Zu sagen, wie es war
Das Haus ist dunkel. Alle Rollläden sind geschlossen, keiner öffnet die Tür. Zwei Frauen stehen vor der Tür und warten.
Sie klingeln erneut, doch es regt sich nichts. Die Stille und die Dunkelheit, die sie empfangen als sie das Haus mit dem Zweitschlüssel öffnen, ist beklemmend. Sie betreten die Wohnung und rufen, sie öffnen jedes Zimmer uns suchen, auch der Garten ist leer. In der Küche liegt in einem Aschenbecher eine einzelne Zigarettenkippe, eine Flasche Alkohol steht auf dem Tisch. In letzter Konsequenz schauen sie im Badezimmer nach, ohne zu erwarten jemanden zu finden. Doch sie finden. In der Wanne, im inzwischen eiskalten Wasser liegt sie. Ich wünschte ich könnte sagen, das sie friedlich aussah, lange habe ich mich an dieses Bild geklammert, doch es stimmt nicht. Sie sieht nicht friedlich aus, nicht als wäre sie nur eingeschlafen. Auf dem Badewannenrand liegen Rasierklingen, die sie nicht zu benutzen wagte, sie hat sich erbrochen bevor die Tabletten und der Alkohol wirken konnten- doch ihr Herz hörte auf zu schlagen. Sie hat ihr Ziel erreicht, wie – ist bedeutungslos. Eine der beiden Frauen ist meine Mutter, sie rennt zur Badewanne, mit dem unrealistischen Wunsch, sie aus dem Wasser zu ziehen, noch retten zu können die andere Frau weiß es besser und hält sie auf.
Später, viel später wird mir meine Mutter erzählen, dass es in dem Raum stockdunkel war, dass das Einzige was hell war, die Badewanne und meine Großmutter gewesen seien, doch man kann das Bad nicht abdunkeln, konnte man noch nie.
In diesem Moment, als sie mir das erzählt, sehe ich meine Mutter so traurig und schwach, wie ich sie noch nie gesehen habe. Ich hatte nie einen Grund an ihrer Stärke zu zweifeln, doch während dieses Gesprächs empfinde ich so großes Mitleid mit ihr wie noch nie. Ich möchte sie in den Arm nehmen und trösten, mich entschuldigen, dass sie all das sehen musste, aber wie so oft, wenn mir etwas wichtig ist, sage ich keinen Ton, denn ich weiß nicht wie.
Als meine Mutter mir erzählt, das meine Oma tot ist, da weiß ich warum, und ich frage sie auch danach, aber sie traut sich nicht mir zu antworten, traut sich nicht mir zu sagen, was sie selber weiß. Ich werde sauer, denn ich kenne die Antwort, und ich weiß, dass sie sie kennt- aber sie lügt. Ob sie lügt, weil es ihr zu weh tut die Wahrheit zu sagen, dass meine Großmutter sich umgebracht hat ohne noch mal zurück zublicken, oder ob sie mir nicht weh tun möchte, das weiß ich in diesem Moment nicht, und es ist mir egal.
Der Tag an dem ich vom Tod meiner Großmutter hörte, war der schlimmste meines Lebens, und der schmerzhafteste. Aber an die Beerdigung kann ich mich viel besser erinnern.
Ich war morgens auf den Markt gegangen um frische Blumen zu holen, ich wollte es ihr schön machen und dass sie sich nicht darüber würde freuen können, war mir nicht bewusst. Erst als ich ihn sehe, diesen hässlichen harten Sarg, der sich weigert meine Großmutter wieder heraus zu geben, da verstehe ich was Abschied heißt. Ich muss in die erste Reihe, neben meinen Großvater, ihren Ehemann, den Mann den ich für ihren Tod verantwortlich mache, der sie bis zum Schluss gequält und gedemütigt hat. Meine Eltern sitzen hinter mir und wollen mich unterstützen, doch ich kann das nicht fühlen, denn ich muss die Hand meines Großvaters halten, der weint und trauert, aber nicht um die Frau im Sarg, sondern um sich selbst. Ich habe das Gefühl stark sein zu müssen, ich bin an diesem Tag für meinen Großvater verantwortlich. Er sitzt im Rollstuhl und kann sich nicht bewegen, also halte ich voller Abscheu nicht nur seine sondern auch meine Sachen- Gesangbuch, Blumen, irgendein Prospekt, Dinge deren Bedeutung ich nicht mehr kenne und halte diese Hand- schweißnass ist sie. Ich höre dem Pfarrer nicht zu, denn ich hasse den Pfarrer. Meine Oma glaubte nicht. Er redet über meine Großmutter als hätte er sie gekannt, als hätte er gewusst wie ihr leben war, aber er lässt die Hälfte weg. Er beschreibt das Bild einer Frau, einen Schnappschuss an einem blühenden Sommertag. Aber ihr Leben war kein Bild, es war ein Film, endlos lang, voller Schmerz und Trauer um zwei Söhne und ihre Freiheit, aber das kann der Pfarrer ja nicht laut sagen. Denn niemand darf unglücklich sterben. Das sie es selbst getan hat, sagt er auch nicht, denn Selbstmörder kommen nicht in den Himmel. Das hätte meine Oma sicher amüsiert.





Kommentare
Wow. Toll. Erinnert mich ganz stark an irgendwas, aber ich komm noch nicht drauf.
04.02.2009, 19:48 von BlondBlauBloed