Alte Hüllen
Und dabei spielte es keine Rolle, wie eng es einmal zwischen einander gewesen war.
Wir saßen direkt am Fenster, auf dem sich die fettigen Ansätze fremder Haare spiegelten. Unsere Körper einander zugewandt lehnten wir uns nicht dagegen. Ich spielte mit dem Haargummi um mein Handgelenk und wusste nicht recht, womit zu beginnen war. Früher hatte nicht einmal ein Blatt zwischen uns gepasst. Wie siamesische Zwillinge waren wir miteinander verbunden – nur ohne den leidigen Teil dieser Verbindungen. Sie knibbelte die trockenen Fetzen ihrer Haut ab, die sich um ihr Nagelbett jedes einzelnen Fingers gebildet hatten.
Das hatte sich also verändert. Sie konnte meinem Blick nicht mehr Stand halten, dabei waren in der Zwischenzeit Jahre vergangen und nicht ich war diejenige, die wieder einen Schritt auf sie zugemacht hatte. Eine Postkarte mit dem Motiv wilder Pfingstrosen als erstes Zeichen zu wählen, sprach für sie. Meine Lieblingsblumen und sie hatte es nicht vergessen. An ihrer Schrift ließ sich die Mühe und Überwindung erkennen. Akkurat. Kein Buchstabe war in seiner Höhe aus der Zeile gerutscht. Ich erinnerte mich, mit welcher Aufregung ich ihre Worte aufsog. Immer und immer wieder. Als könnte ich nicht genug bekommen von dem Papier, welches durch ihre Hände geglitten war. Und jetzt saß sie vor mir. Ihre Lippen waren spröde und an manchen Stellen so rissig, dass sich das Blut dünnkrustig auf die Risse gelegt hatte. Es musste wehtun bei jedem Wort und jedem Lachen.
Der Schmerz hinderte sie jedoch nicht daran, der Bedienung dasselbe Lächeln zu schenken, wie mir fünfzehn Minuten zuvor, als wir uns steif begrüßten. Nur ihr Lächeln, das war irgendwie warm, sogar wärmer als ich es in Erinnerung hatte. Nach ein paar weiteren Minuten hatte ich mich an die Stille zwischen uns gewöhnt, mit der wir auf unsere Bestellungen warteten. Ich musste an meinen letzten Arztbesuch denken. Mein Arzt hatte mir gesagt, während er die Verspannungen in meinem Rücken durch ein festes Pressen seiner Daumen auf die entsprechenden Stellen lösen wollte, an Schmerz gewöhne man sich nicht, er ließe nach. Und genau das war es, was ich jetzt gerade fühlte. Irgendetwas hatte nachgelassen.
Als die Kellnerin den Kaffee servierte, trafen sich unsere Blicke und wieder dieses Lächeln, das ich bisher noch gar nicht kannte. Ich erinnerte mich an unsere letzte Begegnung, von der sie gar nichts wusste, zumindest dachte ich das, damals wie heute. Sie war beschäftigt, diesem einen Typen zu gefallen, der ihr schon längst verfallen war. Damals fand ich mich vor dem Club wieder, konnte den Anblick nicht ertragen und war wie im Rausch durch die tanzende Masse zum Eingang gestolpert. Frische Luft tat immer gut.
„Gesundheit.“, sagte ich, als sie nießen musste. Raus aus den Erinnerungen und ankommen in dieser Wirklichkeit. Sie bedankte sich artig und irgendwie kam sie mir weniger schön vor als früher, fast schon wie ein unscheinbares, graues Mäuschen. Über die Jahre ohneeinander hatte sie an Attraktivität für mich verloren. Der Zauber, ihr Charme war verflogen – oder aber in dieser scheinbar alltäglichen Situation nicht sichtbar. Ich fing an zu erzählen, was seitdem passiert war. Es sprudelte aus mir heraus. Ich hatte das dringende Bedürfnis unsere Stille mit Wörtern zu füllen und fühlte mich nicht wohl mit dieser Rolle, die ich mir selbst gegeben hatte. Aber ich konnte nicht aufhören, weil ich wusste, was auf mich wartete. Dieser neue Mensch mit dem warmen Lächeln und den trockenen Lippen, zu dem ich keinen Zugang fand und auch nicht wusste, ob ich das noch immer wollte. Vielleicht lebten sich auch Menschen wie wir einfach auseinander und jegliches Gefühl von Zusammengehörigkeit konnte einfach so verschwinden. Und dabei spielte es keine Rolle, wie eng es einmal zwischen einander gewesen war.
Und trotzdem fragte ich sie, was bei ihr geschehen war in all den Jahren. An der Gleichmäßigkeit jedoch, mit der sie Ihren Finger über die Tischplatte bewegte, konnte ich erkennen, dass sie mir nicht zuhörte. Sie zählte die dunklen Adern des Holzes.






Kommentare
"Vielleicht lebten sich auch Menschen
21.03.2013, 16:56 von jo_flowwie wir einfach auseinander und jegliches Gefühl von Zusammengehörigkeit konnte
einfach so verschwinden. Und dabei spielte es keine Rolle, wie eng es einmal zwischen
einander gewesen war."
ja. einfach nur ja! schön.
ein schönes Stimmungsbild! Ich glaube, dass nur wenige für immer bleiben - die anderen schenken einem die Erinnerung...
20.03.2013, 22:40 von fraeuleinungernDas ergibt keinen Sinn.
20.03.2013, 13:03 von Grumpelstilzchenso eine kenne/kannte ich auch.
19.03.2013, 17:24 von shaebbishDas ist dieser Moment, wenn man erkennt, dass einem einst liebe Freunde fremd werden/geworden sind, egal wie sehr man sich wünscht, es möge anders sein.
19.03.2013, 16:31 von topfbluemchenGenauso ist es!
19.03.2013, 16:50 von AausL