Cupcake112 15.04.2013, 21:33 Uhr 8 3

Zu Besuch

Schwere Schritte tragen mich den Flur entlang und mir ist leicht schwindelig.

Vielleicht ist das so wegen der vielen Gedanken in meinem Kopf, oder einfach wegen des fremden Geruchs.

Eigentlich ist es ganz nett hier. Nicht so nett, dass man für immer hier bleiben will, aber für eine gewisse Zeit lang ist es okay. Vor den Fenstern hängen gelbe Vorhänge, dezente, stilvolle Gemälde an den Wänden und hier und da ein Blumenstrauß. Rosa Nelken.  Je länger man geht, desto schwerer fällt das Atmen, obwohl der unangenehme Geruch dann schon gar nicht mehr auffällt.

Vor Zimmer 306 bleibe ich stehen. Noch einmal tief durchatmen, Gedanken sortieren.
Klopf Klopf. Eine leise, etwas zittrige Stimme bittet mich herein.
Die Türklinke brennt sich kalt in meine Hand und unter leichtem Knarren öffne ich die Tür.

Das Zimmer ist recht groß, aber eher sparsam eingerichtet.
Nur anhand der Bilder und Fotos auf Kommoden und Nachtschränken lässt sich erkennen, dass dies kein Hotelzimmer ist, sondern jemand für längere Zeit hier leben will. Zumindest sieht es danach aus.
In der Ecke steht ein robuster Kleiderschrank, daneben ein Schreibtisch aus dunklem Holz. Außerdem eine kleine Kommode mit Fernseher darauf, der in Überlautstärke die Lottozahlen verkündet.
Doch am meisten Platz nimmt das Bett ein, groß und sperrig.
Und mitten darin, etwas verloren, liegt eine zierliche Person, die sich selbst nicht mehr ähnlich sieht.

„Hallo Oma, schön dich zu sehen!“
Sie lächelt mich freundlich, herzerwärmend an. Dennoch ist die Ratlosigkeit in ihren traurigen Augen erkennbar. Namen und Gesichter fallen ihr zusehend schwer. Das war nicht immer so, erst seit ein paar Wochen. „Ich bin es, Anna.“ Ihr Gesicht erhellt sich, sie strahlt fast. Nur die Augen schauen noch immer etwas traurig drein.

Es ist komisch, sich auf einmal der eigenen Oma selbst vorstellen zu müssen, als würde man sich zum ersten Mal treffen. Dabei bin ich eine der wenigen, die sie überhaupt richtig kennt. Und zum Kennenlernen bleibt doch kaum noch Zeit.

Wie es mir geht und was das Leben mit mir anstelle, möchte sie wissen. „Gut, ich kann mich nicht beklagen“, antworte ich ihr gewohnheitsgemäß, wie jedes Mal, wenn wir uns erneut kennen lernen.
Sie hat stark abgebaut in letzter Zeit, wirkt viel zu dünn und zerbrechlich.
Ihre Adern schimmern blau durch die dünne Haut hindurch und ihr Handgelenk könnte das eines Kindes sein. Das Armband, das sie früher immer getragen hat, wäre ihr wahrscheinlich längst abgefallen. Genauso, wie ihr langsam die Haare ausfallen, auf die sie immer besonders viel Wert und Pflege gelegt hat. Allgemein erkennt man, bis auf ihre Augen nicht mehr viel von der Oma, wie ich sie eigentlich kenne. Dabei war sie früher so schön. Heute ist sie nur noch eine traurige Frau, die selbst nicht mehr weiß, wie sie aussieht. 

Doch ihre Wiedersehensfreude  bringt mich auf andere Gedanken. Sie lässt vergessen, wo wir sind und warum der Geruch mich nur flach atmen lässt.
Es ist fast wie früher, wenn wir uns so über Gott und die Welt unterhalten.
Viel mehr aber auch nicht, denn die Gesprächsthemen gehen einem schnell aus, wenn man jedes Mal wieder versucht sie für ein, zwei Stunden am eigenen Leben teilhaben zu lassen, und feststellt, dass sie immer weniger davon versteht.

Behutsam lege ich meine Hand auf ihre. Nur langsam überträgt sich meine Wärme auf ihre dünne, kalte Haut. Das Zittern lässt allmählich nach. „Oma, ich muss dir etwas erzählen.“  Sie blickt mich erwartungsvoll an. Ihr Mundwinkel zuckt leicht, die Skepsis ihr treuer Begleiter. Auch ich bin skeptisch, weiß nicht genau, wie sie es aufnehmen wird - wenn sie es heute überhaupt aufnehmen kann…

„Es kam etwas überraschend und war nicht geplant -zumindest noch nicht- aber ich freue mich, es dir als Erste zu sagen… Du wirst bald Uroma.“
Sie drückt liebevoll meine Hand, und ihre Augen leuchten.
Das sei das schönste Geschenk, das man ihr machen könne, lächelt sie. 
Nicht wissend, dass eben ihre Reaktion gerade mich glücklicher macht, als ein Geschenk es je könnte. Sie ist die beste Oma und wird eine wunderbare Uroma für mein Kind sein.
Doch die Traurigkeit kehrt schnell in ihre Augen zurück. Der helle Moment ist verschwunden, die Besorgtheit nimmt wieder ihren gewohnten Platz ein.
Vielleicht komme ihre Urenkelin sie ja irgendwann einmal auf dem Friedhof besuchen, murmelt sie, während ihre Augen sich leise mit Tränen füllen…

Wir sitzen eine Weile schweigend bei einander.
Mir fehlen die Worte, um etwas Passendes zu sagen, und ihr die Kraft.
Ich genieße still unsere gemeinsame Zeit, mit dem quälenden Wissen, dass die Zeiger rege weiter eilen, während ich sie am liebsten 20 Jahre zurückdrehen würde.

Vor zwei Tagen sei das Zimmer neben ihr, in dem Liese wohnte, frei geworden, erzählt sie mit bedrückter Stimme.  Sie standen sich zwar nicht sonderlich nahe, aber hätten mal nebeneinander im Fernsehraum gesessen oder sich im Flur gegrüßt.
Im Altersheim, so sagt sie, steht man nur noch sich selbst nah, manchmal näher, als einem lieb ist.
Es gäbe zu viel Zeit zum Nachdenken und zu wenig, um sie noch zu genießen.
Sie möchte hier nicht mehr bleiben, gesteht sie mir fast vorwurfsvoll. - „Aber Oma, es ist doch ganz nett hier.“ - Ihre müden Augen schauen mich traurig an.
Es sei nicht so einfach zu sterben, flüstert sie zaghaft.



Ein leises Klopfen unterbricht unsere Verbundenheit. Die Pflegerin kommt mit dem Abendessen herein. Ob ich ihr noch ein wenig Gesellschaft leisten würde, fragt sie mich hoffnungsvoll.
„Nichts lieber als das.“ So sitzen wir also auf ihrem Bett und teilen uns das Rührei, während der Wettermann graue Tage voraussagt.
Wenn es dunkel ist, lasse sich das Licht besser finden, sagt sie gedankenverloren und blickt sehnsüchtig aus dem Fenster.

Ach Oma, liebste, beste Oma, mach mir doch den Abschied nicht so schwer...






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8 Antworten

Kommentare

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  • 0

    sag ich doch :P :)

    15.04.2013, 23:53 von Polarfuchs89
    • 0

      Zu diesem Text passt das Lied von den toten hosen - nur zu besuch....

      http://www.youtube.com/watch?v=V9-Ubwtjvxg



      16.04.2013, 00:01 von Polarfuchs89
    • 0

      hatte ich auch zuerst bei dem titel gedacht :P 

      16.04.2013, 00:02 von Cupcake112
    • 0

      als fortsetzung von deiner geschichte...ja ich auch :/ Echt draaaurig :(

      16.04.2013, 00:04 von Polarfuchs89
    • 0

      Fortsetzung folgt... vielleicht.. :D

      16.04.2013, 00:06 von Cupcake112
    • 0

      na super, jetzt hast es geschafft....ich bin traurig gestimmt...

      16.04.2013, 00:07 von Polarfuchs89
    • 0

      da brauchste nur die lyriks von den toten hosen nehmen^^

      16.04.2013, 00:07 von Polarfuchs89
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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