Mariki 23.02.2009, 16:37 Uhr 4 6

Wir Draußenkinder

Gestern habe ich mich in den Schnee gelegt und so getan, als wäre ich wieder ein Kind.

Ich liege auf dem Rücken und es ist so still, wie es nur sein kann, wenn es schneit, wenn die frostweißen Flocken lautlos durch die Luft tanzen und sich mit einem winzigen kratzigen Geräusch auf meine Jacke legen, als knistere mein ganzer Körper, meine Augen sind geschlossen, der Schnee fällt auf meine Nase, auf meine Lider und schmilzt in meinen Wimpern. Mein Skianzug ist wie eine Höhle, gefüllt mit feuchter Wärme, die schnell abkühlt, ich werde mich gleich wieder bewegen müssen, bevor die Kälte in mich hineinkrabbelt, die anderen werden zurückkommen, keuchend, sie sind mit unseren Skibobs zum Wald hinuntergefahren, sie stapfen lachend wieder rauf. Ich bewege mich nicht, ich lasse den Schnee auf meine Zunge fallen, in mir hallt die Ruhe, ich bin neun Jahre alt. Vorhin habe ich einen Eiszapfen knirschend zerbissen, obwohl kleine schwarze Schmutzblättchen darin eingeschlossen waren, das macht nichts, denn ich bin jetzt ein pumperlgesundes Dreckfresserkind, eins von denen, die keine Allergien haben und nie krank sind, die Natur hat mich vor Kurzem mit einem Schutzmantel umgeben, an dem Viren und Bakterien abprallen wie mein lila-weißer Gummiball an der Hauswand unten vor der Garage. Ein kleiner Haufen Schnee landet auf meinem Bauch, ich höre verhaltenes Kichern, Elli, Max und Norbi haben sich angeschlichen und werden sich gleich auf mich werfen, ich grinse und reiße die Augen auf, alles ist weiß bis auf die drei kleinen Gestalten, bis oben hin eingepackt, ihre Augen in den rotgefrorenen Gesichtern blitzen frech.

Ich springe auf und forme einen Schneeball, der zu pudrig ist und zerfällt, nur ein paar Flockenspritzer landen auf Ellis Schulter. Ich kann schneller laufen und besser raufen als die meisten Buben, ich kann über größere Gräben springen und traue mich auf höhere Bäume, aber ich werfe wie ein Mädchen. Das stört mich nicht, weil niemand mich auslacht, nicht mehr, ich gehöre zu diesen Freunden, so, als wäre ich immer schon dagewesen, genau an meiner Stelle. Dabei sind wir erst vor zwei Jahren hierher gezogen, aufs Land, auf den Berg, und ich war verloren im Gewirr des fremden Dialekts, im undurchdringlichen Dickicht der bereits bestehenden Kindergartenfreundschaften, ich war das Außenkind. Einen Platz in der Mitte zu bekommen, respektiert zu werden und durch eine Masche im Netz zu passen, war nicht einfach, aber ich habe einen Weg gefunden, ich habe mich nach innen gedrängt und bin jetzt umgeben und abgesichert nach außen, ich rede genauso g’schert und spiele in fast allen Geschichten, die erzählt werden, eine Rolle. Ich kann allein sein, wenn ich es möchte, aber ich muss es nicht, weil immer jemand da ist, Sigi und Raffi, Julia und Claudia, weil ich einen Bruder habe, weil Elli und Norbi, die ich schon seit immer kenne, nur genau 94 Schritte entfernt wohnen. Kinderschritte. Wir sind der harte Kern unserer Bande, deren Mitglieder manchmal wechseln, wir vier gehören zusammen und bilden ein Gleichgewicht. Wir sind für jedes Wetter gerüstet, wenn die einen zwei bei den anderen zwei anläuten, Kommt ihr raus, dann gehen wir los und durchsuchen die Umgebung nach einem neuen Abenteuer. Wir kennen jeden Pfad und jeden Felsen, wir laufen durch unser Dorf bei Regen, bei Schnee und im Sonnenlicht, wir spielen auf dem Friedhof oder hinter der Staumauer, wir schleichen uns durch den Hintereingang ins Keltendorf und rennen jeden Tag kilometerweit auf der Suche nach der nächsten guten Idee für eine Beschäftigung, zur Hexenwand, zum Schnauferlhaus. Wir sind Draußenkinder, Wiesenkinder, wir sind Baumhausbewohner und Iglubauer, wir sind Waldkinder, wir sind Gummispringer, Rollschuhmeister und Bandenkrieger, wir sind Spieleerfinder und Kinder der Fantasie.

Wir geben die Schneeballschlacht auf und rutschen mit unseren Bobtellern den Hang hinunter, man muss dabei so laut schreien, dass die Lunge brennt, weil es so schön hallt und dann alle hören, dass man am Leben ist. Der Hunger treibt uns zurück zu unseren Häusern, es wird bald finster sein und wir müssen rein, aber morgen, da werden wir uns wieder sehen, da werden wir wieder draußen sein, weil uns sonst etwas fehlen würde, hier, am Ende von Österreich. Im Winter schränkt das Licht uns ein, es verschwindet schon am Nachmittag und Straßenlaternen gibt es keine, man muss die Wege gut kennen, um nicht gegen einen Baum zu knallen oder die Böschung hinunterzukippen. Der Winter ist die Zeit der Krampusse, der Iglus und der Schneeballschlachten, die Zeit der Glöckelsinger und der Rutschpartien, im Winter riechen unsere Finger nach nassen Handschuhen und manchmal, da könnten wir verloren gehen, weil wir so klein sind und der Schnee so hoch.

Im Sommer, da bleibt das Licht bis halb zehn und oft gehen wir noch später nach hause, wir sind frei und niemand kann uns finden, wenn wir es nicht wollen, wir haben Verstecke, die für Erwachsenenaugen nicht sichtbar sind. Im Sommer bin ich noch ausgelassener, mein Tom-und-Jerry-Fahrrad ist mein Pferd, das ich mit einem Zweig als Peitsche antreibe, mit meinen rosaroten Rollschuhen jage ich die Hügel hinunter und schlage mir die Knie und die Handflächen auf, ich ignoriere das Brennen, Draußenkinder haben viele Narben, sie sind wie eine Auszeichnung, denn alles ist gut, solange man wild ist. Im Sommer kann ich barfuß über die spitzen Schottersteine vor dem Nachbarcafé flitzen, schmerzunempfindliche Haut an manchen Stellen gehört zu meiner neuen Ausrüstung und manchmal, da fühle ich mich unverwundbar. Nach jedem Winter müssen wir unser Baumhaus reparieren, wir füllen es mit alten Möbeln, einer Truhe, einem Tisch, und hängen Poster auf, Katzen, Meerschweinchen, Eisbärbabys. Elli und ich spannen eine Schnur von ihrem Balkon zu meinem, um Sachen hinüberzuschubsen, was wir nie machen, weil wir sowieso immer zusammen sind. Wir nehmen unsere Barbies mit nach draußen, wo der Wind ihre Plastikhaare verwuzelt und sie Grasflecken auf ihre Sommerhosen bekommen, aber Ken stört das nicht, er liebt sie trotzdem – alle zwölf.

Wenn der Holler auf dem Baum in unserem Garten reif ist, rupfe ich die Beeren für meine Oma ab, meine Finger sind dann tagelang dunkellila, aber ich bekomme 20 Schilling dafür und kann mir im Kramerladen bei der Maria neben der Kirche fünf grüne und fünf rote Gummischlangen kaufen, drei Schaumgummiburger und einen Stapel Esspapier, dann bleiben mir noch ein paar Groschen übrig, und wenn ich Glück habe, lässt sie mich die neue Micky Maus lesen, ohne dass ich dafür bezahlen muss. Danach sitze ich auf der Bank rund um die Dorfeiche, futtere Walderdbeeren und lasse mir die Nase von der Sonne kitzeln, ich überlege, was ich als Nächstes machen könnte, weil es nichts gibt, was ich machen muss.

Wenn die Frau Havel im Sommer kommt, dann ist es auf dem Dorfplatz g’schaftig und bunt, sie ist eine Wiener Künstlerin um die 70 und bringt jedes Jahr ihre Malschule zu uns. In unseren farbverschmierten Kitteln hocken wir auf den quietschenden Bänken und bemalen Figuren aus Holz – Schmetterlinge, Herzen und Sonnen, die man in die Blumentöpfe stecken kann, kleine Puppen, Becher, Dosen, Kasperlfiguren, und wenn wir kein Geld für die Rohlinge übrig haben, verzieren wir unsere Hände und Füße. Wir denken uns Theaterstücke aus und spielen sie mit den Kasperlfiguren nach, bis wir kribbelig werden und wieder loslaufen müssen, in den schattigen Wald oder zum Teich, um zu sehen, ob es Kaulquappen gibt. Am Abend spielen wir Pyramide und mein Kater verrät andauernd mein Versteck, weil er mir um die Beine schnurrt, dann muss ich lossprinten und vor dem Sucher an der Pyramide anschlagen, oft fallen wir der Länge nach hin und purzeln durch die Gänseblümchen, wenn es dämmert. An anderen Tagen sitze ich mit Elli vor dem Haus und wir spielen Uno mit allen Karten, den vorbeispazierenden Pensionisten verkaufen wir bemalte Steine und Blumen, für fünf Schilling holen wir uns einen Eislutscher, der uns über die Hände tropft und unsere Münder verklebt. Und dann, plötzlich, fangen wir an zu lachen und fallen um in die Wiese, wir lachen aus dem Bauch heraus, so sorglos, wie man es nur in diesen Momenten tun kann, wenn das Leben noch nicht so elendig wehtut und es nach lehmigem Gras riecht. Und ich weiß, dass ich im Paradies lebe, denn der Unterschied zur Stadt schmeckt wie das Glück, besser noch als Colabrause und besser als grüne Gummibärchen. Es gibt Tage, die sind wie aus Gold, sie leuchten noch Jahre später so hell in unserer Erinnerung, dass die Sehnsucht danach eine Decke aus Wehmut um uns legt.

Wenn es regnet und die strömende Kälte unsere Fantasie lähmt, dann schleichen wir uns durch die Terrassentür ins Wohnzimmer von Elli und Norbi, wo wir Tetris und Dr. Mario auf dem Nintendo spielen, die Disneyparade oder Nils Holgersson anschauen und dabei Schinken-Käse-Toast und die Reste vom Marillenkuchen essen. Rausgehen können wir ja morgen wieder, wir sind davon überzeugt, dass es noch viele Draußentage geben wird, der Schnee wird kommen und wieder schmelzen, wir werden neue Spiele erfinden und alte wiederentdecken, vielleicht bauen wir ein zweites Baumhaus, unten, beim unheimlichen Bergwerkshaus, wir haben ja noch Zeit, sie liegt wie ein von Frau Havel bemalter, einzigartiger Teppich vor uns, denn dass es jemals enden soll, das können wir uns nicht vorstellen.

Ich liege auf dem Rücken, meine Augen sind geschlossen, Schneeflocken schmelzen kitzelnd auf meiner Zunge. Die Kälte drängt sich langsam durch meine Jacke und ich weiß, ich werde mich bald bewegen müssen, ich werde aufstehen, nach hause fahren, kochen, abwaschen und vielleicht einen Film ansehen, ich werde erwachsen sein, größer als der Schnee und nicht mehr so herrlich unverwundbar. Und ich möchte nicht gehen, ich möchte hier liegen und meine Kindheit vermissen, ich möchte an das Gefühl in den Fingerspitzen denken, wenn sie durch Barbiehaare streichen, an den Geschmack von Brot mit Tartex und Paprika und an das gurgelnde Lachen, das immer so frech aus mir herausgehüpft ist, damals. An unser Baumhaus, in das wir unsere Namen geritzt haben, und an jeden einzelnen dieser Tage, die im Album meiner Erinnerung liegen.
Gestern habe ich mich in den Schnee gelegt und so getan, als wäre ich wieder ein Kind.

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4 Antworten

Kommentare

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    Wehmut, ach...

    09.03.2010, 21:05 von JuliaRe
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