AnnaEcke 28.02.2008, 16:58 Uhr 7 15

Alles

...ist alles.

Alles hat seine Zeit…

…hast Du vor Jahren zu mir gesagt und dabei diesen neutralen Gesichtsausdruck zum Besten gegeben, der manchmal mit Deinen Mundwinkeln verwachsen schien. Natürlich wusste ich um die Alltäglichkeit dieser Wahrheit. Und dennoch habe ich protestiert. Habe mir Glaube, Liebe und Hoffnung auf meine Herzensfahne geschrieben und mich mit dem Rücken in den Sturm Deines Realismus gestellt.

Alles hat seinen Grund…

…und deshalb zählen Proteste gegen Vergänglichkeiten seit jeher zu meinem Pflichtprogramm, um der Wirklichkeit einen liebevollen Mittelfinger zu zeigen. Um mich inmitten der schönsten Umstände zu weigern, eben diese schon ziehen zu lassen noch während sie mich begleiten. Auch wenn vieles unterwegs verloren gehen mag, so werde ich doch immer meinen Blick vor dem Verlust schützen so lange er noch nicht in Sicht ist. Denn ein Ende beginnt mit dem Gedanken daran.

Alles ist in Bewegung…

…habe ich Dir als Kompromiss angeboten. Deine Mundwinkel schälten sich aus der neutralen Verwachsung heraus und zuckten zu einem Schmunzeln zusammen. Natürlich wusstest Du, dass ich mich aus dem Allgemeinplatz Deiner Aussage herausschummeln würde. Und dann hat der neutrale Zug um Deinen Mund das Schmunzeln schneller überwuchert als ich meinen Protestgesang zum Schwenken meiner Herzensfahne hätte anstimmen können.

Alles ist möglich…

…hätte mein Lied geheißen und von Glaube, Liebe und Hoffnung gehandelt. Vielleicht wie in einem schlechten Musical mit viel Drama und Tamtam, vielleicht aber auch wie in einem schlechten Roadmovie, um meinen Kompromisssatz mit dem stilistischen Mittel der Bewegung zu untermauern. Die erste Strophe hätte dem Glauben gegolten: Glaube an Freundschaft, Verbundenheit und Bestand. Die zweite Strophe hätte ich der Liebe gewidmet: Liebe zu Freundschaft, Verbundenheit und Bestand. Und die dritte Strophe, zu der ich meine Fahne sicherlich noch ein wenig pathetischer geschwenkt hätte, wäre der Hoffnung vorbehalten gewesen: Hoffnung auf Freundschaft, Verbundenheit und Bestand. Du hättest zugehört, Du hättest genickt und Du hättest gesagt: „Ich weiß.“ Und weil Du wusstest, ohne dass ich drei Strophen lang hätte monologisieren müssen, habe ich einfach geschwiegen und meine Mundwinkel den Deinen angepasst.

Alles ist gesagt…

…denn Du kanntest mich wie mein bester Freund mich kennen soll und somit konnte ich still gegen Deine laute Wahrheit protestieren. Ich habe dagesessen und Dich für einen kurzen Moment leise vermisst – vorträglich sozusagen – weil ich zwar meinen Blick vor dem Verlust unserer Freundschaft standhaft schützen konnte, nicht aber mein Herz vor der Angst. Denn ein Herz braucht meist einen Moment länger als die Einsicht eines Gedankenblicks, um sich in das sichere Dickicht des Jetzt zurückzuziehen. Der Moment ging vorüber, ich wischte mir den neutralen Zug aus den Mundwinkeln und wir bestellten uns noch ein stilles Wasser.

Alles kommt wie es kommt…

…und Du hast Dich in den folgenden vier Jahren durch jeden Tag mit mir und durch jeden Tag ohne mich gequält. Unsere Freundschaft, an die ich glaubte, die ich liebte und auf die ich hoffte, war es, die in Deiner Herzenswelt seine Zeit gehabt haben sollte, um der Liebe zu weichen, an die Du glaubtest, die Du liebtest und auf die Du hofftest. Wir hatten unsere Fahnen mit den gleichen Worten beschriftet und wir haben sie in all den Jahren nebeneinander hergetragen – beide in der Erwartung, dass der jeweils andere seine Fahne sinken lassen würde, um die des anderen zu ergreifen. Beide konnten wir unsere Wege nicht trennen. Du hast an Deiner Liebe zu mir gehangen wie ich an unserer Freundschaft hing, die in mancher Leuts Augen schon lange keine mehr war.

Alles ist alles…

…und unsere Zeit ist jetzt vorbei.

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7 Antworten

Kommentare

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    ... wunderbar.

    28.12.2008, 19:34 von Honigmelone
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    toll- einfach nur toll. und traurig. grausig. gemein. schrecklich.

    08.04.2008, 21:59 von miralii
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    das kenn ich so verdammt gut. genauso habe ich mich auch gefühlt, und das ist gar nicht so lange her. Es hängt einem nach, man wird es nicht los. Die Zeit ist vorbei, aber die Erinnerungen gehen nie. Einfach nie.

    03.03.2008, 11:45 von Tamou_Aduke
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    langsam habe ich den verdacht, deine texte könnte ich auch ungelesen empfehlen.. wunderschöne wortspiele und gedankenbilder. toll.

    29.02.2008, 09:17 von beenerin
    • 0

      @beenerin Yep, kann mich nur anschließen!

      29.02.2008, 09:45 von Kiyan
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    Scheisse. Das kenn ich. Nur wenige verstehen es, meine Gedanken und Gefühle so in Worte zu fassen, wie du. Mal wieder eine Empfehlung.

    28.02.2008, 17:09 von unicorna
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