Jakob_Schrenk 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 23

Allein unter Freunden

Man kann sich VON ALLER WELT VERLASSEN fühlen, auch wenn man viele Bekannte hat. Jeder dritte Deutsche fühlt sich manchmal einsam. Erwachsen werden heißt eben auch: Freunde verlieren. Umso wichtiger wird es, für eine Freundschaft zu kämpfen.

Nie wäre Oliver auf den Gedanken gekommen, einsam zu sein. Er macht leicht Bekanntschaften, kommt gut mit Menschen klar, so war das schon immer. Während der Schulzeit amtierte Oliver, der seinen Nachnamen nicht verraten will, fünf Jahre lang als Klassensprecher. Nicht weil er es als seine Bestimmung ansah, für die Raucherecke oder ein neues SMV-Sofa zu kämpfen, sondern weil er die Wahl als einen Beliebtheitswettbewerb verstand, den er unbedingt gewinnen wollte. Als er vor einigen Monaten seinen dreißigsten Geburtstag feierte, kamen achtzig Leute. Und im Telefonbuch seines Handys sind sechs verschiedene Annas gespeichert und vier Florians.

Allerdings hat ihm dieses hochverdichtete Kontaktverzeichnis nichts genützt, als vor einem Jahr seine Schwester anrief und sagte, dass Papa gestorben sei. Als die Schwester auflegte, hätte Oliver noch gerne weitergeredet. Also klickte er sich durchs Telefonbuch. »Benni mobil anrufen?«, fragte das Handy. Oliver zögerte: Mit Benjamin konnte er früher alles besprechen, aber er hatte sich schon eine Ewigkeit nicht mehr bei ihm gemeldet; jetzt kam es ihm unverschämt vor, ihn mit einer Katastrophennachricht zu überfallen. Caro? Mit der konnte man sich unter den Tisch saufen, als Amateurseelsorgerin war sie eine Fehlbesetzung. Und Marcus kannte er gerade einmal seit sechs Monaten. Oliver drückte weiter die Pfeiltaste, die alphabetisch geordneten Resultate von zehn Jahren Socializing zogen an ihm vorbei: Jana, Ludwig, Sebastian, am Ende auch noch Wolfi. »Niemand von diesen Leuten kannte ich gut genug, um ihm meine Gefühle zuzumuten«, sagt Oliver. »Das hat mich wahnsinnig erschreckt.«

Einsam ist nicht nur die Alkoholikerin, die im Mülleimer nach Pfandflaschen wühlt, oder der alte Mann, der drei Wochen tot in seiner Wohnung liegt, bis er entdeckt wird. Fünfzehn Prozent der Deutschen erklären in Umfragen, keinen guten Freund zu haben. Sechs Prozent bekennen, sich häufig einsam zu fühlen, 24 Prozent haben manchmal dieses Gefühl. Möglich, dass diese Zahlen geschönt sind, wer gibt schon gerne zu, unbeliebt zu sein? Ohnehin scheint das Raster, das die Sozialforscher über die Gesellschaft legen, um glückliche Herdentiere von unfreiwilligen Eremiten zu trennen, zu grob zu sein. Einsamkeit ist ein diffuses Gefühl, es reicht von der sozialen Isolation bis zur gelegentlichen Ahnung, fremd zu sein inmitten einer Gruppe Bekannter. Wieso fühlen sich gut vernetzte Connecter plötzlich von der ganzen Welt verlassen? Warum bedeutet erwachsen werden auch: Freunde verlieren? Verwahrlosen wir emotional - oder haben wir ein paar Unterrichtsstunden geschwänzt in der Schule der Freundschaft?

Solange der Mensch noch perfekt integriert war in die Familie, Berufszunft und Dorfgemeinschaft, konnte er sich kaum allein fühlen. Als Objekt permanenter Sozialkontrolle durfte er allerdings auch nicht selbst über sein Leben entscheiden. Sprüche wie »Das gehört sich nicht« und »Schuster, bleib bei deinen Leisten« bildeten den Soundtrack der fremdbestimmten Biografie bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein. Erst heute versteht sich das Individuum als Drehbuchautor des eigenen Lebens, möchte nicht nur über die Storyline eigenständig entscheiden, sondern auch Locations sowie Haupt- und Nebenrollen selbst besetzen. Wir wollen frei sein, frei auch von jedem, der nervt (Eltern, Expartner, Stammtischbrüder), möchten unsere Hobbys und Kleidermoden selbst bestimmen, allein entscheiden, wo wir leben und mit wem. »Das Konzept der selbst gewählten Freundschaft passt perfekt in die Zeit«, sagt die Soziologin Ursula Nötzoldt. Aber wie stabil sind diese Wahlverwandtschaften? Könnte es sein, dass wir sogar für die Freundschaft zu frei und egozentriert geworden sind? Einige Umfrageergebnisse deuten in diese Richtung: In den 80er Jahren hatte jeder Amerikaner drei enge Freunde, denen er alles erzählen konnte, heute sind es nur noch zwei. Im selben Zeitraum stieg der Anteil der Menschen, die niemanden haben, um wichtige Dinge zu besprechen, von zehn auf 24,6 Prozent.

»Was ist eigentlich los mit dir?« Martina Kix erschrak, als sie diese Frage hörte. Und zwar noch mehr, als sie sah, wer sie gestellt hatte: der Mann nämlich, der sie vor zwei Stunden in den Club gelassen hatte und jetzt plötzlich im Getümmel neben ihr stand. Wer das Mitleid eines qua Berufsbeschreibung hartherzigen Türstehers erregt, muss wirklich arm dran sein, dachte Martina. Der Typ ließ auch gar nicht locker: »Guck dich doch an«, sagte er, »wie unzufrieden du bist.« Martina versuchte nicht loszuheulen, als sie auf die Tanzfläche starrte, wo Jungs mit schweißglänzenden Gesichtern und Mädchen mit alkoholinduziertem Silberblick ihre Hüften bewegten, sich an den Händen fassten und umarmten und sich in die Ohren schrien. Eine geschlossene Gesellschaft, zu der sie keinen Zutritt hatte - da konnte ihr auch kein besorgter Türsteher helfen. Plötzlich fielen ihr keine Worte mehr ein, die sie mit ihren Bekannten oder gar einem Fremden hätte wechseln können. Schlimmer als Einsamkeit ist nur: Einsamkeit inmitten hysterisch fröhlicher Menschen.

Martina war für ein Volontariat von Bielefeld nach Köln gezogen, es fiel ihr schwer, die Bindung zu den alten Freunden zu halten, »die konnten sich nicht vorstellen, was ich hier erlebe.« Und um in Köln Menschen gut kennen zu lernen, fehlte ihr die Zeit: »Wenn ich nach zwölf Stunden aus der Arbeit kam, hatte ich keine Kraft, mich mit irgendwem in der Kneipe zu unterhalten.« Mobilität, Flexibilität, Einsatzbereitschaft - so lauten die neuen Imperative der Arbeitswelt. Darunter leidet ein starres Konstrukt wie die Freundschaft.

Von Braindrain redet man, wenn zu viele gut ausgebildete Menschen ihre Stadt oder ihr Land verlassen, um in der Ferne Glück und Reichtum zu suchen. Aber es verlassen ja nicht nur kluge Sachbearbeiter die Stadt, sondern auch Seelenverwandte: ein Heart- & Souldrain. In weißen Mercedes-Sprintern fuhren Thorsten Austs Freunde aus seiner Heimatstadt und seinem Leben, er blieb zurück, man verlor sich aus den Augen, aus der geografischen Distanz wurde eine emotionale, er kann das nicht erklären, es ist über ihn gekommen wie eine Naturkatastrophe. Jetzt ist Thorsten, 25, Grafiker, allein. Ganz allein. Einsamkeit, das ist die Zeit zwischen Freitagabend und Montagmorgen. 62 Stunden, in denen er nicht weiß, was er machen soll. 62 Stunden, die umso zäher sind, weil er weiß, dass es da draußen schon Menschen gibt, die zusammen ins Kino gehen, lachen oder einander Anoraks ausleihen. 62 Stunden soziales Vakuum.

Auch Martina Kix hatte an ihren Kölner Wochenenden viel Zeit, zum Beispiel zum Fernsehen. Aber das war nicht immer ein Trost. Unter Serien wie »Scrubs« oder »Sex and the City« sollte der Schriftzug »Dauerwerbesendung « aufleuchten, so wie früher bei »Der Preis ist heiß«. Das Produkt, das hier mit Weichzeichner und Cellocrescendo beworben wird, heißt: Freundschaft. Es ist ja nicht so, dass Serienfiguren immer ein schönes Leben haben, sie werden schwanger, verlassen und vom Bus überfahren. Aber fünf Minuten nach jeder Kollision mit den Widrigkeiten des Alltags ist immer der Freund da, der nicht nur eine hübsche Föhnfrisur trägt, sondern auch die richtigen Worte und das nötige Kleingeld parat hält. Hollywood propagiert nicht mehr die wahre große Liebe. Die Lebensgefährten wechseln mehrmals pro DVD-Staffel, die einzige Konstante im Leben der Serienfigur ist der perfekte Freund. Dieses mediale Idealbild steigert unsere Anspruchshaltung gegenüber unserem Sozialapparat - und vergrößert die »gefühlte Einsamkeit«.

Vielleicht hat sich Martina mit ihren Kölner Bekanntschaften so schwer getan, weil sie permanent Vergleiche mit alten Freunden und Fernsehbeziehungsmodellen anstellte. Vielleicht hatte sie zu große Erwartungen, war ungeduldig beim psychochemikalischen Experiment, mit dem wir Fremde in Bekannte umwandeln und Bekannte in Freunde.

Thorsten Aust, der einsame Grafiker, traut sich nicht einmal mehr ins Labor der Freundschaft. Wenn er hört, wie sich Kollegen verabreden, fragt er nicht, ob er mitkommen kann, sondern nutzt die Gelegenheit, um über seine Einsamkeit zu trauern. Und das macht ihn erst recht mutlos. In Extremform macht Thors ten eine Erfahrung durch, die wohl jeder kennt: Es ist verdammt schwer, neue Freunde zu finden. Wieso darf man eigentlich nur dann einen fremden Menschen anlächeln, wenn ein erotisches Interesse besteht? Warum kann man nicht sagen: »Ich will dein Freund werden. Gehen wir ein Bier trinken?«

Thorsten war schon früher nicht der Typ, der die halbe Schule zur Hobbyraumfete ein lud, »aber bis zum Abitur hatte ich halt meine Kumpels.« Die Schule organisierte seinen Tag von acht bis dreizehn oder sechzehn Uhr und strukturierte seine freundschaftlichen Beziehungen. Der Pausenhof als Kontaktbörse. Früher war alles besser. Mit wem man auch über Einsamkeit und Freundschaft redet, immer bekommt man Geschichten aus der guten alten Zeit in Schule oder Uni zu hören: das Wochenende als Party-Kater-Party-Kontinuum; Telefongespräche, die um zwölf Uhr nachts beginnen und aufhören, wenn es blau wird vor dem Fenster; das Gefühl, unschlagbar zu sein in der Gruppe.

Auch Jasmin Riethmüller, 26, kann viele solche Geschichten erzählen. Jasmin arbeitet bei MySpace, hat 308 digitale Freunde und öfter mal wechselnde Affären. Das klingt nach einem ziemlich guten Lebensentwurf - zufrieden ist Jasmin trotzdem nicht. In letzter Zeit kommt sie sich wie eine Ärztin vor, die diagnostiziert, dass sich im Freundeskreis ein gefährliches Virus ausbreitet: Pärchen ziehen zusammen, planen den Kauf einer Immobilie und einer Katze, denn klappt es mit dem Tier, wird es auch mit dem Baby funktionieren. Man trifft sich nicht mehr Freitagnacht in der Kneipe, sondern Sonntagfrüh daheim zum Brunchen (Essen ist plötzlich sehr wichtig). Und Jasmin kaut Lachsbrötchen, guckt sich die Leute an, mit denen sie so viele Erinnerungen verbin - den und fragt: Sind das wirklich noch meine geistigen Zwillinge? Sie wüsste auch gerne, warum sie als Einzige gegen das Katzenvirus immun ist. Oder ist es umgedreht, und mit ihr stimmt etwas nicht?

»In der Jugend funktionieren Freundschaften nahezu automatisch«, erklärt die Soziologin Ursula Nötzoldt. Man hat Zeit, hält sich in ähnlichen Lebenswelten auf, der Partner ist keine Konkurrenz zum Freundeskreis. Mit dem Älterwerden ändert sich das. Je individueller wir werden, je genauer wir wissen, was wir wollen und was nicht, desto schwieriger ist es, einen seelenverwandten Freund zu finden. Nötzoldt rät von Nostalgie und übersteigerten Erwartungen ab und glaubt in Zeiten von Individualisierung und Mobilität an ein »System differenzierter Freundschaften«. Mit dem einen verbindet uns ein gemeinsames Hobby. Mit dem anderen gehen wir ein Feierabendbier trinken, weil er ein netter Kollege ist. Und den Dritten sehen wir selten, weil er 800 Kilometer entfernt wohnt, dafür teilen wir mit ihm Sandburganekdoten. Der Freund als hochspezialisierter Gefühlsdienstleister.

Natürlich gibt es Menschen, denen der Weg aus der Einsamkeit nicht gelingen kann, etwa weil sie psychische Probleme haben. Glaubt man dem Philosophen Harald Lemke, sind viele allein, obwohl sie es nicht sein müssten«, (siehe auch Interview auf S. 52) Wir verbuchen unsere Freunde in den Tabellen von Entourage, ohne weitere Gefühle zu investieren. Beobachten als passiver Teilhaber den Zerfall des Sozialkapitals, anstatt aktiv zu werden. Finden keinen Mut, neue Freundschaften zu schließen. Lemke glaubt nicht an konkrete Tipps zur Freundschaftsanbahnung, die funktionieren genauso wenig wie Flirttricks. Stattdessen appelliert der Philosoph an unsere Einstellung: »Wir müssen wieder lernen, für die Freundschaft zu leben.«

Vielleicht wäre Lemke mit Martina Kix? Entscheidung zufrieden. Die Volontärin hat es in Köln nicht mehr ausgehalten, hat gekündigt und ist jetzt nach Berlin gezogen, wo sie viele Leute kennt. Es war eine Entscheidung gegen den Beruf und für das Leben - und Martina hat sie keinen Tag bereut. Nicht immer kann man aus der Einsamkeit einfach wegziehen. Aber man kann von Martina lernen, dass man nicht immer nur für die Arbeit flexibel, mobil und proaktiv agieren sollte - sondern auch ein mal für die Freundschaft.

Auch Susanne Wetzel, 37, Steuerberaterin, hat Mut zur Freundschaft bewiesen. Bekannte hatte sie schon immer genug, aber nur eine gute Freundin. Als sie die verlor, wegen eines dummen Streits, hatte Susanne den schlimmsten Liebeskummer ihres Lebens: »Ich habe mich gefühlt, als wäre mir ein Arm amputiert worden. Das war der Mensch, mit dem ich alles machen konnte. Die Einzige, die meine Witze verstanden hat.« Irgendwann hatte sie dann aber keine Lust mehr auf Heulkrämpfe und Selbstgespräche und hat eine Kontaktanzeige geschaltet: »Beste Freundin gesucht.«

Noch wartet Susanne auf Antworten. Man kann über ihre Aktion schmunzeln, weil die impliziten Regeln der Freundschaft verlangen, dass sich die Beziehung langsam und organisch entwickelt, ohne Absichtserklärung. Oder weil man mit so einer Annonce doch maximal nach einem Ehepartner Ausschau hält. Aber darum geht es ja: Wir müssen die Freundschaft mit der gleichen Energie suchen wie die große Liebe. Susanne Wetzel jedenfalls sagt: »Ich will mir nicht vorwerfen, nicht alles ausprobiert zu haben. Dafür ist mir die Freundschaft viel zu wichtig.«


Tags: Freunde verlieren
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1 Antworten

Kommentare

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    Ist natürlich schwierig auf Portalen, die für beide Geschlechter sind, Freunde zu finden, da die meisten auf mehr abzielen. Für sowas gibt es aber auch extra Portale wie beispielsweise http://zazeni.de, wo ausschließlich Frauen zugelassen werden.

    01.11.2015, 23:45 von Palatinum
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