,,Wir lassen uns nicht scheiden"
Dieses Versprechen will ich ihr nun an den Kopf werfen, es ihr ins Gesicht schreien. Doch es hat keinen Sinn.
Ich war noch klein und hörte sie schimpfen und poltern. Ich verkroch mich und weinte. Immer war es meine Mutter, die mein Schluchzen über den Streit hinweg hörte. ,,Eltern streiten sich nunmal. So ist das in jeder Beziehung. Du musst keine Angst haben, wir lassen uns nicht scheiden. Versprochen."
Dieses Versprechen will ich ihr nun an den Kopf werfen, es ihr ins Gesicht schreien. Doch es hat keinen Sinn. Es ist offiziell; meine Eltern trennen sich. Nicht, dass ich es nicht gewusst hätte. Mein Bruder war eingeweiht in die Pläne. An einem Abend saßen wir zufällig nur zu zweit herum und schwatzten über belangloses Zeug und plötzlich nahm er meine Hand. ,,Ich muss dir was sagen. Also eigentlich darfst du es nicht wissen, ich habe es versprochen. Du sollst erstmal dein Abitur machen und alles aber ich denke du bist alt genug." Das dachte ich auch. ,,Unsere Eltern trennen sich. Er kauft sich eine Wohnung in der Nähe seines Elternhauses, sie zieht in eine Wohnung am Park. Mir ist es lieber, du erfährst es jetzt schon."
Mir nicht. Ich saß da mit trockenem Mund und murmelte etwas von ,,..bin ja alt genug.." und ,,..war doch abzusehen..".
Das war es. Er hatte sie betrogen. Nicht nur einmal. Und ich hatte mich gewundert, warum ihre beste Freundin, meine Patentante, nie mehr zu Besuch kam und warum über sie in unserem Haus kein Wort mehr verloren wurde. Ich erfuhr es nur, weil ich zufällig mitbekam, dass meine Mutter jemanden kennengelernt hatte, jemanden, der ,,je t´aime" unter seine Nachrichten schrieb. Ich hasste sie dafür und zur Verteidigung klärte sie mich darüber auf, dass mein Vater nicht der konservative Saubermann ist, den er nach außen darstellt.
Schon einmal war sie kurz davor, die Koffer zu packen. Und ich konnte ihr nicht einmal böse sein. Die Vorstellung, mit meinem Vater verheiratet zu sein, ist der absolute Hass. ,,Ich habe manchmal richtig Angst um meine Gesundheit", sagt sie jetzt. Ein ewiger Besserwisser, manchmal Pascha und lässt niemanden zu Wort kommen. Aber er ist eben mein Vater und das macht es nicht leichter.
Damals hielt sie durch, obwohl er schon wieder eine andere Frau traf.
Seit mein Bruder mich einweihte ist ein Vierteljahr vergangen und ich hatte auf Besserung gehofft. Sie schienen sich zusammengerauft zu haben, machten gemeinsame Ausflüge, bepflanzten den Garten für den Sommer, doch meine Mutter schläft schon seit geraumer Zeit nicht mehr mit ihm im gleichen Bett, was mir eigentlich die Naivtät hätte nehmen müssen.
Und jetzt sitze ich auf ihrem Bett und obwohl ich Zeit hatte, mich darauf einzustellen, eriwscht es mich eiskalt. Im ersten Moment fühlt sich alles taub an. Ich zucke mit den Schultern und sie ist erleichtert, dass ich schon so erwachsen bin. Und dann wird mir klar was für ein verdammter Mist das alles ist und kann nicht länger verhindern, dass alle Dämme brechen.
Ich verliere nicht nur ein Elternteil, denn meinen Vater werde ich viel seltener sehen, obwohl er in der selben Stadt wohnen wird und meine Mutter nicht. Nein, ich verliere mein Zuhause. Irgendetwas hat mit den Wohnungen nicht funktioniert und deshalb wird der Umzug vom Sommer aufs nächste Jahr verschoben. Dann, wenn ich nicht da bin. Sollen sie sich um die Teppiche und CDs streiten. Ich werde vor vollendeten Tatsachen stehen, wenn ich im Dezember nach Hause komme. Ob das besser ist? Keine Ahnung. Im Moment liegt die Zukunft unsichtbar in grauem Dunst.



Kommentare
ich bin achtzehn und ein luxus-problem wäre es dann, wenn ich schon längst ausgezogen wär und nur dem warmen nest hinterherheule würde. rausgeschmissen zu werden ist großer mist.
11.06.2007, 09:17 von enfant.terriblenatürlich. ich sage doch, dass eine scheidung nicht schön ist, aber man sollte sich hier nicht im kollektiv selbstbemitleiden, wie schlimm es doch ist.
10.06.2007, 17:26 von NeonBlondsicher. für kinder iist es ein schock, aber wie alt ist enfant-terrible? ich weiß es nicht. vielleicht 20? ist es da nicht an der zeit erwachsen zu werden? braucht man da seine eltern unbedingt als paar für irgendeine art der entfaltung? ist es da nicht sogar eher spott und hohn für solche, die es wirklich schlechter getroffen haben, wenn über ''luxus-probleme'' geklagt wird?
@NeonBlond @neonblond: es ärgert mich, wie oberflächlich du daherredest. die scheidung der eltern als "luxusproblem" hinzustellen ist einfach das letzte!
16.06.2007, 13:57 von juhuliawenn sich die eltern trennen, ist das ein umbruch für jeden. oder ein wegbruch. alles wird auseinandergerissen, aufgeteilt und der frieden ist dahin. das zuhause gibt es nicht mehr.
auf einmal bekommt man mit, dass die eltern sich um jeden scheiß streiten, dass beide von einem die loyalität erwarten. und egal, bei wem man grade ist - der andere sieht es nicht gerne. man muss sich geschichten anhören, was der oder der böses gesagt hat und auch der rest der verwandschaft zerreißt sich das maul.
eine scheidung ist mehr als nur "nicht schön".
Ich denke für so etwas ist man nie "alt genug"!
09.06.2007, 01:14 von freakyphaquiIch wünsche dir alles beste!
das seh ich aber auch so -- nur weil es andere menschen gibt, "denen es schlechter geht" sollte man seine eigenen probleme, die einen nunmal beschäftigen, nicht degradieren.
07.06.2007, 23:26 von juhuliaeine scheidung ist eine scheiß-sache!
sieh zu, dass sie dich/ euch nicht zwischen die stühle setzen!
ich weiß genau was du meinst. da bricht etwas zusammen, von dem man dachte, es bleibt. so ein rückhalt. und die wut über das was sie tun oder er oder sie, aber sie sind doch eben die eltern - da will man nicht wütend sein und denkt man hat unrecht wenn man es tut.
07.06.2007, 15:13 von monkineso jedenfalls hat es sich bei mir angefühlt. es sah ziemlich hoffnungslos aus, meine mutter hat lange nicht bei uns gewohnt und jetzt ist sie wieder da, noch ist lange nicht alles in ordnung, und trotzdem, die hoffnung die du beschreibst bleibt... ich hoffe sehr, dass es bei dir zukünftig gut wird, wie auch immer!
liebe grüße.
ehrlich gesagt halte ich von diesem ,,ich sollte glücklich sein weil es anderen viel schlechter geht"- argument nicht besonders viel. nun ja. aber du hast schon recht.
07.06.2007, 11:02 von enfant.terriblena ja, für deine mutter ist es das beste, du bist kein kleines kind mehr und solltest dir das beste für deine mutter wünschen. eine scheidung ist nicht schön, aber es gibt schlimmeres. frag mal halbweisen, weisen, ''findelkinder'' ect. kopf hoch.
06.06.2007, 11:40 von NeonBlond@trauerndeLiebe: ich habe schon seit Langem ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mutter und mein Vater gibt sich die beste Mühe. Wie das eben so ist, wenn man ein schlechtes Gewissen hat. Im Moment leide ich keine Höllenqualen, so könnte man das sagen..
05.06.2007, 22:53 von enfant.terribleKann diese Situation auch gut verstehen, inzwischen ist es bei uns fast 5 Jahre her (war damals gerade 14 Jahre alt) und für mich war es sehr schwer. Es hat sich viel verändert, denn seit dem hat meine Mutter ständig Geldsorgen und mein Verhältnis zu meinen Vater ist alles andere als gut (obwohl er auch nicht weit weg wohnt) aber inzwischen tud es nicht mehr so weh.
05.06.2007, 16:10 von AnjuliIch wünsche dir viel Kraft in der nächsten Zeit und dass du jemanden hast der die beisteht und dir Kraft gibt.
Liebe Grüße