MauerKind 30.11.-0001, 00:00 Uhr 74 27

Aishe.

Was sie mir ins Ohr flüstert, bevor die Heraneilenden uns erreichen, lässt mich zusammenzucken: "Adem", sagt sie mit gebrochener Stimme.

Montagmorgen. Es regnet und schneit sogar ein bisschen. Ich denke an die letzten sonnigen Tage zurück. Meine Gedanken schweifen immer wieder vom Unterricht ab. Auch der Rest der Klasse sieht nach Gedankenkino aus. Leere Blicke, ab und zu ein stumpfsinniges Nicken, während die Lehrerin sich mindestens genau so grau artikuliert, wie das Wetter draussen.

Ich stehe auf, um auf Toilette zu gehen. Als ich den dunklen kalten Raum betrete, ragt unter einer der Kabinen ein schwarzer Stiefel hervor. Ich bleibe stehen und starre Sekunden, bis ich begreife. Da liegt jemand auf dem Boden. Und es ist Aishe, das türkische Mädchen aus meiner Klasse. Die Kabine ist verschlossen. Ich sage ihren Namen, immer und immer wieder: "Aishe". Unruhe liegt in der Luft. Der Raum kommt mir immer kälter vor. Ich rüttle an der Tür und warte immer noch auf Antwort. Wahrscheinlich sind erst Sekunden vergangen, doch sie kommen mir vor wie Stunden.

Ich laufe zurück zur Klasse, außer Atem stürme ich hinein, die Lehrerin schaut mich tadelnd an. Ich stammle zusammen, was ich weiß und das ist, dass Aishe da liegt und keinen Laut von sich gibt und dass die Tür verschlossen ist. Kein Herankommen.

Die Lehrerin schluckt. Sie ist jung, kaum älter als wir. Sie steht da, völlig starr. Die Klasse gafft. Ich schreie sie hysterisch an: "Sie müssen kommen. Jemand muss den Krankenwagen rufen."

Die Lehrerin geht schnell, nicht schnell genug. Sie hat den Raum noch nicht gespürt, sie weiß es noch nicht. Aber ich weiß, dass dort etwas Grausames in der Luft hängt.

Als wir den Raum betreten, hat sich nichts geändert. Die schwarze Schuhspitze ragt weiterhin hervor. Ich rede auf Aishe ein, doch nichts passiert. Ich werfe mich auf den nassen Boden und schaue durch den kleinen Schlitz zwischen Tür und Boden. Die Lehrerin steht da und wählt das Sekräteriat an.

Ich höre Aishe weinen. Lebenszeichen. Doch wie viel besser macht es die Situation? Nach Minuten öffnet sie die Tür. Blut läuft ihr aus der Nase auf ihr graues Kleid. Große Flecken auf zerrissenem Stoff. Ihre Strumpfhose hängt ihr in Fetzen von den dünnen Beinen. Sie weint und sie zittert und behauptet, es sei nichts passiert. Auf die Frage, ob jemand bei ihr war, bricht sie zusammen.

Wir richten sie auf und von weit weg höre ich schließlich Sirenen. Polizisten stürmen heran. Kurz dahinter Sanitäter. Aishe weint und weint und stützt sich auf mich, versucht, ihr Leid irgendwie loszuwerden und schafft es nicht.

Was sie mir ins Ohr flüstert, bevor die Heraneilenden uns erreichen lässt mich zusammenzucken: "Adem", sagt sie mit gebrochener Stimme.

Ich weiß, wer Adem ist und ich weiß, wie mutig Aishe heute war und dass sie das erstemal ohne Kopftuch, mit einem modischen Kleid und hübschen schwarzen Stiefeln in die Schule kam. Ich weiß, dass ich diese Dinge mit ihr gekauft habe, weil es ihr größter Wunsch war, so zu sein wie wir. Weil sie in einen Jungen verliebt war und weil sie endlich wissen wollte, wie es ist, einen Jungen zu küssen und sie ihre Unschuld verlieren wollte, irgendwann. Weil sie sich als Deutsche fühlt und nicht als Türkin, und ich weiß, dass Adem ihr Bruder ist.

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74 Antworten

Kommentare

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    sehr gut geschrieben !

    23.11.2009, 19:20 von Crazyblu
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    liest sich sehr schön -- habe meine facharbeit genau zu diesem thema geschrieben. erschütternd, aber leider die wahrheit. scheiß "ehre".

    09.06.2009, 20:00 von meandmrjones
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    Ja.So ist die "deutsche" Gesellschaft mittlereweile wirklich.Von Klischee lese ich dort nichts,sowas passiert ueberall und jederzeit.Wie auch immer,ich find es gut.Der komplette Text wurde sinnvoll und gut geschrieben!

    08.06.2009, 22:44 von Angstattacke
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    @Guelle

    Sorry, aber ich hab den Islam nicht seit dem kalten Krieg aufm Zettel. Und soweit ich mich erinner, war ich am Ende des kalten Krieges ne pubertierende Jugendliche, und glaub mir, da hatte ich andere Sorgen!!!

    Und ich weiß auch genau, dass der Islam in Deutschland kein Feindbild ist, denn sonst wären die Gesetze hier längst mal überdacht und angepasst worden. Fertig. Die dürfen hier ihre Religion leider so ausleben, wie fast in keinem anderem Land. Und haben dazu, wie in KEINEM anderen Land ihrer Herkunftsländer, noch den Staat als Ernährer. Wo siehst du denn da bitte ein Feindbild zum Islam???

    Keine Ahnung, woher das kommt oder warum das so ist. Ich will nur, dass diese Religion irgendwann auf das beschränkt oder reduziert wird, wie es bei uns mit der Bibel ist. Gewisse gute Dinge weiter zu zelebrieren... den Dreck aber einfach ignorieren!

    Das ist meine Meinung!

    19.04.2009, 01:44 von Batida72
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    @ surfisto

    So isset!

    17.04.2009, 23:21 von Batida72
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    Wir sind aufgewachsen mit dem Glauben daß die persönlichen Freiheitsrechte in Erz gegossene Selbstverständlichkeiten wären. Nicht alle, aber ein großer Teil der gläubigen Moslems sieht das etwas anders und die uns so unverzichtbar erscheinenden Grundrechte werden im Islam bestenfalls als lästig angesehen. Was soll's könnte man sagen, Leute, die sich um Grundrechte einen Dreck kümmern gab's schon immer. Richtig- aber neu ist, daß es derartigen Leuten so einfach gemacht wird. Vor allem linke Parteien scheinen es als Teil des 'Kampfs gegen rechts' zu begreifen, die diesbezüglichen Sachverhalte schönzureden. Wer sich mal so richtig gruseln will, der kann ja mal einen Blick in die 'Kairoer Erklärung der Menschenrechte' werfen. Die ist von fast allen islamischen Staaten incl. der Türkei unterzeichnet. Einfach mal googeln...lohnt sich!

    17.04.2009, 15:50 von surfisto
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    @Guelle

    "Der Artikel behandelt das Thema Umgang mit dem Fremden in vielerlei Hinsicht. Er entspannt ein wenig."

    Ok, den Artikel werde ich lesen... und kritisch beäugen. Was nicht entspannt, ist der Artikel im Stern vor drei oder vier Wochen (wenn du willst, such ich dir das genaue Datum raus) über Muslime in Deutschland. Oder der Beitrag gestern bei Stern TV, da legst dich nieder! Und wenn du meine obigen Kommentare gelesen hast, klar, waren alle etwas lang, sorry, aber dann ist daraus klar heraus zu lesen, dass ich nix gegen den Moslem von gegenüber habe, der muslimisch ist, aber seine Tochter auch am Schwimmunterricht oder beim Sport mitmachen lässt. Mir gehts um die anderen. Die vielen anderen!

    "Der Islam ist per se keine gewalttätige Religion, genausowenig wie es das Christentum ist."

    Mmmh, der Islam bedeutet Frieden. Aber das ist er nicht, so sieht es leider aus. Er ist der Hass auf "Ungläubige", die laut dem Koran getötet werden "müssen". Und das ist keine Schlagzeile aus der "Bild" sondern das steht da so drin im Koran. Es gibt inzwischen ganz gute Übersetzungen... lies dich einfach mal rein!
    Wie schon geschrieben, die Christen habens auch nicht sehr geschickt angestellt, aber diese Religion hat in unserem (politischen und sonstigen) Leben nix mehr zu sagen. Und das hat was mit Weiterentwicklung zu tun. Die geht denen völlig ab!

    Nix für ungut, Guelle, aber es ist so, wie es ist. Und in Pakistan sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch... Sie führen die Shariah ein und sie misshandeln und töten junge Frauen aufgrund von Gerüchten. Vielen Dank, das ist eine Religion, die die Welt nicht braucht!


    Ich mach mir Sorgen.

    17.04.2009, 00:06 von Batida72
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    Differenzierung verlangt daß man es einem säkularen Türken in Deutschland natürlich nicht anlasten kann wenn im Iran schwule und sich nicht angemessen verhaltende Jugendliche öffentlich gehenkt werden. Aber es darf mal gefragt werden wie der Pool an Freiheiten aussieht, der einem Mädchen zugedacht ist, dem hier der Schwimmunterricht nicht erlaubt wird. Und es darf gefragt werden was passiert wenn sich dieses Mädchen nicht an die über das Schwimmverbot hinausgehenden Vorschriften hält. Davor könnte man Angst bekomme....oder auch Wut.

    16.04.2009, 19:21 von surfisto
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