Wir können keine Freunde bleiben.
Deine Augenringe verraten dich. Ich weiß, wie es um dich steht. Du zählst die Zigaretten, die ich rauche, und du weißt, was ich denke.
Und wir sitzen nebeneinander. Das Bier ist längst schal. Der Zigarettenqualm verwandelt den Raum in ein Dickicht aus Grau und Nebel. Der Bildschirm vor uns flimmert in blassem blau und grün. Zwischen uns liegt der Aschenbecher, dein zerknülltes Softpack ist seit Mitternacht leer. Durch das dreckig-milchige Fenster dämmert der Morgen.
Früher haben wir so viel geredet – über Beziehungen und deine Arbeit und mein Studium und deine Eltern und meine Frauengeschichten. Jetzt sitzen wir nebeneinander und schweigen. Du siehst müde aus, doch keiner von uns denkt daran ins Bett zu gehen. Keiner wird zurückgelassen. Wir sind wie Soldaten im Schützengraben: alle oder keiner. Und sollte diese Dämmerung noch Tage dauern, wir bleiben wach.
Deine Augenringe verraten dich. Ich weiß, wie es um dich steht. Du zählst die Zigaretten, die ich rauche, und du weißt, was ich denke. Ich habe keine weisen Lösungen für dich, keine Durchhalteparolen und keine gut gemeinten Ratschläge. Wir wissen, dass du kurz vor dem Ende stehst, und dass der Ast nach dem du greifst, für dich unerreichbar scheint. Dieser Abend ist der letzte Zentimeter vor dem Wurmloch, das alles verschlingen wird.
Es riecht nach Whisky und Filterzigaretten, zwischen uns türmt sich ein Berg von Burgerpackungen vom Lieferservice. Wir müssen da bleiben, wach bleiben, füreinander da sein. Denn Schlaf ist für uns beide nicht gut. Schlaf bedeutet, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Das Ende eines Abends ohne Missverständnisse, ohne Scham, ohne Geheimnisse und ohne Furcht vor der Wahrheit. Das Ende eines Kapitels. Wir reden über unsere Ängste ohne ein Wort zu verlieren. Wir haben nichts zu verlieren. Denn noch haben wir uns. Wenn wir schlafen und aufwachen, fühlt sich alles unwirklich an, fern und unnahbar. Wie im Traum fremd und unwirklich. Doch die Wirklichkeit steht grimassenschneidend zwischen uns. Sie lacht uns ins Gesicht. Sie lacht laut und grinst und spuckt uns an.
Du hast geweint – und dich gefangen. Beteuert, wie leid es dir tut, und mich um Verständnis gebeten. Ich habe kein Verständnis, wenn es um sie geht, doch ich habe Verständnis für dich.
Und wenn es Morgen ist, kann ich dir nicht verzeihen, was du ihr angetan hast. Und sobald Morgen ist, kann ich dir nicht verzeihen, was du dir angetan hast. In mir steigt Leere auf.
Und wir sitzen seit Stunden nebeneinander. Wir sagen nichts und die Stille sagt alles über uns. Über unsere Ohnmacht, über unsere Angst, über uns. Wir teilen uns die letzte Zigarette. Die allerletzte Zigarette. Und wenn sie morgen anruft, weiß ich, dass Blut dicker ist als Wasser. Und dass sie zu mir gehört. Und ich dich gehen lassen muss. Weil ich sie nie gehen lassen würde. Niemals.






Kommentare
Was kann er denn sooooo furchtbar schlimmes und unverzeihliches getan haben? Sie umgebracht? Sie zum Selbstmord getrieben? Sie vergewaltigt? Geschlagen? Alles andere wäre in meinen Augen verzeihbar.
21.01.2013, 15:41 von TaneaDie Stimmung passt wundervoll.
20.01.2013, 11:33 von Sommerregen03Ich finds genial und fühl mich zurückversetzt in eine geile Zeit :) ich würde ja auf familie tippen Blut und Wasser .. Egal einfachg Danke dafür ... :)
18.01.2013, 16:32 von JAKIch versteh die ganzen Herzen nicht.
17.01.2013, 22:36 von FrauKopfFind den nicht gut, da mag ich andere Sachen von dir viel lieber.
Komisch.
Ich bin verliebt in deinen Stil. Und das schon lange.
17.01.2013, 21:47 von SarahJoesystark
17.01.2013, 11:40 von CocoMarlaliebt da einer die freundin des besten freundes?
16.01.2013, 22:16 von Gluecksaktivistinich glaube, da hat jemand eher den (ex)-freund seiner schwester echt gern.
16.01.2013, 23:15 von human_coloured_alienoder der freund liebt die eigene schwester
16.01.2013, 23:20 von Gluecksaktivistinalso ich für meinen Teil kann sagen, dass ich alle meine geschwister liebe. ;)
17.01.2013, 00:45 von berlin_bombayich meinte natürlich, der freund liebt die schwester seines freundes
17.01.2013, 09:52 von GluecksaktivistinMh mh. Wieder einmal gut geschrieben, aber die Grundstory würde mich ja nun doch interessieren..
16.01.2013, 03:15 von JuliieVielleicht bin ich einfach nur zu blöde... und subtile Erzählungen zu "enttarnen" nimmt der ganzen Geschichte vllt auch ihre Mystik aber... ich gebe zu, ich check's auch nach dem zweiten Lesen nicht so ganz. Familie-Freunde-Liebe. Meine erste Schätzung wäre ja: Guter Freund, der mit der Schwester des Protagonisten spielt...?
So oder so, empfinde ich ja generell die "du"-Schreibweise als eher unglücklich (meistens, weil zu dramatisch adressiert), in dem Fall, weil nicht einmal das Geschlecht des Adressanten genannt wird.
(btw, paar Kommas fehlen ;) )
Ich versteh das auch nicht so ganz
16.01.2013, 15:07 von See_Emm_Why_Kayvon "spielen" kann nicht die rede sein, dafür geht es dem "du" wohl auch zu schlecht, right? ansonsten schon ganz sauber analysiert. im enttarnen bist du also doch nicht so schlecht.
17.01.2013, 00:39 von berlin_bombayDieser Text hat mich sehr bewegt, man spürt die Gefühle förmlich selbst. Danke!
16.01.2013, 01:24 von worshipanaisningrad gelesen und ich denk dran, dass es auch schön ist, wenn man miteinander schweigen kann
15.01.2013, 23:14 von glueckskleeblattschöner text!