Shears 08.05.2007, 08:27 Uhr 1 0

Zwischenbericht

Nur der gute, alte 70er Jahre Staubsauger, der „Fakir“, stand noch in der Ecke und erinnerte an seine entsorgten Revival-Kollegen.

Tatsächlich hatten mich meine Eltern dazu gebracht, heute noch einmal in der neuen Wohnung zu helfen. Ich hatte mich auch schon seit Längerem gefragt, was mein Vater und mein Bruder die ganze Zeit dort machen? Ich hatte vermutet, dass sie die meiste Zeit Müll wegwerfen, um letztlich doch Wände auf dem Dachboden zu entdecken. Die zwei Blümchen in dem überdimensionalen Blumenkasten vor der Tür machten immer noch keinen lebhaften Eindruck und auch die schäbige Matte vor der Tür lag, frisch verschoben, auf ihrem alten Platz. Auf dem Weg nach oben in die Wohnung bin ich, wie gewohnt, über die unebene Treppe gestolpert und die mutige Wandbemalung im Flur war auch noch nicht überstrichen.
Mein Zimmer hatte ich vor einigen Wochen mit drei, zeitweise auch fünf Freunden gestrichen: Klare Sache: Jeder eine Rolle in die Hand, in weißer Farbe eingeweicht und schon geht der Spaß los. Am Ende hatte ich zwar Bauchschmerzen vor Lachen, weil wir wirklich sehr viel Spaß hatten an dem Tag, allerdings auf Kosten des Zimmers, denn der Boden war weißer als die Wand und die schönen schwarzen Flecken der überstrichenen Tapete waren zum Teil noch zu gut zu erkennen, als dass es sich gelohnt hätte das Schild: „Vorsicht, frisch gestrichen“ aufzustellen.
Mein Vater teilte mir ein paar Tage später mit, es sei ohnehin alles umsonst gewesen, weil unser Vorgänger so schlecht tapeziert hatte, dass sie sich langsam von allein von der Wand lösten. Eine Träne habe ich nicht vergossen, aber als ich dann heute in mein neues zu Hause trat, dachte ich an all die Arbeit die geschafft war und an die, die noch zu tun ist.
In der Küche überfiel mich das schockierende Gefühl der Überraschung. Sie strahlte in sanftem weiß, die Wand war zum Teil gefliest und mit Raufaser bedeckt, die Decke neu vertäfelt und der Boden frisch gelegt.
Herrlich. In der Mitte befand sich ein kleiner Grill auf einer Art Hocker. Meine Mutter sprach ganz begeistert von einem improvisierten Herd.
Ich hatte mich allerdings auf ein schönes Feuer an unserem, den Raum verschluckenden, Kamin gefreut. So wie damals alte Cowboys ihre Fische fingen und sie über einem Lagerfeuer kochten, wollte ich das morsche, gammlige Holz für ein kleines, stinkendes Feuer in unserem rustikalen Kamin nutzen. Doch das Wohnzimmer schien plötzlich sehr groß und ich hatte erst beim zweiten Blick unsere kuschelige Feuerstelle wiederentdeckt: Mein Vater hatte sie verkleidet, mit weißem Holz, sodass alles sehr sauber und neu aussah. Die Feuerstelle war dennoch benutzbar, was mich aufatmen lies.
Der Dachboden hatte all meine Erwartungen übertroffen: Ich hoffte auf einen teilweise geräumten Speicher, der wenigstens an den Fenstern schon gedämmt ist und an dem der Efeu entfernt wurde.
Vor mir eröffnete sich – im wahrsten Sinne des Wortes, denn da war eine Tür mitten im Raum – zwei Zimmer, abgetrennt durch eine schöne Wand, mit einer noch schöneren Tür in einem tollen Rahmen. Sogar eine Decke gab es. Die Wände waren eben und nach einem Dachboden sahen diese Räumlichkeiten wirklich nicht mehr aus. Nur der gute, alte 70er Jahre Staubsauger, der „Fakir“, stand noch in der Ecke und erinnerte an seine entsorgten Revival-Kollegen.
Nur ein Teil war noch mit Schutt belegt, den wir aber im Laufe des Tages in den Garten, zum alten Sperrmüllhaufen brachten. Die großen Steine hatte mein Bruder ganz dreist an die Schienen geschüttet, die an unserem Garten anliegen. Ganze sechs große Eimer kippten wir mit Sicherheitsabstand an die Gleise, wodurch eine kleine aber beklemmende Staubwolke gen Himmel schwebte, die an dampfenden Kaffee erinnerte.
Ich hatte an diesem Tag einen seltsamen Keuchhusten.
Bevor ich endlich wieder nach Hause in mein gesaugtes, steriles Zimmer durfte, hatte ich noch eine letzte Aufgabe: Ich sollte den Staubsauger entfernen. Und wie ich so die Treppen hinab steige, um den alten Fakir neben das, erst kürzlich entdeckte, Beil am Totenkopfkamin zum anderen Schutt zu legen, erinnerte ich mich an die Dinge, die ich mit ihm erlebt hatte: Beim Streichen mit den Freunden hatten wir soll viel Dreck gemacht, dass wir ihn nur durch den Fakir beseitigen konnten. Wir hatten eine stinkige Mundschutzmaske auf, weil ich zunächst das Gefühl hatte, der Fakir staube mehr als er saugt. Und er war es, dem ich beim ersten Eindringen in den Dachboden als erstes begegnet war. Und so legte ich ihn behutsam neben die alten Tischbeine und dachte ich bei mir: Auf wiedersehen, Fakir!
Auf halben Rückweg blickte ich mich noch einmal um und begriff, dass ich mit ihm eine Zeit der totalen Verwüstung in unserer Wohnung zurückgelassen hatte, denn wir wollen an Pfingsten umziehen. Und zwar komplett. Und das ist in nicht ganz drei Wochen...
Und ich weiß immer noch nicht, wie ich meinen begehbaren Kleiderschrank voll bekommen soll...

1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Dieses Gefühl kenn ich nur zu gut...

    Ein schöner Text.
    Weiter so!!

    10.05.2007, 19:45 von EiskaltesHaendchen
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