Babati 20.02.2013, 17:05 Uhr 6 3

Zu spät?

Zwölf Jahre sind seitdem vergangen. Und wir haben nie wieder darüber gesprochen. Bis gestern.

Das erste und einzige Mal haben wir darüber gesprochen, als ich ungefähr sechs Jahre alt war. Kannst Du Dich noch daran erinnern? Wir waren in Bremen bei meinen Großeltern, ich habe - wie so oft -  Dein Portemonnaie aus- und eingeräumt, eher aus als ein.
Dieses Mal ist mir eine blaue Karte in die Hände gefallen, sie sah schon sehr alt aus, etwas abgegriffen, die Buchstaben leicht verblichen. Ich konnte schon ein bisschen lesen, aber das waren so komische Worte, ich habe gar nichts verstanden.
Fordernd habe ich Dir die Karte unter die Nase gehalten. "Was is'n das, Mama?", habe ich gefragt, aber eigentlich war ich schon mit der Kreditkarte und der Ikea-Family-Card beschäftigt. Deine Antwort hat mich allerdings aufhorchen lassen.
"Das ist ein Herzpass. Meine eine Herzklappe funktioniert nicht ganz so, wie sie funktionieren sollte. Darum muss ich auch jeden Morgen meine Tabletten nehmen."
Verunsichert sah ich Dich an. Aber du schienst gar nicht beunruhigt zu sein. Mich hat das damals sehr gewundert. Schließlich ist es doch was Ernstes, wenn man am Herzen krank ist. Doch mit sechs Jahren habe ich mich von Deinem zuversichtlichen Blick voll und ganz beruhigen lassen und mich schnell wieder der Ikea-Family-Card und der Parkhauskarte von gestern Mittag zugewandt.

Zwölf Jahre sind seitdem vergangen. Und wir haben nie wieder darüber gesprochen. Bis gestern.

Du riefst mich an, einen Monat lang hatten wir nichts voneinander gehört, ich freute mich schon darauf, von all den schönen Momenten der letzten Wochen zu erzählen, aber dazu kam ich gar nicht.
"Sitzest Du?", hast Du gefragt. Was genau Du danach gesagt hast, weiß ich nicht mehr. Irgendwas in meinem Denkapparat hat ausgesetzt. Ich weiß nur noch, wie ich auf den roten Hörer gedrückt habe und die ganze Nacht lang reglos da saß.
Das, was ich vor zwölf Jahren in die hinterste Ecke meines Kopfes verdrängt hatte, kam auf einmal mit aller Macht nach vorne geprescht und verscheuchte alles, was da bis eben noch war.
OP. Jetzt. Dringend. Risikoreich.

Wenn ich zurückkomme, habe ich mir in den letzten Wochen oft gesagt, dann gibt es vieles, worüber ich mit Dir reden muss. Ich bin hier ein kleines Stückchen mehr erwachsen geworden. Habe angefangen, einige unserer Streitthemen auch aus Deiner Perspektive zu betrachten.
Wenn ich zurückkomme, habe ich mir gesagt, dann entschuldige ich mich bei Dir. Für all die Vorwürfe, die ich Dir gemacht habe, die so gar nicht gerechtfertig waren. Ich war unfair und einfach noch ein Kind. Ich habe Vieles nicht verstanden. Aber ich glaube, so langsam fange ich an, ein bisschen mehr zu verstehen.
Wenn ich zurückkomme, habe ich mir gesagt, dann möchte ich Dir was von dem zurückgeben, was Du mir über all die Jahre hast zugute kommen lassen. Unterstützung, Trost, Ruhe, LIEBE.

Wenn ich zurückkomme - bist Du dann noch da?

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6 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Das was alle sagen. Niemals warten. Und wenn die Gedanken das kreisen anfangen, kannste ja deinen Text nochma Korrektur lesen. Das lenkt ab. ;)

    20.02.2013, 21:43 von forst
    • 0

      Oh haha, werd ich tun. War wohl beim Schreiben zu sehr abgelenkt. Danke für den Hinweis!

      20.02.2013, 22:00 von Babati
    • 0

      Sind ja nicht viele Fehler. Viel Erfolg!

      21.02.2013, 01:51 von forst
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  • 0

    Wenn ich zurückkomme
    ich habe von dem Herzklappenfehler meiner mutter erst mit 30 erfahren. daher kenne ich die situation und rate dir: schiebe es bitte nicht auf.

    20.02.2013, 21:22 von jetsam
    • 0

      Danke.
      Du und Mrs.McH habt natürlich recht. Es ist nur schwierig, weil ich momentan 13000km von meiner Familie entfernt lebe...

      20.02.2013, 21:59 von Babati
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  • 1

    Tu das alles auf jeden Fall und schiebe es nicht auf!

    20.02.2013, 20:24 von Mrs.McH
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  • Haben wir sie noch alle?

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