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"Ich hab mir vorher eine halbe Flasche Jägermeister reingekippt, ich hatte Angst, dass es wehtut.", sagst du mit einem Grinsen.
Wir sitzen beide in deinem Wohnzimmer. Man sieht dir an, dass du geweint hast, man sieht mir an, dass ich unter Schock stehe. Das Blut, das aus deinen Handgelenken kommt, versuche ich mit Handtüchern daran zu hindern. Du fühlst dich kalt an. Wir sind gerade mal 14, waren beide schon bei Psychologen, wir sind beide Sorgenkinder. Allerdings sind meine Schnitte nicht an meinem Handgelenk, auch wenn sie ähnlich tief sind. Ich habe nicht versucht mich umzubringen.
Dein Großvater war mit dir in der Wohnung, als ich zu dir geeilt kam. Du hattest mir eine SMS geschrieben, eine Art Abschied. Ich habe mich sofort aus der Schule abholen lassen und bin mit meiner Mutter zu dir gefahren. Dein Großvater hat mich beschuldigt. Ich sei Schuld, dass es in der ganzen Wohnung nach Blut riecht. Weder den Geruch noch die Schuldzuweisung habe ich je vergessen. Genauso wenig wie die Blutlache in deinem Zimmer, sie war das erste was ich an dem Tag von dir sah.
"Ich hab mir vorher eine halbe Flasche Jägermeister reingekippt, ich hatte Angst, dass es wehtut.", sagst du mit einem Grinsen.
Ich kann nichts sagen. Dein Blut hat die Handtücher durchnässt, meine Jeans hat schon etwas abbekommen. Ich werde diese Jeans nie wieder tragen. Vor der Wohnzimmertür hört man meine Mutter mit deinem Vater und deinem Großvater streiten. Dein Großvater brüllt meine Mutter an, beschuldigt mich, meine Mutter verteidigt mich, so wie sie es immer tut.
Ich fühle mich schuldig. Immer noch. Auch wenn ich ganz sicher weiß, dass ich nichts dafür kann. Dass ich es auch nicht hätte verhindern können. Ich fühle mich schuldig.





Kommentare
Beunruhigend tief und ehrlich.
22.02.2012, 18:38 von Honigmaedchen.Man wagt es kaum auf "Mag ich" zu klicken.
21.02.2012, 10:16 von Jimmy-aus-OhioDas mag ich.