Herzsari 30.11.-0001, 00:00 Uhr 19 19

Zu spät für einen Brief

Zeit kann Wunden heilen. Aber es bleiben immer Narben.

Hallo Päppel,

mehr als fünf Jahre ist es nun her, dass wir uns nicht mehr gesehen haben. Und immer wenn ich denke, ich lebe ganz gut damit und dass ja Zeit wirklich alle Wunden heilt, trifft es mich ganz unvermittelt. Mitten in einer ganz alltäglichen Situation. Dieser Schmerz. Ein Schmerz, der mich dazu bringt mich zu krümmen, mir meinen Bauch zu halten, ganz fest, aus Angst ich könnte in diesen Momenten zerreißen. Dann glaube ich immer, dass ich ihn nicht aushalten kann diesen Schmerz. Ich hoffe dann immer, dass es schnell wieder vorüber geht, dass er nicht ewig anhält dieser beschissene Schmerz.

Es ist mal wieder Vorweihnachtszeit. Ich hasse die Vorweihnachtszeit seit du nicht mehr da bist. Ich hasse den 23. Dezember – deinen Geburtstag. Ich hasse Heilig Abend. Ich hasse die nachfolgenden Feiertage und ich hasse Silvester. Ich hasse den Februar, den Monat, in dem du mich verlassen hast. Den Monat, in dem ich Geburtstag habe. Der Monat, der untrennbar damit verbunden ist, dass du meinen 25. Geburtstag nicht mehr miterlebt hast. Dass du mich allein gelassen hast. Jedes Jahr hasse ich ihn erneut. Ich hasse all diese Tage, weil sie mich an dich erinnern. Jedes schöne Erlebnis erinnert mich an dich. Familienfeiern, Familiennachwuchs, Familien im Allgemeinen. Ich hasse all das jetzt. Und dafür hasse ich dich. Und dafür hasse ich mich.

Über jedem schönen Tag schwebt seither eine Regenwolke. Weil du nicht mehr da bist. Weil ich dir nicht von ihm erzählen kann. Weil du nicht dabei warst. Der Tag, an dem ich meinen Uni-Abschluss in den Händen hielt und so stolz war. Der Tag, an dem ich meinen ersten richtigen Job angetreten habe und so ängstlich war. Der Tag, an dem ich 30 wurde und mich so alt fühlte.

Ich tue so vieles, von dem ich dir erzählen möchte. Dinge, von denen ich glaube, dass sie dich stolz auf mich machen würden. Ich reise sehr viel. Ich war in fernen Ländern und habe dort nicht nur Party gemacht. Ich war dort hin und wieder sogar in Museen und in Kirchen. Ich mag Kirchen nicht einmal. Aber ich zünde jedes Mal eine Kerze an. Für dich. Ich weiß nicht einmal warum. Ich glaube an nichts – zumindest an nichts, was mit der Kirche zu tun hat. Dennoch tue ich es. Und es schmerzt. Und jedes Mal laufen Tränen meine Wangen herunter. Aber ich tue es. Ich höre jetzt auch deine Musik. Pink Floyd hat mich meine ganze Kindheit über verfolgt und ich fand es grässlich. Jetzt habe ich die Schönheit dieser Musik erkannt und liebe sie – deinetwegen. Es schmerzt, aber ich liebe es, sie zu hören. Pink Floyd haben sogar ein neues Album. Ich weiß nicht, ob du es gemocht hättest. Aber auf jeden Fall hättest du es dir gekauft. Ich habe es gekauft. Für dich. Für mich.

Jahrelang konnte ich keine Bilder von dir sehen. Ich konnte nicht verstehen, wie sich andere Menschen Bilder von Toten als Erinnerung aufstellen. Das ist seltsam. Ich habe mir deinen Namen tätowieren lassen. Das ist sicher auch seltsam. Heute mag ich es, Fotos von dir (und mir) anzuschauen. Jedes Mal nehme ich das Bild dann ganz behutsam in die Hand und gebe ein Kuss drauf. Das sicher auch seltsam. Jahrelang habe ich mich nur an deinen Tod erinnert. Das war alles, was ich mit dir verbunden habe. Dass du jetzt tot bist. Heute erinnere mich gern an lebendige Momente mit dir.

Es macht mir Angst, wie viel ich schon vergessen habe. Ich mache mir Vorwürfe, dass das wohl deshalb so ist, weil ich jahrelang nicht an dich denken wollte. Es hat zu weh getan. Ich habe es verdrängt. Ich habe dich verdrängt. In dieser Zeit sind einige Erinnerungen wohl verblasst. Hätte ich sie mir doch öfter vor Augen geführt, dann wüsste ich heute noch mehr davon. Dann wüsste ich heute vielleicht noch, was deine letzten Worte zu mir waren. Ich weiß sie nicht mehr. Ich weiß, dass du diesen orangefarbenen Fleece-Pullover getragen hast, den Mama nie leiden konnte. Dass wir uns Fotos von deinen Angelausflügen angeguckt haben. Dass du so begeistert davon gesprochen hast und ich kaum zugehört habe. Das tut mir leid. Hätte ich doch zugehört… Aber ich weiß noch wie du gerochen hast und wie du beim Fernsehen oft nach meiner Hand gegriffen hast und wie du mich am Bahnhof immer an der gleichen Stelle in der Eingangshalle abgeholt hast und wie du mich „Spätzchen“ und „Schnurzel“ genannt hast und wie dein Bart gekratzt hat, wenn du mir ein Küsschen gegeben hast. All das weiß ich aber noch.

Ich möchte mich viel mehr erinnern. An die guten Zeiten. Nicht an den Tod. Nicht an den schlimmsten Moment in meinem Leben. Nicht an die Nacht, in der mein Telefon klingelte und ich die schlimmste Nachricht meines Lebens erhalten habe. Nicht an die Autofahrt nach Hause und die Angst, Mama zu sehen. Nicht an die Angst vor der Beerdigung. Nicht an die Beerdigung. An die guten Zeiten möchte ich mich erinnern. Ich gebe mir auch wirklich Mühe damit und es klappt auch ganz gut. Zeit kann Wunden heilen. Aber es bleiben immer Narben.

 

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19 Antworten

Kommentare

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    Auch Narben schmerzen beim Wetterumschwung. Wach werden oder Aufgeben stell dir diese Frage mal. Trotzdem alles Gute.

    24.01.2015, 14:03 von Resig-Nation
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    Manchmal sagt man leicht das Leben ist schwer doch welche alternative gibt es ? Mir ist es auch wie Gestern, hab mich täglich betäubt. Was hats gebracht ? Speiseröhre kaputt Leber da wo sie nicht hingehört. Sei Stolz was du allein geschafft hast ! Dabei hätte dir keiner helfen können. Das warst du ganz allein. Oder soll auf deinem Grabstein mal stehen  Ich liegt hier nicht für mich.

    24.01.2015, 13:48 von Resig-Nation
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    Beim Lesen des Textes wurde mir heiß und kalt zugleich und ich musste die Tränen sehr  zurückhalten. Leider kann ich allzu gut nachvollziehen, worüber du schreibst und habe mich in wirklich vielen Textstellen selbst erkannt.

    Ich wünsche dir auch, dass du irgendwann all diese Tage wieder genießen kannst und die schönen Erinnerungen genießen kannst.


    18.12.2014, 10:30 von Alexandretta
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      Danke für deine lieben Worte :)

      18.12.2014, 01:20 von Herzsari
  • 1

    aua. trauma.

    17.12.2014, 18:30 von ga
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      ja: aua. trauma.

      will sagen:
      psychischer schmerz wird oft physisch. typisch traumata.
      kla?

      17.12.2014, 19:54 von ga
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    • 0

      hab mir doch meinen teil gedacht. und auf meine weise ausgedrückt, dass ich weiß, dass das weh tut.

      soll i jezd hoile? oder zuerst dich fragen?

      17.12.2014, 20:03 von ga
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    • 4

      ich wollte ihr aber sagen, dass ich weiß, was sie fühlt, himmelarschundzwirnnoamol ! und sie versteht das auch, wetten?

      17.12.2014, 20:18 von ga
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    • 0

      noinoi, nur oms gwenne! nochhär verlier i no ond skoscht ebbes.

      17.12.2014, 20:35 von ga
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    • 0

      du woisch jo, mir send koine d-züg im ländle, abr i denk mol drübr noch. dangge erschtmol uff jedn fall.

      17.12.2014, 20:43 von ga
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