eineLeserin 12.02.2008, 22:39 Uhr 4 2

Anorexia nervosa oder die Lust zu sterben

Ihre Augen sehen viel größer aus als früher und liegen sehr tief in den Höhlen.

Man kann sehen welche Form der Schädel einmal haben wird, wenn die letzte Haut darüber verwest ist. Viel zu groß wirkt dieser riesige Totenschädel auf dem abgemagerten Körper. Der Hals ist ganz dünn und wackelig. Man kann die zwei Sehnen an den Seiten sehr schön sehen. Es ruft das Bedürfnis hervor, den Kopf zu stützen. Nicht, dass er noch abbricht, er ist viel zu schwer für den dürren Hals. Sie trägt einen Schal, weil sie so friert, man sieht heute kaum, wie sehr die Schlüsselbeine hervortreten. Als würden sie jeden Moment die Haut zerstechen und durchplatzen durch die weiße dünne Oberfläche.

Man kennt das wahrscheinlich von dem Skelett im Bio-Unterricht. Das Skelett steht jetzt hier, es trägt modische Kleidung und spricht von der Zukunft. Doch in den tiefen Augenhöhlen kann man sie nicht sehen – die Zukunft, von der es da spricht. Es streicht sich durch die wenigen Haare ,sehr mädchenhaft, es trägt sie jetzt kurz, damit man die kahlen Stellen am Ansatz nicht sieht, wo die Haare längst ausgegangen sind.

Wenn dem Skelett wieder einmal der Magen knurrt, denn ergibt den Kampf noch nicht auf, dann klingt es ganz hohl und weit weg. Das Skelett kann das Zeichen deuten, es ist ja sehr klug und kennt seinen Körper gut, denn es beschäftigt sich ständig damit. Hunger hat es schon lange nicht mehr. Vielleicht, weil es selbst zum Hunger geworden ist. Im Mund, der einem wie eine schwarze Höhle vorkommt, verschwindet dann ein Stück Apfel. Aber nur ein kleines, denn das Skelett will noch zum Sport, danach braucht es doch auch noch eine richtige Mahlzeit. Und wenn das Skelett nachher sagen wird, es hat schon gegessen, dann sagt es die Wahrheit.

Der Hunger - seht alle her – hier steht er! Er zeigt sich in all seiner Schönheit.

Das Skelett verströmt eine solche Kälte, dass man selbst zu frösteln beginnt. Das sei normal, meint das Skelett, es würde einfach schnell frieren. Früher weiß man, da war es ganz anders, früher hatte das Skelett Fleisch und war ganz warm und weich, man hat sich wohl gefühlt in seiner Nähe.

Sieht man auf seine Händen dann kann man die Adern sehen, eine jede für sich, dick und pulsierend, als hätte man ihnen sehr lange das Blut abgeklemmt, aber wenn man dann in das bleiche Gesicht sieht, durch die Augenhöhlen in den Schädel hinein, kann man das Blut nicht finden. Es scheint versiegt zu sein. Oder vergoren. Man sucht nach dem Blut und dem Menschen dahinter, aber gerade, wenn man ihn zu finden geglaubt hat, kann man aus seinem Mund einen fauligen Geruch wahrnehmen. Magensäure und Verwesung kann man riechen. Dann lässt man das Skelett schnell los.

Das Skelett ist nicht glücklich, aber es möchte auch nicht wieder Mensch werden. Sein Freund, sagt es, findet es schön so.

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4 Antworten

Kommentare

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    Schon, aber ich stand irgendwie aufm Schlauch... :D

    19.03.2008, 22:37 von Alice.In.Wonderland.
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    Wow! Ich habe erst so ungefähr in der Mitte gemerkt worum es eigtl geht, und ich finde deinen Text richtig klasse. Vor allem den letzten Absatz.
    Ganz großes Kompliment, sprachlich/metaphorisch einfach ganz großes Kino!

    13.03.2008, 13:36 von Alice.In.Wonderland.
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      @Alice.In.Wonderland. Ähm..den Titel hast du aber schon gelesen, oder ? ;)

      13.03.2008, 13:50 von Wolkenschaf
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    Wahnsinnig toll, und treffend geschrieben! Man sieht das "Skellet" beim lesen vor isch stehen.
    Du hast auch gut getroffen, wie sich Betroffene rechtfertigen und immer neue Ausreden erfinden, um nicht essen zu müssen. Das Traurigste an dieser Krankheit ist, dass es immer Leute gibt (in deinem Artikel ist es der Freund), die nicht zufrieden zu stellen sind, und die Kranken immer weiter in den Abgrund drängen.

    13.03.2008, 13:08 von rockschaf
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    gut getroffen! wirklich!

    22.02.2008, 10:38 von die_sprotte
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