petit.papillon 19.07.2011, 01:13 Uhr 8 8

Alte Briefe

Ich stehe hier oben, 106 Meter über dem Meeresspiegel, lasse mir den eisigen Nordwest um die Nase wehen – er riecht nach Salz, nach Ebbe und Flut.

Liebste Lexa!

Du rätst nicht, wo ich gerade stehe. Ich hab es geschafft: Kurz bevor sie schließen wollten bin ich noch die Treppen zum Turm des Michels hochgelaufen.

Jetzt stehe ich hier oben, einhundertsechs Meter über dem Meeresspiegel, lasse mir den eisigen Nordwest um die Nase wehen – er riecht nach Salz, nach Ebbe und Flut. Unter mir hasten winzige Menschen wie Ameisen durch die Dämmerung. Auch wenn ich es von hier nicht erkennen kann, weiß ich, dass sie Mützen tragen und die Hände tief in den Manteltaschen vergraben haben.

Lange hab ich dir nicht geschrieben, Lexa. Du sollst wissen, ich habe dich nicht vergessen! Jetzt, endlich, wo ein wenig Ruhe einkehrt, nehme ich mir die Zeit und schreibe alles auf und denke an dich.

Es ist Dezember, wenige Tage vor dem großen Fest, und der pulsierende Rhythmus der Großstadt legt keine Pausen ein. Auf der Elbe treiben vereinzelt Eisschollen, aber die Gezeiten verbieten ihr, in eine winterliche Starre zu fallen. Weiter im Osten ragt das Skelett der Elbphilharmonie mit ihren Kränen wie mahnende Finger in den Himmel. In der heraufziehenden Dunkelheit wirkt das mächtige Gebäude gespenstisch. Der „König der Löwen“ erstrahlt in safarigelb, heute Abend gibt es dort selbstverständlich eine Vorstellung. Aber das sind nicht die einzigen Lichter. Nach und nach sind immer mehr erleuchtete Fenster zu sehen. Knips. Eine Vorstellung von Wärme, eine Ahnung von Frieden.

Langsam gehe ich an der Brüstung entlang. Meine Fotos habe ich schon geschossen – verwackelt, einige, doch auch ganz brauchbare sind dabei. Mein Stativ habe ich unten stehen gelassen. Zwei fantastische Bilder habe ich vorhin auf der Alster gemacht. Da war einer auf Schlittschuhen, ein Junge, der sich von seinem Kite über das blanke Eis hat ziehen lassen. Das hätte dir auch gefallen. Von hier oben kann ich die Alster zwar noch erahnen, aber inzwischen ist es so dunkel, dass ich keine Menschen mehr sehe. Einzig die große Tanne mit ihren 1300 kleinen Lichtern wird vom dünnen, neuen Binnenalstereis reflektiert.

Es schneit. Leise, feine Flocken, denen man ihre Sechseckstruktur noch ansieht, fallen auf meine Handschuhe. Der Anblick der filigranen Gebilde auf dem Eisen des Geländers lässt mich erschauern. Als ich plötzlich leise Jubelrufe und Fangesänge höre, zucke ich zusammen. Natürlich! Das letzte Spiel in diesem Jahr. Heimspiel – und unsere Jungs scheinen den Ball mal richtig getreten zu haben. Ich muss unwillkürlich lächeln. Sicher ist mein bester Freund grad am Millerntor und steht in der fanatischen Menge.

Das bunte Flackern neben dem Stadion zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Winterdom! War ich jemals mit dir auf einem Jahrmarkt, Lexa? Nein? Wir müssen das nachholen. Einmal müssen wir uns zusammen auf dem Hamburger Dom mit Zuckerwatte und Liebesäpfeln vollgestopft haben, einmal Kettenkarussell und Riesenrad gefahren sein. Und eigentlich ist jetzt dafür die beste Jahreszeit. Wenn ich mich später auf den Heimweg mache, werden der Gänsemarkt, der Jungfernstieg und die Mönckebergstraße nach Punsch und Crêpes duften, und Menschen mit lachenden Mündern und rotglühenden Wangen werden meinen Weg kreuzen. Doch noch stehe ich hoch oben über der Stadt und genieße die Entfernung, die sich zwischen mich und all die schlagenden Herzen dort unten schiebt.

Ich habe nie viele Menschen um mich gebraucht, um glücklich zu sein, Lexa, das weißt du. Und doch bist gerade du, die du unerreichbar bist, diejenige, die mir noch immer ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hat, mit einem Wort, mit einem Blick, einer Geste. Diejenige, mit der ich zu zweit alleine sein konnte, und deren Moleküle sich im nächsten Moment – wenn auch nur gedanklich – mit den meinen vermischen konnten. Nie war ich glücklicher als mit dir. Seit du gegangen bist habe ich selten diese Einsamkeit, diese Leere so stark in mir gespürt wie in diesem Augenblick.

Aber ich reiße mich zusammen, atme tief ein und aus und spüre die kalte Luft wie feine Nadelstiche in meiner Brust. Den Schleier der Tränen, die sich einen Weg über meine Wange bahnen wollen, blinzle ich festentschlossen weg. Mit klammen, steifen Fingern ziehe ich meine Kamera aus dem Rucksack und mache ein Bild vom übermütig strahlenden und blinkenden Winterdom. Ich werde es dem Brief beilegen – es wird dir gefallen. Schließlich liebst du farbenprächtige Fotos.

Ich wende mich nach Nordwesten, wo ich die Mündung der Elbe in der Dunkelheit vermute. Doch das Einzige, was ich in der Ferne ausmachen kann, sind die Lichter eines großen Frachters. Sein Ziel ist die weite Welt. Als ich unwillkürlich seufze wird mir klar, wie spät es ist.

Lexa, ich würde mehr schreiben, wenn ich könnte, aber nicht nur die Kälte lastet inzwischen schwer auf meiner Brust. Der Schnee hat mittlerweile eine dünne Schicht über die Wege und Plätze gezogen, er wird meine Schritte dämpfen. Die Stille der Stadt dröhnt in meinen Ohren, als ich durch die verlassenen Straßen gehe. Ich trage meine Mütze, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben.

Leere. Kälte. Einsamkeit.

Die Flocken segeln leicht zu Boden. Sie erdrücken mich. In meiner, in unserer Stadt. Es fiel Schnee, als wir uns das letzte Mal hier sahen. In unserer Stadt.

Weißt du noch?

In tiefer Liebe, deine Kira

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8 Antworten

Kommentare

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    wunderbarer text!

    28.07.2011, 15:00 von stella.filante.
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    Das ist echt gigantisch, die Worte sind so wunderschön geformt sie passen perfekt. Ich dachte gerade ich stande da ob in der kälte :)

    24.07.2011, 19:22 von missbutterfly400
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    eine sehr schöne beschreibung von hamburg, muss ich sagen! und die winterweihnachtsstimmung dort fühlt sich ziemlich so an, da hab ich auch mal gewohnt und so wars wirklich :)

    21.07.2011, 16:47 von guardavalenuvole
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    Liest sich gut und ich kann mir den Moment gut vorstellen... wirkt auf mich etwas depressiv und traurig... wenn dies das Gefühl ist, das du ausdrücken willst, hast du das bei mir erreicht... ;). Wenn nicht is auch fein ^^...

    21.07.2011, 14:34 von Skywave
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    ...wirklich sehr sehr schön geschrieben!

    21.07.2011, 13:11 von fireflies89
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    Eine gut beschriebene Momentaufnahme aus der Vergangenheit der Protagonistin / Autorin.
    Ob es Lexa wirklich noch gibt oder nicht, ob es um eine Freundschaft geht, die sich durch räumliche Trennung einfach aufgelöst hat (wer nimmt sich die Zeit über Monate, Jahre hinweg zu schreiben, ich habe es schließlich auch nicht geschafft in den 80ern, als ein Freund wegzog), bleibt ja offen.
    Letztendlich ist aber der Abend in Hamburg samt bewegender emotionaler Stimmung, perfekt in Worten festgehalten.

    21.07.2011, 11:54 von Cyro
    • 0

      @Cyro Cyro, dein Kommentar samt Lob bedeutet mir viel! Es freut mich, dass ich euch als Leser mit der Stimmung so erreichen konnte, wie es in etwa geplant war. ;)

      22.07.2011, 20:13 von petit.papillon
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    Sehr schön. Vermittelt die Wehmut zwischen und in den Zeilen...

    21.07.2011, 11:27 von topfbluemchen
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