Siegel-7 14.06.2011, 12:20 Uhr 18 34

Wir sind zu viert.

Immer waren wir zu viert

Meine Mutter, ich und meine Geschwister.
Meine Schwester, mein Bruder und ich, wir waren 2 Jahre voneinander entfernt. Ich war immer der Kleinste und holte nicht auf. Unsere Mutter war weiter entfernt. Mehr Jahre. Ich wusste nicht, wie viele. Sie war eben unsere Mutter. Manchmal hatte sie Geburtstag. Aber sie wurde nicht älter. Sie war ja erwachsen. Und älter kann man doch nicht werden.

Einmal schenkte ich ihr ein Stück Seife. Damals benutzte man Seife am Stück zum Händewaschen. Sie mochte Luxseife, die nach Rosen riecht. Da war eine schöne Frau drauf. Ich fand meine Mutter schöner. Sie freute sich und streichelte mein Gesicht. Ihre Hände rochen wie die Seife.

Als ich nicht mehr im Kindergarten sein durfte, ging ich zur Schule.
"Was ist denn Dein Vater von Beruf?" fragte die Lehrerin nicht nur mich.
"Meine Mutter ist eine Buchhändlerin." Die anderen Kinder lachten. Nicht alle. Die Lehrerin schrieb etwas in ihr Heft. Ich durfte trotzdem bleiben. Musste aber vorne sitzen. Sie fragte nicht mehr.

"Ihr seid asozial. Das hat die Lehrerin gesagt. Ich habs genau gehört."
Ich kannte das Wort nicht. Die anderen Kinder kannten es. Sie lachten. Der Junge war größer als ich. Ein Mädchen fragte. Sie war auch kleiner als der Junge, aber ein Mädchen. Die sind immer kleiner, müssen aber keine Angst haben.
"Er hat keinen Vater." Die anderen Jungen bogen sich vor Lachen.
Das Mädchen biss in ihren Apfel. "Asozial-asozial-asozial!"
Sie lief zu den anderen Mädchen.

"Mama, sind wir asozial?" fragte ich meine Mutter, die Abendbrot machte.
"Hol Deine Geschwister. Das Essen ist fertig."
"Aber Mama, in der Schule hat ein Junge gesagt, wir sind asozial."
Sie sah aus dem Küchenfenster und legte den Kochlöffel hin. Manchmal suchte sie die Antworten im Garten. Ich wusste das und wartete.
Nach einer Weile drehte sie sich zu mir um, streichelte mein Gesicht mit ihren Rosenhänden und lächelte.

"Wir sind nicht asozial. Wir sind zu viert.""Wichtige Links zu diesem Text"
Familie?
Asozial?

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18 Antworten

Kommentare

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    Schade, dass die Geschichte nur so kurz ist....

    22.07.2011, 10:23 von GrueneNeune
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    gefällt mir.
    treffend die "antwort- im- garten- suche"...
    jeder hat,glaube ich, so einen garten!
    ich empfehle. trotz allem.

    07.07.2011, 09:33 von MiZa.
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  • 1

    du schreibst total harmonisch.
    gefällt mir sehr.

    05.07.2011, 21:45 von weAreAnimals
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  • 1

    "Sie sah aus dem Küchenfenster und legte den Kochlöffel hin. Manchmal suchte sie die Antworten im Garten. Ich wusste das und wartete."

    Auch ich mag gerade diese Stelle sehr, sehr gern.

    ... Und nachdem ich die Sophie-Servaes-Empfehlung erspähte, befürchtete ich schon Schlimmstes. Aber hier kann ich sie ausnahmsweise mal völlig nachvollziehen.
    Schreib mal bitte mehr.

    23.06.2011, 14:33 von Moogle
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  • 0

    Auch meine Lieblingsstelle. Echt gut.

    20.06.2011, 22:41 von justanotherpicture
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  • 1

    "Manchmal suchte sie die Antworten im Garten."

    Gefällt mir sehr.

    19.06.2011, 10:59 von Jackie_Grey
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  • 0

    Netter Text. Die Grundaussage ist gut, was durch diesen Satz gut rüberkommt.

    Ich schliesse mich B.tina´s Meinung an, man könnte so einen Text, der weder provoziert, noch sonst irgendeine Angriffsfläche bietet, auch einfach mal so stehen lassen, bzw. es bei einem Kommentar belassen. Aber ich mein, das ist ja auch jedem seine Sache.
    Es gibt eben Mücken, aber auch Elefanten.

    15.06.2011, 20:40 von topfbluemchen
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    Wir waren zu fünft. :) Und ich die jüngste. Ohne meine drei Geschwister hätte ich nicht aufwachsen wollen. Ohne Vater gings erstaunlich gut.

    Toller Text, der irgendwie genau da trift, wo er treffen sollte.

    15.06.2011, 13:09 von keksdebil
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    oh ja...die stück-seifen-zeit! an die frau auf der lux-verpackung erinnere ich mich noch gut, auch wenn bei uns meistens die cd-seife ("an meine haut lasse ich nur wasser und cd!") am waschbecken lag.

    15.06.2011, 12:14 von AnnaEcke
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    Was ich damit sagen wollte: kann ich nachvollziehn und inzwischen ist es ja fast normal mit getrennten Eltern, bzw. Vater weit weg/ nicht vorhanden aufzuwachsen. Leider. Aber dadurch steigt auch die Akzeptanz. Alles hat was gutes...
    Schöner Text, sehr diplomatische Antwort und gute Mutter!

    15.06.2011, 11:17 von Thomforth
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