Madame_Frosch 10.01.2009, 13:10 Uhr 2 2

Wie Weihnachten war

Eine Vergissmeinnicht-Geschichte.

Wir essen Hirsch in Bratensoße, trinken schweren, süßen Wein, der an der Heizung aufgewärmt wurde und mein Vater erzählt, dass in meinem Zeugnis immer drin gestanden habe, dass ich einen außerordentlichen Gerechtigkeitssinn hätte. ,,Damit meinten die Lehrer wohl, dass sie immer wiedersprochen hat!" Lacht er dann und ich zucke hilflos grinsend mit den Schultern. Am Küchentisch sitzen mir völlig fremde Menschen. Die neue Freundin hat mir ein Buch über Zeichnungen geschenkt, ich habe mich sehr gefreut, ich fand das nett. Ihr Sohn, in meinem Alter, starrt mich unverhohlen an. Ich frage mich, ob er mit mir heute Nacht zur alten Kieskuhle spazieren würde, um drei Meter tief in einen Sandhaufen zu springen, aber wahrscheinlich nicht. Er sieht mit seinen teuren Turnschuhen, den zurück gekämmten Haaren und diesem attraktiven Zahnpastalächeln nicht so aus, als wäre er ein Lausbub in zu großen Hosen. Schade. Die Küche sieht nicht mehr aus, wie früher. Die bunten Fußbodenfliesen fehlen, der zerkratzte Holztisch, die schief hängenden Schränke. Das Gewürzglasregal mit den Marmeladengläsern. Der Punschtopf. Das häßlich gelbe Licht, in dem sich die Fliegen verfingen haben. Mein Vater erzählt immer noch alte Geschichten. Es ist mir peinlich, aber ich lächel tapfer.

Über uns hängt jetzt ein vergoldeter Kronleuchter mit echten Kerzen.Früher war da eine lose Energiesparlampe, die mit klebrigen Fliegenschissstaub überzogen war. Die Küchenschränke sind aus klassischem, weißen Holz. Früher hingen die Türen losen in den Angeln und die Pfannen haben wir unter das Fenster gehängt. Eine sündhaftteure, riesengroße Espressomaschine. Blümchenfarbene Überkissen für die Stühle. Alles ist aufgeräumt, sauber und irgendwie so schick. Früher herrschte hier Chaos. Unordnung. Ich erinnere mich an einen Abend in irgendeinem Spätsommer, als mein Vater einen neuen Rührstab auspackte und frotzelte, dass das Ding wie ein Dildo aussähe. Meine Stiefschwester (was für ein blödes Wort) und ich kreischten vor Vergnügen, während wir auf den Fischstäbchen herumstocherten. Wir haben oft gewitzelt, dass wir eigentlich eine Webcam in der Küche installieren müssten.

Das Haus war ständig voller lärmender Leute. Besonders im Sommer. Wir haben im Lagerfeuer Marshmellows gegrillt und uns bei Gitarren-Begleitung vorgesungen. Wir haben Geschichten erzählt und uns leidenschaftlich gestritten. Wir waren ein bunt zusammen gewürfelter Haufen von Menschen, der sich in ein Ganzes fügte. Als ich fünfzehn war, waren meine ,,Eltern" seit sieben Jahren ein Paar und ich zog dort ein.
Ich hatte trotz vieler Schwierigkeiten und Probleme, nie das Gefühl, woanders hinzugehören. Ich war immer diejenige gewesen, die abends am Küchentisch lautstark die Meinung vertrat, dass wir eine Familie sind. Das war mir wichtig. Ich wollte das eben gewonnene nicht wieder verlieren.
Zu meiner Stiefmutter habe ich immer bewundernd aufgeschaut. Alle meine Freunde mochten die rundliche Frau, die nichts und niemanden allzu wichtig nahm und immer einen tollen Spruch auf den Lippen liegen hatte. ,,Mit fünfzehn ist das Leben nicht so einfach, wa?", war das erste, was sie zu mir gesagt hat, als ich nach drei Jahren das erste Mal wieder im alten Flur stand. Kaputt, ausgemergelt und mit einer geprügelten Seele im Schlepptau. Ihr Satz war wie Balsam, wie ein wegwischendes Taschentuch. Wie ein nach Hause kommen.

Zuhause war ich also endlich wieder frei. Und wie sie so um meine Geschichte wusste und mir das Gefühl gab, dass das alles nicht wichtig ist, dass das nicht interessiert, da war ich angekommen. Damals dachte ich, dass Menschen aus dem Osten allgemeinhin irgendwie lockerer sein müssten. Und sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Ich wusste, dass meine Stiefmutter mich nie lieben lernte, dass sie allerhöchstens zärtliche Sympathie empfand, aber ich bewunderte sie hingebungsvoll. Ich warf ihr mein Herz vor die Füße. Und ich war stolz wie osker, wenn ich von der für mich ,,tollsten Frau der Welt" sprach, die stark übergewichtig, kettenrauchend, so ganz anders war als ich, Hämpflein, welches vom leisesten Windhauch umgepustet werden konnte.
Und es ging uns wirklich gut. Im Sommer grillten wir auf der sonnengeflutenden Terasse, während die Fledermäuse über unseren Köpfen hinweg zischten. Der Bussard zerlegte unter meinem Kinderzimmer einen Hasen, während ich auf der Fensterbank saß und rauchend zusah.
Der Frieden lag hier wie ein unsichtbarer Teppich auf den Straßen. Im Sommer fuhren wir auf Fahrrädern zu den Festivals und Open Airs. Manchmal nahm Andreas mich auf dem Gepäckträger mit.

Als ich meinen ersten Liebeskummer hatte, verzog ich mich meiner Natur entsprechend in mein Zimmer zurück und ward erst einmal nicht mehr gesehen. Traurigkeit oder Unzufriedenheit ist schon immer etwas gewesen, das mir irgendwie peinlich war. Ich war immer schon der Meinung gewesen, dass ich kein Recht auf Undankbarkeit hätte. Zuviel war mir gegeben. Meine Tante klopfte zaghaft an meine Tür, trat ein und legte erst einmal zwei Bier und eine Schachtel Zigaretten vor meine Nase. Ich lachte unter verkrampfter Miene, als sie uns eine Zigarette anzündete und ganz locker zu erzählen anfing.
,,Das darfst du aber keinem erzählen, okay?", drang sie inständig in mich, ich nickte feierlich. ,,Als ich das erste Mal verliebt war, also so richtig, da habe ich eine Frau geliebt." Ich schaute sie aus großen Augen an.
,,Neee", grinste sie ,,ich bin nicht lesbisch. Aber sie werd ich nie vergessen und sie hat mir ganz schwer das Herz gebrochen!" Jetzt grinsten wir beide.

Wir waren nicht überkandidelt. Mehr als einmal deutete mein Vater an, dass wir ,,mehr Geld als der Bundeskanzler" verdienen, aber ich wusste nie, wieviel. Und ich spürte und sah auch nie viel davon. Ich ahnte, dass mein Vater gern damit angab, aber dass wir eben völlig unbeeindruckt blieben. Es war alles genau richtig so, wie es war. Ich liebte die alte, verschlissene Küche, ich liebte es, wenn wir alle drin hockten und die wildesten Unterhaltungen führten. Wir haben oft leidenschaftlich gestritten, mehr als einmal ist eine Tür lautstark ins Schloss gefallen. Aber wir haben uns immer zusammen gerauft, wir waren ehrlich zueinander und auch, wenn die Dinge nie perfekt waren, hing da immer eine unberührbare, warme Glocke über unserem Haus.
Mein Vater war streng, aber ich als ich einmal von einer Fete nach Hause kam, es war morgens drei Uhr, da saß er sich mit mir zusammen in die Küche, er in seinem alten roten Bademantel, den er schon seit meiner Kindheit besaß, und goß uns Rotwein in großen, bauchigen Kelchen ein. Ich fühlte mich sehr erwachsen, während wir tranken und über das Leben redeten. Ich gestand, dass ich schon mal einen Joint probiert hatte und er mir, dass ich immer auf mein Herz hören muss im Leben. Ganz egal, wie irrsinnig das ist.

Das alles ist drei Jahre her. Seit zwei Jahren gehen wir alle getrennte Wege. Nachdem mein Vater uns allen von einem Tag zum anderen eröffnet hat, er hätte sie nie geliebt und eigentlich hatte er von Anfang an gedacht, sie wäre die Falsche und das müssen wir doch verstehen. Schon nach sechs Wochen hatte er damals gewusst, dass das nix wird. Diese sechs Wochen allerdings waren mehr als dreizehn Jahre her. Ich heulte wie ein Kleinkind. Zu diesem Zeitpunkt nahm mich meine Stiefmutter zum ersten Mal wirklich ernsthaft in den Arm. Eine Woche später war das Haus wie leer gefegt, plötzlich renovierte er alles, die Küche bekam einen goldenen Kronleuchter, das Wohnzimmer einen echten Holzkamin, der Flur eine riesige, protzige Wanduhr. Und an seinem Arm glitzerte eine goldene Rolex. Es war wie im schlechten Film. In diesem Haus war ich aufgewachsen und hier hatte es sich nich verändert und plötzlich war meine verblasste Kindheit aus jeder Ecke hinfort gescheucht. Ich war wie gelähmt, es war, als wäre nichts wichtig gewesen, als wären wir nie wichtig gewesen. Ich konnte mit alledem nichts anfangen. Ich befand mich auf einmal in einer neuen Welt, in der Klamotten, Aussehen und Oberflächlichkeiten wichtig sein sollten.
Ich gab mir Mühe, es klappte nicht. Mein Vater, der stärkste, klügste Mann dieser Welt, wurde mir auf einmal fremd. Ich sagte: ,,Ich versteh das nicht und möchte so gern.", was ihn sehr verletzte. Meine Stiefmutter verfluchte das Haus, was mich wiederum sehr verletzte. Denn ich liebte es. Für mich hatte das Haus einen Geist, es lebte und dachte und fühlte mit uns und unseren Geschichten und seiner bewegten Vergangenheit. Doch es wurde mir zu leer, zu haltlos, ich musste weg. Ich hatte eine komplette Etage für mich allein und ich wollte es nicht. Ich wollte es teilen können. Ich wollte, dass es wie früher ist. So wie ganz früher. Als mein Vater und ich alleine hier gewohnt haben und er mit meiner besten Freundin und mir furchtbaren Kuchen gebacken hat. Als ich mich in einem Raum so verstecken konnte, dass ich das Gefühl hatte, in eine andere Welt zu tauchen. Als ich glaubte, in diesen Wänden bin ich vor den Gefahren der Bösewichte sicher und beschützt. Als mein Vater große Kieselsteine aus dem Garten sammelte, sie mir schenkte und mit feierlicher Miene erklärte, das seien Zaubersteine, die mir jeden Wunsch erfüllen können, wenn ich nur fest daran glaubte.
Ich zog in die nächst gelegenste Großstadt. Von heute auf morgen, mit den wenigsten Habseligkeiten. ,,Den Rest kannst du wegwerfen", meinte ich zu meinem Vater. Bloß keine Altlasten mitschleppen. Wozu auch? Ich hatte ja mein Herz, um mich zu erinnern. Und ich hatte mein Herz, um neu anzufangen.

Und jetzt sitzen wir alle im neuen ,,Musikzimmer" und singen ,,Stille Nacht". Schief und krumm. Mein Vater lächelt, seine Freundin, die wirklich lieb ist, lächelt glücklich zurück. Ihre Mutter betont immer wieder, wie schön es wäre, dass wir uns alle so gefunden haben. Und der komische Typ passt sich so wunderbar in dieses Bild, ist allseits höflich und förmlich, dass mir schwindelig wird, weil diese ganzen teuren Gegenstände, der Flügel, die teuren Gemälde, das alles ist nicht das hier. Und eigentlich sind mein Vater und ich auch nicht so. Ich sitze da und finde alles nett. Und schön. Und kann trotzdem nicht umhin, mich irgendwie nicht richtig zu fühlen. Ein klitzekleines bisschen einsam. Wenn mein Vater und ich alleine sind, ist es beinahe wie früher. Ich frage ihn Sachen, wie: ,,Kannst du mir erklären, warum Zeit und Raum zusammen hängen?" oder: ,,Was, meinst du, ist der Sinn des Lebens?" Um dann, wie früher, im Schneidersitz irgendwo zu sitzen und ihm zuzuhören, wie er, ganz der wunderbare Geschichtenerzähler und Lehrer, mir geduldig mit einfachsten Worten die kompliziertesten Zusammenhänge erklärt. Dann steht er irgendwann auf, schielt über die Ränder seiner Brillengläser hinweg und sucht mir ein Buch heraus, schlägt eine Seite auf, wischt den Staub von den Buchstaben und liest mir vor. Die Momente, in denen wir uns nahe sind, wie damals, als er und ich ganz alleine hier gewohnt haben. Bevor überhaupt irgendetwas angefangen hat. Auch, wenn mein Vater mir als Einmannperson keine komplette Familie ersetzen konnte, spürte ich als Siebenjährige doch wohl sehr genau trotz der beklemmenden Einsamkeit in einem viel zu großen Haus, dass ich geliebt werde und dass mein Vater mich niemals irgendwo stehen lassen würde. Dass ich immer zu ihm gehen konnte, mit jedem Herzensproblem und sei es noch so trivial.

Und so fühle ich auch, als wir Weihnachten an einem Tisch sitzen, er Kindheitskamellen auftischt, wie ich mutig und Gerechtigkeitsliebend meine Grundschullehrer wahnsinnig gemacht habe und wie ich eines Mal am Nikolausmorgen um drei Uhr morgens in der früh an seinem Bett stand und ganz stolz die Schokolade präsentierte, die der Nikolaus gebracht hatte. Ich war nachts aufgewacht, hatte nicht auf die Uhr gesehen und war einfach davon ausgegangen, dass Aufstehenszeit sei, wenn ich aufwache. Dann wäre da noch die Geschichte von dem todkranken Katzenkind, das ich einsammelte und behielt, welches sich erholte und sich nur von mir anfassen ließ, mir in die Schule folgte und nachts heimlich unter meine Bettdecke kroch. Und natürlich die furchtbar schmeckenden Weihnachtsplätzchen, die mein Vater mit mir buk. Sie waren gesund, natürlich, und ich habe sie nur gegessen, um ihm eine Freude zu machen. Auf dem Weihnachtsbaum brennen echte Kerzen und ich fühle mich zuhause. Natürlich kennen wir uns nicht, natürlich kann es mal wieder auseinander gehen und brechen. Wer weiß, was in einem Jahr ist. Aber jetzt, jetzt gerade sitzen wir hier zusammen und werden von den wärmenden Wänden verschluckt, eingehüllt in trauter Gemeinsamkeit mit einer leisen und zaghaften Hoffnung, dass wir zusammen wachsen, dass wir endlich nach Hause finden. Mein Vater zeichnet mich, wie früher, und lacht, als ich es ihm gleich tue. Ich sehe, wie alt er geworden ist und denke an das Foto von ihm, als er als Zwanzigjähriger betont verwegen in die Kamera lächelt. An das Foto, welches ich heimlich aus dem Fotoalbum geklaut und in meiner hölzernen Pastellkreidenbox versteckt habe.

Wir waren mal ein gutes Team, mein Vater und ich. Ihm fällt schwer, mich zu umarmen oder mir zu sagen, dass ich ihm wichtig bin. Aber als wir Weihnachten so zusammen hocken und irgendwie alles schön ist und ich dankbar bin, für den halben Frieden, der sich auf das Haus gelegt hat, spüre ich, dass es meinem Vater wichtig ist. Dass dieses Haus voller Menschen ist, die es mit Geschichten und Leben füllen. Und während wir so singen, denke ich an all die Geschichten, die unter den Tapeten liegen, unter dem Fußboden, die in den Wänden hängen wie Putz und die man nachts hören kann, wenn man lauscht. ,,Hier wohnt Magie." Hat man mir mal erzählt. Und einer behauptet felsenfest, dass er in diesem Haus mal einen Kobold beobachtet hat, der kartenspielend an einem mit Kerzenlicht beschienem Tisch saß. Ich glaubte es sofort. Nicht wegen dem Kobold. Wegen der Magie.

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2 Antworten

Kommentare

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    hm...
    nach einem viertel des textes habe ich aufgehört zu lesen, weil sich mir nicht erschloss, was du eigentlich erzählen willst. die einrichtung der küche und ihre gewürzregale?
    für mich lag da nichts spannendes drin, den text weiterlesen zu wollen,

    30.01.2009, 12:27 von marco_frohberger
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    Sehr schön geschrieben, aber auch etwas sehr lang. Zwischen den Zeilen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass Du diesen Text viel mehr für Dich selbst als für andere geschrieben hast.

    Eine liebevolle Hommage an die eigene Kindheit. Hat wahrscheinlich Seltenheitswert.

    29.01.2009, 16:53 von AnnaEcke
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