Lotus 31.07.2007, 00:45 Uhr 10 7

Zukunft extra-scharf

Mit einer Tube Senf in der Hand kommt Thomas die Treppe hoch und nimmt mich in den Arm. Die Untersuchungsergebnisse meines Vaters sind da.

Drei Würstchen wälzen sich schon im Kochwasser. Zwei für ihn, eins für mich. Weil er immer den größten Hunger von uns beiden hat, wenn er von seinem Dienst im Krankenhaus nach Hause kommt.

Das Bier zischt in die Gläser, als wir uns endlich gegenübersitzen. Thomas ist ruhiger als sonst. Während ich die Würstchen aus dem Topf fische und ihn dabei anschaue, fühle ich, dass es heute keinen Grund zum Anstoßen geben wird. Aber ich will nicht weiter in seinen Augen lesen und konzentriere mich auf meinen Teller, der mir mit einem Würstchen und ein paar Gurkenscheiben viel zu übersichtlich erscheint.

Ob er sein Geburtstagsgeschenk schon ausgepackt hat, das ich ihm heute morgen gegeben habe, will ich wissen. „Ja, vielen Dank. Die Gläschen passen super in meine Sammlung. Wo hast Du das Motiv gefunden?“ Seine Lippen quälen sich mit einem Lächeln, aber wir merken beide, dass es uns nicht überzeugt. Dennoch antworte ich: „Ich habe sie schon vor Weihnachten besorgt. Wann hätte ich sonst Schnapsgläser mit Rentieren für dich finden sollen?“

Mein Messer lässt die Pelle des einsamen Würstchens vor mir platzen und die Schnittflächen der kleinen Stücke nacheinander im Senf verschwinden. Muss das brennen, denke ich, und merke erst jetzt, dass wir minutenlang kein Wort mehr gesagt haben. Wie eine stumpfe Klinge drückt sich das Schweigen an meinen Hals, und ich kann nicht anders als in Thomas’ Gesicht aufzuschauen.

„Es ist eigentlich nicht in Ordnung, dass ich hier sitze und dir deine Würstchen wegesse“, bricht er die Stille. Ich weiß, jetzt ist es soweit. Jetzt wird er mir sagen, was ich nicht hören will, und doch will ich es endlich wissen, damit dieser Moment vorbei ist, der noch zwischen uns steht.

Als wir uns heute morgen gesehen haben, konnte er es mir nicht sagen, versucht er zu erklären. Er wusste nicht, wie ich regieren würde. Aber jetzt muss er es tun und mir sagen, was seine Kollegen und er gesehen haben, als sie meinen Vater in die Röhre geschoben haben, während ich nebenan gewartet habe.

„Dein Vater hat Metastasen.“

„Wieviele?“, antworte ich mechanisch.

„Viele“, gibt er zögernd zu.

„Wir müssen die Bilder noch endgültig auswerten, aber an mehreren Stellen waren Auffälligkeiten zu erkennen“

Mit der unbarmherzig distanzierten Sprache der Mediziner versucht Thomas, den Worten ihre Härte zu nehmen. Er kann eben nicht aus seiner Haut heraus.

Und ich kann mich nicht mehr beruhigen, als die Worte meinen Verstand erreichen. Ich weine, schüttele mich, schreie und zittere am ganzen Körper. Thomas kommt zu mir herüber und nimmt mich in den Arm, aber ich spüre ihn gar nicht. Nichts dringt von seiner Wärme zu mir durch. Ich merke nur, wie seine Verunsicherung langsam zu mir hinüberkriecht.

Normalerweise ist er kein Hiobsbote, sondern kann sich mit seinen Diagnosen hinter Berichten verstecken, die ein anderer Arzt dem Patienten zu erklären versucht. Doch bei meinem Vater wäre das nicht gegangen. Er kennt uns beide viel zu lange, und deswegen sitzen wir nun hier. Weil wir beide meinen Vater schützen wollen vor dieser harten Wahrheit, die uns viel zu unvermittelt getroffen hat. Doch wir wissen, dass wir ihn nicht schützen können, weil die Krankheit sich ihren zerstörerischen Weg suchen wird. Wir können nur tapfere Begleiter sein auf diesem Weg.

In meinem Kopf überschlagen sich Szenarien in Krankenhäusern, Arztpraxen und bei meinen Eltern zuhause, die ich alle schon kenne. Und deswegen hatte ich sie weit weg verbannt aus meiner Erinnerung. Es schmerzt, sie auf einmal wieder so greifbar nahe zu fühlen und zu wissen, dass sie nun wieder Realität werden und die kommenden Monate oder Jahre bestimmen werden.

Am quälendsten bohrt sich zwischen all diesen Gedanken die Frage in mein Bewusstsein, wie ich meinem Vater sagen werde, was ich gerade erfahren habe. Ich merke, wie diese Frage mir immer mehr die Kraft raubt, klar zu denken und sehe mich gedanklich gefangen in der Situation, meinem Vater zu sagen, wie ernst es um ihn steht.

Gleichzeitig merke ich, wie mein Alltag in weite Ferne rückt, weil von nun an andere Dinge als Studium, Arbeit und Freunde oder Freizeit dominieren werden. Egal, in welcher Stimmung ich bin, wie ich mich fühle und ob ich die Kraft dazu haben werde. Überforderung nimmt Besitz von mir, schüttelt mich wieder und wieder, und ich wünsche mir nichts sehnlicher als wieder das kleine Mädchen zu sein, das sich im geblümten Kleid seiner Mutter verkriechen kann und so die Welt für sich ins Gleichgewicht bringt. Doch die Realität schwankt weiter bedrohlich unter meinen Füssen, und Thomas bringt mich ins Bett. Er wird nicht müde mich zu beruhigen, kocht Kamillentee und ist einfach nur da, weil er weiß, wie nahe mir alles geht. Ihm auch.

Wir schrecken auf, als mein Telefon klingelt. Ich kenne die Nummer viel zu gut. Habe gehofft, sie würde nicht auf meinem Display erscheinen. Ich kann den Hörer nicht abnehmen. Nicht jetzt. Nicht heute. Muss erst selber verdauen, was ich an diesem Abend erfahren habe, um dann die richtigen Worte für meinen Vater zu finden, falls es die jemals geben sollte.

Thomas verspricht mir, dass wir einen Weg finden, meinem Vater die Wahrheit zu sagen. Nicht in einem unpersönlichen Krankenhaus umgeben von fremden Ärzten und ohne dass ich darunter leiden muss. Doch zuerst soll ich schlafen und mich erholen von diesem anstrengenden Tag, der mein Leben so heftig aus den Angeln gehoben hat.

Irgendwann dreht mich der Strudel des Gedankenkarussells doch noch in einen unruhigen Schlaf, in dem immer wieder Krankenhäuser und Ärzte auftauchen, mein Vater ausgeliefert mitten unter ihnen und ich irgendwo dazwischen.


Thomas muss die Wohnung inzwischen verlassen haben, denn am nächsten Morgen sehe ich in der Küche, dass er die Tube Senf dagelassen hat.

Meine Hoffnung auf eine milde Zukunft hat er allerdings mitgenommen.

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10 Antworten

Kommentare

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    schön ehrlicher Text, sch*** Situation. kenne ich nur zu gut. Wünsche Dir alle Kraft.
    Marlis

    11.08.2007, 00:24 von marli
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    hab ganz brav mein abi gemacht*g* und jetzt, nach nem jahr praktika, will ich dafür sorgen, dass ich was in richtung grafik- oder product-design studieren kann... kreativbranche, weisch?

    07.08.2007, 13:09 von the_so_called
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    wer kämpft kann verlieren. wer nicht kämpft hat schon verloren.

    07.08.2007, 11:06 von analog
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    Hallo!

    Ich kann deine Situation sehr genau nachempfinden, da sie mich vor eineinhalb Jahren genauso von einem auf den anderen Tag heruntergerissen hat. Anfangs war das ganze Ausmass der Tragödie noch gar nicht sichtbar, der Glaube in den Fortschritt lässt hoffen. Ich klammerte mich an 5%. Fünf Prozent Wahrscheinlichkeit, und doch war der Kampf vergebens. In Bezug auf deine Situation kann ich dir nur zwei Sachen sagen:

    1. Solange du noch kannst geh jeden Tag zu ihm und sprich dich mit ihm aus. Und sprich über die wirklich wichtigen Dinge. Alles was du über ihn, seine Jugend und seine wirklichen Ansichten wissen willst frage ihn. Verschiebe keine wichtigen Themen, du würdest dich nur ärgern. Man denkt man hätte Zeit...

    2. Mein Vater hat gekämpft, er wollte bis zum letzten Tage sein Schicksal nicht annehmen, wollte ausbrechen und siegen. Ich dagegen wusste das er in Kürze sterben würde, er auch, er wollte es nur nicht wahr haben.

    Jeder reagiert auf eine solche Nachricht komplett anders wie ich in meinem Umfeld gesehen habe. Schenk deinem Vater reinen Wein ein und versicher ihm deine Unterstützung.

    alsdenn, ...

    07.08.2007, 01:08 von baumfellarbeiten
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    WIe oft habe ich mir auch schon so Szenarien ausgemalt.
    Der Text is sehr verständlich verfasst von Dir und lässt mich so gut es geht mitfühlen. Ich wünsche Dir aber doch irgendwie Kraft das, was kommen wird zu verkraften! Kopf hoch!

    06.08.2007, 19:57 von Tom1987
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    Oh je, ich kenne das zu gut ... bin in einer so ähnlichen Siuation, auch mein Dad ... und nachher treffe ich mich zum 1.Mal seit der Diagnose mit seinem Arzt, den ich auch privat kenne ... und habe Angst, dass das Gespräch so ausgeht wie bei Dir ...

    06.08.2007, 18:17 von Hild
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    Ohje, man kann richtig mitfühlen, wenn man das liest. Ich hoffe, ihr findet die "richtigen" Worte und könnt euch gegenseitig so gut unterstützen wie es eben geht in dieser dunklen Stunde.

    06.08.2007, 16:37 von Lotus_Drache
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