Zur Halbwaise in siebzehn Stunden.
Es ist noch keine vier Monate her, dass ich Halbwaise wurde.
Es war ein Freitag Nachmittag, kurz nach fünf. Ich war zu dem Zeitpunkt noch fünfzehn, meine Schwester siebzehn und meine Eltern seit vierzehn Jahren geschieden. Das Telefon klingelte, meine Mutter nahm ab. Zum Glück. Zum Glück war meine Oma am Tag davor vom Fahrrad gefallen. Zum Glück hatte meine Mutter sie deshalb an besagtem Freitag ins Krankenhaus gefahren und anschließend zu Hause gearbeitet. Zum Glück.
Denn der Anruf kam von der Polizei. Ein Herr W. sei ins Krankenhaus eingeliefert worden, meine Mutter wäre angegeben zur Benachrichtigung, wir sollten schnellstens im Krankenhaus anrufen. Auf der Intensivstation.
Sie erreichte lange niemanden. Sie rief mich. "Deinem Vater ist etwas Schlimmes passiert." Genaueres wusste sie nicht. Mehr durfte die Polizei auch nicht sagen. Sie probierte es weiter auf der Intensivstation - ich sagte es meiner Schwester. Sie wurde panisch, konnte sich einfach nicht beruhigen; ich ging mit ihr nach draußen, es schneite. Wie schon die Woche davor.
Vielleicht war es ja ein Fahrradunfall, er fährt doch immer Fahrrad. Vielleicht ist er ja von einem Auto angefahren worden, vielleicht wird ja wieder alles gut. Vielleicht. Diese Minuten, draußen auf der dunklen, leeren Straße, zur Beruhigung auf meine Schwester einredend, frierend, ohne es zu merken, waren Minuten des Hoffens.
Als wir wieder ins Haus gingen, wurden diese Hoffnungen jäh zerstört. Nichts würde wieder gut werden, nichts. Er würde sterben. Schlaganfall, geplatztes Aneurysma, Hinrnblutung. Hirntod.
Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt eindeutig in Trauerphase eins - Leugnen. Ebenso wie meine Schwester. Ich kam schnell über diese Phase hinweg. Meine Schwester nicht. Wie konnte das sein, er war doch erst letztes Wochenende wieder gefahren, er hat doch noch Weihnachten mit uns verbracht.
Mittlerweile war eine Stunde seit dem Anruf vergangen, meine Mutter bemühte sich meinen Onkel zu erreichen, der zeitweise auch in Hannover arbeitet. Sie erreichte ihn auf dem Weg nach Hause. Er war schon nicht mehr in Hannover - niemand war bei ihm, das wurde mir schlagartig bewusst. Die fünf Stunden hinfahren, dazu wäre meine Mutter nicht in der Lage gewesen. Endlich erreichte sie meine Tante, die nur eine Stunde entfernt wohnte. Sie fuhr sofort hin.
Als sie ankam, war er schon lange nicht mehr ansprechbar. Mitgekriegt, und daran halte ich mich fest, hat er es womöglich trotzdem noch.
Es war schon knapp drei Stunden her, als es endlich alle Geschwister meines Vaters und auch seine Eltern wussten.
Ich musste mich ablenken, irgendetwas tun. Meine Mutter versuchte meine Schwester zu beruhigen, ich kochte Tee und schmierte Brote. Zwischendurch telefonierte meine Mutter immer wieder mit dem Krankenhaus und meinem Onkel.
Als es nichts mehr für mich zu tun gab, rief ich meine Freundin an, wir wären am nächsten Tag verabredet gewesen, um ein Filmprojekt für die Schule fertig zu stellen. "Ich kann morgen nicht kommen, es tut mir leid, mein Vater liegt im Sterben." Auf ihre geschockte Frage antwortete ich nur: "Ja, er wird sterben."
Da erst wurde es mir wirklich bewusst.
Nächster Morgen, fünf Stunden Zugfahrt, ankommen, mit dem Taxi zum Krankenhaus, Gang geradeaus, nach links, bis zum Ende, mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage and der Tür klingeln, von der wartenden Familie umarmt werden. Es war das erste Mal, dass ich meine Tante und meine Großeltern, ja sogar meine Cousinen zur Begrüßung umarmte.
Die Ärztin kam, ob wir reinwollen, zu ihm. Nein. Ich wollte nicht. Ich wollte ihn nicht so sehen. Ich wollte nicht, dass meine letzte Erinnerung an ihn die wäre, wie ich sie schon von meinem Opa kannte, nein, dass wollte ich nicht. Nein, er sollte da gar nicht liegen, er sollte wieder in unserem Garten stehen, mit mir Kirschen abmachen, mir von Büchern, Kunstausstellungen und Reisen erzählen. Mir zuhören, ehrlich interessierte Fragen stellen. Mir Zitate vorlesen, bei uns am Esstisch in sein Tagebuch schreiben, den Weihnachtsbaum fotografieren, sein Müsli zubereiten, seine Liter von Wasser trinken; mir einfach seine große warme Hand auf die Schulter legen und mir sagen, dass er sehr stolz sei.
Wir waren zu spät, er war schon hirntot, er hat uns nicht mehr mitgekriegt. Seine Kinder nicht mehr mitgekriegt, auf die er immer so stolz war. Die er als einzige bedingungslos geliebt hat. So steht es in seinem Tagebuch, das hat er mir einmal gezeigt.
Ich hatte mich nicht mehr verabschieden können. Auch nicht, als ich ihm über die Hand strich, meine eine Hand in seine legte und mit der anderen Hand über seinen warmen Arm strich und ihn sagte, ihm endlich einmal sagte, wie lieb ich ihn hätte. Er hörte es nicht mehr.
An diesem Tag erfuhr ich noch sehr viel, zu viel.
Ich wollte nicht wissen, dass er zwölf Stunden lang in seiner Wohnung lag, bis die von seinen Kollegen alarmierte Polizei die Wohnung aufbrach. Ich wollte nicht, nachdem ich die Existenz eines Organspender Ausweises bestätigt hatte, erfahren wie es nun "weitergehen würde". Ich wollte meine Onkel darüber reden hören, dass er wenigstens noch mitkriegte, dass Hilfe kam. Ich wollte nicht hören, dass die Blutung in seinem Gehirn die Ausmaße eines Pfirsichs hatte. Ich wollte meine Onkel nicht weinen sehen, nicht die Tränen meiner Großmutter auf ihren faltigen Wangen. Nicht die Worte des Seelsorgers hören, als er die Krankensalbung sprach. Nicht das murmeln meiner Schwester an meiner Schulter spüren, sie könne das nicht.
Ich wollte ihm nur sagen, dass ich ihn liebte, ich hatte es zuvor nie wirklich getan. Jetzt ist es zu spät, und das werde ich mir wohl auch nie wirklich verzeihen können.





Kommentare
danke kathi für diesen ehrlichen, direkten text, für den mutigen einblick in dein herz, der sehr viel offenlegt, was wohl ein jeder von uns - wenn auch ivielleicht in milderer ausführung - erfahren musste. was für eine bitterliche ironie es doch ist, dass sich im tiefsten leiden die größten Gefühle offenbaren. ich hoffe, dass auch deine schwester und mutter über diesen schlimmen verlust hinwegkommen können. was bleibt ist die erinerung - steck sie in ein marmeladenglas...
23.04.2009, 02:15 von Flohbrille@[Benutzer gelöscht] Kann man so oder so sehen... finde es sehr komisch, wenn du wirklich so bist. Es tut mir für dich Leid bzw. freue mich für dich, wenn du dein Mitgefühl/Gefühle im allgemeinen auf Knopfdruck ausschalten kannst und die LMAA Haltung aktivieren kannst.
23.04.2009, 10:02 von donotdisturbIch musste gerade an meinen Vater denken, er lebt zum Glück noch aber ich kaum Kontakt habe.
Es zeigt doch nur, das man sich die Mühe machen muss und jede freie Sekunden zum Leben nutzen sollte. bzw. wenigsten den Kontakt aufrecht zu erhalten....
Wenn jemand geht, geht er/sie für immer..
wenn das nich fiktiv is dann tuts mir echt leid für dich...ich kann das gut nachvollziehen...
22.04.2009, 20:44 von kruemel.sehr schön geschrieben!!
Hey liebe Kathi, auch ich bin seit 2 jahren Halbweise und ich finde es ist schwer zu ertragen.An vielen Tagen nicht , aber manchmal kommt es doch wieder hervor und es ist unerträglich.Bei mir kommt der große Schmerz auch erst jetzt richtig, weil einem die Abwesenheit dann nicht mehr so fremd vorkommt und einem die Leere immer mehr bewusst wird und man alleine kämpfen muss, in vielen situationen.
22.04.2009, 20:17 von Dina-Lisaschöner text und es ist für mich sehr gut nachfühlbar.
ich würde mich freuen wenn du meinen text, der auch über den Tod eines elternteils geschrieben ist, lesen würdest.ich habe ihn erst heute fertig gestellt.
herzliches Beileid und ich wünsche dir das der Riss in dir tragbar wird
Liebe grüße dina
echt mal. sind wir hier ein schreibe- oder literatur-zirkel? es geht um leben. um liebe. um profanes. und um besonderes. um alles, was die welt zum drehen bringt.
22.04.2009, 15:42 von TochterAusElysiumes ekelt mich an, dass immer irgendwer am stil rummäkeln muss. kann man nicht einfach mal sehen, was da passiert? muss es immer geschliffene rhetorik sein?
und am überflüssigsten sind die kommentare zu rechtschreibfehlern. natürlich ist ein text ansehnlicher, wenn keine zu finden sind. aber da wir alle zum großteil den lieben deutsch-unterricht samt diktaten und aufsätzen hinter uns gelassen haben, kann man sich das doch sparen. das wirkt ein wenig wie unsympathische besserwisserei.
@[Benutzer gelöscht] Dankeschön =)
22.04.2009, 16:45 von Kathi92zum weinen:(
22.04.2009, 15:36 von anntoastkopfDanke, für die Rückmedungen - ihr hab schon Recht, was die Form angeht ... Und wie mein Artikel auf Seite 1 kommt - sorry davon habe ich keine Ahnung.
22.04.2009, 15:18 von Kathi92Danke auch für die Beileidsbekundungen, ich hätte nie gedacht, dass dieser Artikel soviel Resonanz findet.
ich finde den text um meilen besser, als so manch´ anderen schmus, den man an dieser stelle zu lesen bekommt.
22.04.2009, 15:16 von magnusEine sehr traurige Geschichte, eine schlimme Situation, die ich gut nachempfinden kann. Vor knapp 6 Jahren habe ich auch meinen Vater verloren und ich muss dir zustimmen, es gehört zu den schlimmsten Dingen, einen Menschen verloren zu haben ohne ihm vorher wirklich gesagt zu haben wie sehr man ihn liebt. Auch wenn es ihm sicher bewusst war... Es ist einfach etwas anderes es ausgesprochen zu haben. Irgendwann wirst du damit sicher besser zurecht kommen, aber die Tatsache wird einen immer traurig machen.
22.04.2009, 14:27 von SchwanenkoeniginIch wünsch dir alles Gute und viel Kraft!