MaasJan 26.02.2009, 11:02 Uhr 3 5

Willi und seine Welt

Aus der Reihe: Klassiker neu aufgelegt!

Eine Schneelawine aus Schuppen rutschte seinen Kopf hinab ins Mäppchen. Aus der Verwehung blitzten nur noch einige Stifte empor. Sofort machten sich Rettungseinheiten in Form von Fingern auf, um die Verschütteten zu bergen.
Pikiert sah sich Willi um. Er war zwar nicht rund und gelb-schwarz gestreift aber irgendwer musste diesen Abgang doch mitbekommen haben.
Susanne starrte mit leerem Blick nach vorne, auf den offenen Hosenschlitz des Lehrers.
André war zu sehr damit beschäftigt, seinen Spuckfaden im letzten Moment, kurz vorm Abreißen, wieder in den Mund zu saugen.
Die Flecken auf seinem Vokabelheft zeugten von zahlreichen Fehlversuchen.
Keiner hatte etwas gesehen.Einzig der Lehrer könnte etwas bemerkt haben. Angewidert schaute er in Willis Richtung.
Gleichzeitig zog er die Nase hoch und ließ seinen Schnodder genüsslich in den Rachen gleiten, um ihn zu schlucken. Wie die Schlampe gestern in Papas neuestem Film, dachte sich Willi, nur schade um die Dialoge. Bevor die Handlung richtig losging, schien der Rotz ihre Stimmbänder immer zu fixieren. Außer stöhnenden Lauten kam dann meist nichts sprachlich Versiertes aus den vollen Lippen der Nutte.
Nutte.
So nannte sein Vater jede Frau seit Mamas Auszug, die zu Besuch kam und für ein oder zwei Stunden blieb.
Manchmal konnte Willi durch die angelehnte Tür linsen. Nur vorsichtig musste er sein. Einmal hatte Papa ihn bemerkt und beim Wurf mit einem herumliegenden Pumps sein Auge mit dem Absatz voll getroffen. In der Ambulanz hatten die Ärzte nichts mehr retten können, seitdem besaß Willi ein schickes Glasauge. Auf das Andere achtete er trotzdem mit Argusaugen. Insgesamt führten die drei aber ein harmonisches Leben. Wie die beiden Butterbrote, die Willi seit einem halben Jahr, trotz latentem Gestank in einer kaputten Tupperdose in den Niederungen seines Schulranzens aufbewahrte.
Manchmal, wenn Papa nicht die Muße hatte, selber zu kochen, drückte er Willi ein Kochbuch seiner Mutter in Hand. „Hier, du hast ja eh gewisse Ähnlichkeit mit der Kochschwuchtel da vorne drauf.“
Willi hatte ein halbes Jahr nicht begriffen, warum alle immer lachten, wenn er erzählte, dass ihn sein Papa nicht nur wegen der Kochkünste mit Tim Mälzer verglich. Irgendwann hatte sich seine Deutschlehrerin ein Herz gefasst und nahm ihn auf Seite. Sie hoffe inständig, er ersetze bei seinem Vater nicht noch ganz andere Rollen im Haushalt nach dem Auszug der Mutter.
Tat er nicht.
Er sollte seinem Vater zwar ab und an zur Hand gehen, das war’s aber auch fast sch….
Der Gong ertönte und erlöste Willi und seine Freunde von der eintönigen Stunde.
Endlich große Pause.
Das Klassenspiel gegen die 4C stand an.
Schnell wurde der Softball in die Mitte gelegt und nach dem Anstoß wimmelte es von 24 lärmenden Leibern auf 40qm Betonboden.
Willi erspähte im Gewimmel Julian, der ihm erst Gestern die, von der gesammelten Stufe gesammelte Taubenkacke in den Nacken geschüttet hatte. Rache muss sein, dass bekam auch Julian schnell zu spüren.
Als er den Ball ergatterte und gen Tor davon sprintete, sah er aus dem Augenwinkel Willi heranwetzen. Ehe er sich versah, stieg Willi ihm mit gestrecktem Bein ins Bein.
Schien- und Wadenbein krachten synchron und urplötzlich stach Julians Unterschenkel in einem lustigen Winkel in den Himmel.
Der Aufsicht führende Lehrer, von Julians Gewimmer angelockt, beschied nach kurzer in Augenscheinnahme des Beins „War kein Blut, war kein Foul, sieh zu, dass du vom Platz kommst!“.
Willi stand unsicher grinsend daneben und blickte auf Julian. Susanne und der Rest der umstehenden Kinder blickten auf Willi und bevor die Sonne in die Verlegenheit kam, auch irgendwen ansehen zu müssen, schob sie sich schnell hinter eine Wolke.
Was dann folgte, lässt sich schnell zusammenfassen. Die 4C verlor das Spiel mit 1:9, eine besorgte Lehrerin hatte Julian doch noch geraten, sich zum Verbinden ins Krankenzimmer zu schleppen.
Susannes Blick war immer noch leer, die Sonne kam wieder leise hinter der Wolke jervor und Willi..
Ja, was war eigentlich mit Willi? Der war mit sich und dem Tag so zufrieden, dass er sich seinen Ranzen schnappte, aufs Fahrrad schwang und nach Haus fuhr, nicht ohne die die Straße überquerende Maus zielsicher zu überfahren. Daheim legte er sich ins Bett, um den Tag schnell in seinen Träumen zu verarbeiten. Im Halbschlaf hörte er seinen Vater laut aus dem Nebenzimmer stöhnen. „Jaaaa, uuoooah, uaaaaah..aaaaaaaaaaaaaaaaaah..Aua, du Hexe, was hast du mit meinem Schwanz gemacht?!?!?!?!?“
Na was wohl, dachte sich Willi, dein Frenulum Breve ist wieder gerissen.
Wenn er jetzt zum Arzt fahren würde, hätte er seine Ruhe und Papa kein Geld für die Praxisgebühr, weil die Nutte ihm das Portemonnaie ausgeräumt hatte.
Die Tür fiel ins Schloss, Willi schloss beruhigt die Augen und entschlummerte sanft in eine ferne, ferne Welt..

5

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3 Antworten

Kommentare

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    ich liebe Willis Welt!
    Danke für die Neuauflage

    02.03.2009, 10:40 von Kaddinsky
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    Olle Blödbirne! Ich liebe Willi. ^^

    26.02.2009, 20:43 von Kiyan
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