Fluegelblinzeln 20.03.2012, 00:56 Uhr 6 10

Als Hansi den Löffel abgab

Hansi war auf dem Weg zum Zoo, um den Löffel abzugeben. Wenn er schon den Löffel abgab, dann so richtig.

Hansi war ein Außenseiter. Was das bedeutete, wusste er nicht. Aber er hatte gehört, wie seine Mutter ihn so genannt hatte, als sie im Glauben gewesen war, er schlafe. Der Hansi... die Lehrerin sagt... von den anderen ausgeschlossen... Außenseiter... Um sich der Bedeutung bewusst zu werden, hatte er über das Wort nachgedacht und war zu dem Entschluss gekommen, dass es ein schlechtes Wort war. Er wusste nämlich, was es hieß, im Außenfeld zu spielen. Es war nicht gut. Das sagte zumindest der Vater, der sich für einen Profifußballer hielt, aber schon nach fünf Minuten Spielzeit mit hochrotem Kopf am Boden lag und sich den Brustkorb massierte, weil er glaubte, einen Herzinfarkt zu haben. Hansi wollte kein Außenseiter sein. 

Er hatte gehört, dass Leute, die sich nicht wohl fühlten, den Löffel abgaben. Er wusste nicht genau, was das bedeutete, aber er glaubte, dass man dann schlief und wenn man aufwachte, war alles gut. Das hatte Hansi auch vor. In dem Kanal, wo die ganze Musik lief, hatte ein Mann, der nicht nur dreimal so viel Hals, sondern auch dreimal so viel Bauch wie Papa gehabt hatte, so etwas gesagt, wie: Und dann hat die Alte einfach den Löffel angegeben. Die nächste Einstellung war das Bild einer Frau in einem zuklappbaren Bett gewesen. Wie Omi. Nur noch älter. Wenn man den Löffel abgab, dann schlief man also. So wie seine Omi im vorherigen Jahr. Nur, dass sie nicht mehr aus dem Alles-wird-gut-Schlaf aufgewacht war. Wem sie wohl den Löffel abgegeben hatte? Vermutlich dem Opi. 

Hansi war auf dem Weg zum Zoo, um den Löffel abzugeben. Wenn er schon den Löffel abgab, dann so richtig. In seinem Rucksack trug er einen Joghurt und zwei Löffel mit sich. Den Joghurt, falls er Hunger bekam und einen Löffel zum Löffel abgeben – der andere fungierte als Ersatzlöffel, falls er den ersten nicht in das Löwengehege bugsieren konnte. Das war nämlich der Plan. Er hoffte, sein Lieblingslöwe, Shir Kan, würde den Löffel annehmen, damit er in den vielversprechenden Schlaf fiel. Nun verstand Hansi auch den Grund dafür, weshalb Mama ihn immer ermahnte, seinen Löffel selbst aus der Küchenschublade zu nehmen. Sie wollte den Löffel nicht abgeben. 

Er stempelte seine Zoo-Jahreskarte am Automaten ab und bahnte sich seinen Weg – am Affenhaus vorbei, links auf das Elefantengehege zu, an den Giraffen vorbei, nach rechts, wo die Pommesbude war. Er setzte sich auf eine der Holzbänke vor der riesigen Glaswand, die die Löwen von den Besuchern trennte, und dachte nach. Wie konnte er den Löffel an Shir Kan abgeben? Nachdem er zu dem Verdruss eines alten Mannes den Löffel gegen die Glasscheibe geschmettert hatte, kam er zu dem Entschluss: Es war schier unmöglich. Enttäuscht kaufte er sich ein Erdbeereis und trottete mit hängenden Schultern zum Bus, um nach Hause zu fahren. Nur bei den Pinguinen machte er Halt, weil er eine andere Idee hatte. Wenn er schon nicht den Löffel abgeben konnte, musste er sich eben anders helfen. 

Im Bus dachte er verschreckt daran, dass der alte Mann vielleicht in Betracht gezogen hatte, der Löffel gelte ihm. Was würde die Frau neben ihm im Bus wohl machen, wenn er plötzlich umfiele, weil der Mann den Löffel endlich aufgehoben hatte? Dann fiel ihm ein, dass er sich um wichtigeres zu kümmern hatte, als um solch unsinnige Gedanken. Sollte die Frau doch machen, was sie wollte, ihm war das egal. Er zog den Verschluss seines Rucksacks auf, der nach dem Zoobesuch an Gewicht zugenommen hatte, und lugte hinein. Wie gut, dass die Schnäbel von Pinguinen zu klein waren, um Löffel damit aufzuklauben, denn er wollte nun gar nicht mehr den Löffel abgeben. Er war kein Außenseiter mehr. Er hatte einen neuen Freund gefunden. 

Neben ihm fiel die Frau beim Anblick von Hansi‘s Pinguin in Ohnmacht. Wem sie wohl den Löffel abgeben hatte, fragte sich Hansi.


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6 Antworten

Kommentare

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    Pinguine! :) Nach nun drei Texten hast du hiermit mein Herz erobert...

    25.07.2012, 22:50 von Sarah.tanzt
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    Der Titel gefällt mir so gut, ich les den Text erst gar nicht. Dann kann auch nix zunichte gemacht werden.

    17.05.2012, 17:05 von Blackend
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    Weichspüler fürs Herz!

    17.05.2012, 13:17 von wittchenschnee
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Wirklich toll!

    16.05.2012, 19:50 von DasL
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    Zum Glück bin ich noch hierüber gestolpert. Ich mag den Text sehr :)

    16.05.2012, 05:57 von Mrs.McH
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