sehen glasig und angegriffen aus.
„Geht’s dir besser?“ – du siehst mich an, als wuerde ich scherzen, und schuettelst wieder den Kopf. Was anderes hatte ich nicht erwartet, aber ich wusste nicht, was ich sonst haette sagen sollen.
„Hast du was gegessen?“ – keine Reaktion. Daraus deute ich ein nein.
„Du solltest etwas essen!“ – „Ich kann nicht. Ich kann nie mehr essen.“, schniefst du. Dann wenigstens etwas trinken, denke ich und gehe und hole ein glas Milch aus der Kueche. Du liebst Milch.
„Hier, probier das!“ Du trinkst einen Schluck und verziehst das Gesicht. „Ich wuenschte es waere Wodka.“ – „Lass das.“ Du grinst, aber nur kurz. Das war nicht lustig, aber immerhin. Ein dummer Scherz ist ein guter Anfang, finde ich.
Dann vergraebst du deinen Kopf unter deinem Kissen.
„Willst du reden?“, wieder nur ein Kopfschuetteln.
Irgendwas muss doch zu tun sein. Dich hier so zu sehn, das macht mich traurig. Aber auch mir faellt nichts ein, das ich jetzt sagen koennte. Also sage ich nichts, denke nach...
„Soll ich gehn?“... – Die selbe Antwort. Dann bleibe ich. Alleine gelassen haette ich dich sowieso nicht, und ich bin sicher, dass weisst du.
Ich setze mich zu dir, krieche mit unter deine Decke und umarme dich. Du verkriechst dich in meinen Arm und wirkst ganz klein. Du riechst gut.

...„Bist du wach?“, fluesterst du. - „ Du hast im Schlaf geweint. Wie fuehlst du dich?“ Du hast Kopfschmerzen. Ich finde du solltest endlich etwas essen, aber du willst nicht. Ich finde wir sollten raus gehn und, dass du dich nicht hier vergraben solltest, aber auch das willst du nicht. „Dann schlaf weiter, das wird das beste sein.“ Ich weiss auch nicht weiter, fuer den Moment, nehme meine Sachen und gehe. Das hier ist anstrengend. „Kommst du wieder? Ich mag, wenn du da bist.“ – „Natuerlich komme ich wieder. Ruf mich an, wenn was ist.“

...“Wo bist du?“ - Dein Zimmer ist noch dunkler als gestern, die Rollaeden lassen kein Licht in den Raum. Ah, du liegst unter der Decke, in deinem Bett. „Bist du ueberhaupt mal aufgestanden?“ – Keine Reaktion.
Du liegst einfach nur da, auf deinem Ruecken und starrst die Decke an. Ich sehe wie schlecht es dir geht, aber das Leben ist doch jetzt nicht vorbei, also benimm auch dich nicht so.
„Es reicht!“ – ich gehe zum Fenster und lasse endlich wieder Licht in dein verstaubtes Zimmer. Es wirkt,als waere hier die Zeit stehen geblieben. Ist sie aber nicht, deine Uhr tickt noch. „Lass das!“, maeckerst du.“Es fuehlt sich nicht an, als waere es genug. Das einzige was nicht ganz so weh tut ist hier zu liegen und sich nich zu bewegen. Dann spuehrt man auch nicht, das man noch lebt.“ - „Vielleicht, aber das reicht nicht. Das ist vielleicht bequem, aber so bleiben kann es nicht. Du lebst naemlich noch!... Du willst doch, dass es dir besser geht. Du willst doch wieder gluecklich sein... Und wenn dus nicht willst, ich will es. Ich will dich wieder zureuck. Lebensfroh und gross und lebendig... Wir fangen klein an, okay?!“ Ich ziehe die Rolllaeden ein wenig hoch. Nur soweit, bis kleine Lichtstrahlen durch das Fenster kriechen koennen. Es muss ja nich gleich eine Schocktherapie sein. Du kneifst die Augen zusammen, blinzelst, protestierst aber nicht... Sehr schoen.
„Musik?“ – „Bloss nicht,.. vielleicht muss ich heulen“ – „Okay, dann besser keine Musik... Ich,.. ich hab Pizza mitgebracht.“ Jetzt warte ich auf deinen Protest. Du scheinst nachzudenken, sprichst nicht mit mir und ruehrst dich immernoch nicht. Ich mache mich schon auf deine Essensverweigerung und eine Diskussion gefasst, weil ich nichtmher zusehen kann, wie du verschimmelst.
Aber du ueberraschst mich. Du befreist dich von deiner Decke, kommst auf mich zu, gibst mir einen Kuss auf die Stirn. Dann machst du das Fenster ganz auf und setzt dich neben mich auf den Boden. „Versuchen kann ichs ja mal.“ Du laechelst mich an, siehst blass aus. Ich bin erleichtert. Du nimmst dir ein Stueck Pizza und fuehrst es langsam in Richtung Mund. Es sieht gequaelt aus, und ich glaube, dass du es mehr fuer mich tust, als fuer dirch selbst. Aber das ist mir egal. Es geht bergauf.
Nach zwei Stuecken, ohne Rand, bist du fertig. Sonst isst du mehr als das dreifache, mit Rand.
„Wie fuehlst du dich jetzt?“ – ...“Immernoch leer, und es tut immernoch weh“ – „Von eben auf jetzt wird es nicht vorbei gehn, aber bald.“
...Dann kriechst du wieder unter die Decke. Schlafen und weinen macht muede. Das Fenster bleibt offen, und die Rolllaeden werden wieder ganz verschlossen. „Schlaf gut, mein Freund.“ – „Bis morgen.“

..Als ich das naechste mal komme duschst du gerade. Dein Zimmer ist lichtdurchflutet und aufgeraeumt, mehr als sonst sogar. Heute gucken wir einen Film, essen Chips und Suessigkeiten. – Wie so oft, bei schlechtem Wetter,.. nur, dass heute die Sonne scheint.

... Noch einen Tag spaeter gehen wir raus. Du skatest, ich gucke zu.
Du bist immernoch traurig, das wissen alle, aber es tut sicher nichtmehr so weh.
... Bald laeuft alles wieder fast wie immer.
.. aber egal, wie es laeuft,.. ich werde da sein.

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Kommentare

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    Nett von dir. Er hat dich gebraucht und du warst für ihn da. Das ist wahre Freundschaft. Trotzdem beängstigend, wenn es wirklich so war. Ich dachte vorher, mir würde es schlecht gehen, weil mein Freund weg ist. Aber anscheinend geht es mir ganz ok. Alles Gute für euch!

    07.07.2008, 17:17 von drops_of_august
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