herz.ist.trumpf. 29.11.2013, 12:42 Uhr 0 1

Wie jemand mit etwas umgeht

Hältst du Ähnlichkeiten nicht aus, zieh in keine große Stadt. Dein Herz bleibt sonst zu oft stehen. Und irgendwann dann ganz.


Seit zwei Monaten bin ich in dieser Stadt am Wasser. Die Sonne geht hier immer zuerst in den Hochhausfenstern auf und es blendet mich beim Fahrradfahren. Unter geht sie nie, es ist eher so, dass sie einfach verschwindet. Es fehlt dann Licht, von einem auf den anderen Moment.  Heute Abend, nachdem das Licht ausging: Auf dem Nachhauseweg höre ich die Blätter der Stadt. Sie sind wild und laut und so fühle ich mich. Sie schlagen auf den Asphalt nieder, sie rascheln und umtanzen die Luft. Es ist die Zeit, die so etwas mit uns macht. Die Jahreszeit, die Luft, die dunkler werdenden Tage. Meinst du nicht?

- Schau genau hin, genauer.

Sagst du immer. Ich versuche es wirklich. Ich achte auf die Steine in den Ritzen dieser Stadt. Ich beobachte die Mienen der Menschen. Es sind so viele Menschen hier, es ist immer zu viel und nie genug. Die S-Bahn Türen sind abgenutzt und schließen  zu schnell. Die Menschen hier sind so blind, aber vielleicht haben sie auch einfach schon alles gesehen. Sie  kennen sämtliche  Reize, alle Farben und Formen. Als hätten sie beschlossen, dass es nichts Neues mehr für sie gäbe. Hast du mich deswegen zum genauer hinsehen aufgefordert? Viel verlernt man, es ist ein ständiger Prozess.

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Ein Mädchen rennt ständig zur selben Bahn und kommt zu spät. Die Idee früher loszulaufen kommt ihr nicht und sie schätzt die Geschwindigkeit. Ich kann sie verstehen. Menschen rennen viel zu selten. Dabei ist es wichtig, seine Lunge zu spüren, sein Atmen wahrzunehmen. Und seine Grenzen. Hier kennt keiner Grenzen. Hier wird weggeschaut, wenn arme Männer und Frauen in der U-Bahn ihre Zeitungen verkaufen wollen und um eine kleine Spende bitten. Einmal stieg einer hinzu, er hielt eine kleine Rede und war unfassbar freundlich. Es war so schön, hier jemanden zu erleben, der tatsächlich freundlich ist. Ehrliche Freundlichkeit ist ein Charakterzug, den diese Stadt nicht kennt. Gegeben habe ich dem Mann trotzdem nichts. Grenzen sind dehnbar.

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Wie ist der Wind bei dir? Weckt er dich auf? Die hohen Häuser dieser Stadt stehlen den Wind. Sie schirmen ihn ab und lassen ihn nicht in die Straßen. Das verwirrt mich. In seiner und unserer Stadt konnte man den Wind nie bändigen. Er war wie ein wilder Löwe. Bitte sag mir, dass sich das nicht geändert hat. Ist die Feuchtigkeit noch da? Hält sie dich gefangen? So ist das in diesen Monaten, es ist kein Regen aber auch noch kein Schnee, ein Zustand, der noch keinen Namen trägt.  Hier kriecht die Feuchtigkeit meine Fenster hoch und lässt sie zerfließen. Ich mag sie ganz gerne, denn sie fühlt sich nach etwas an. Kann man Zustände fühlen, ist es noch nicht zu spät.

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23 Minuten nach Mitternacht in einer Küche mit 19,1 Grad Celsius. In Zeiten , in denen ich mich ständig irgendwo festhalten muss: an dir, an Küchenarbeitsplatten, an Schränken, an Worten. Auch wenn kein Boden vorhanden ist, Schweben ist ein anderer Zustand. Das was ich fühle ist fremd. Keine Fremde im Sinne von leer;  das ist ein anderes Gefühl. Die leere Fremde kenne ich. Fremde Räume, fremde Menschen, Fremde als Gemütszustand. Es ist, als sei man schwerelos, aber sich seiner Beine sehr bewusst. Ein wenig zu bewusst. Es fällt schwer, zu rennen. Meine Grenzen sind präsenter als noch vor ein paar Jahren. Zum ersten Mal in meinem Leben sitze ich auf der Arbeitsplatte meiner Küche und lasse meine Füße im rechten Winkel den Küchentisch berühren. Die Sicht von hier ist schön. Es fühlt sich bequem an. Ich schließe die Augen und atme tief durch. Vielleicht hatte ich ein wenig zu viel Wein.

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Mit einem Lächeln aufzuwachen heißt, vorher etwas Schönes geträumt zu haben. Ich kann mich an nichts erinnern, aber das Aufstehen fällt leicht und das tut es eigentlich nie. Meine Füße spüren die kalten Dielen, dein letzter Brief liegt auf dem Küchentisch neben dem abgestandenen Pfefferminztee. Noch habe ich für eine Antwort nicht genug zu erzählen. Buchstaben allein machen keinen Text, sagte Paul immer. Seitdem habe ich andere Ansprüche. Jan, vermisst du Paul? Ist das eine Frage, die ich dir stellen darf?

Nach meinem Umzug erkannte ich ihn in jedem Fremden, der mir hier über den Weg lief. Hältst du Ähnlichkeiten nicht aus, zieh in keine große Stadt. Dein Herz bleibt sonst zu oft stehen. Und irgendwann dann ganz.

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An mein Wohnhaus bauten sie heute ein Gerüst. Ich weiß noch nicht wozu, aber ich mag die Geometrie. Überall klare Linien und Winkel, Dreiecke und Quadrate. Die Stangen bilden etwas Standhaftes und das ist etwas, das es heute nur noch selten gibt: Beständigkeit. Ich habe den Wunsch aus meinem Schlafzimmerfenster auf das Gerüst zu klettern, hoch bis zum Dach. Die Stadt aus der Höhe zu erleben, aber an der frischen Luft. Ob da oben Wind weht? Ich könnte eine Fahne auf dem Dach befestigen um mich zu beruhigen. Was mir bezüglich des Windes am meisten fehlt? Die Bewegung in meinen Haaren bei Sturm.

Kocht deine Mutter dieses Jahr wieder Apfelkompott? Hier ist ein Laden in dieser Straße  und sie haben auch welchen. Sie sagen er sei selbstgemacht, aber ich bin mir nicht sicher. Probiert habe ich ihn aber auch nicht. Immer, wenn ich die Straßen entlang laufe, freue ich mich über die Textur der Wege. Manchmal sind die Gehwege gebrochen, grade Platten reihen sich an Kopfsteinpflaster und brechen weg. Manchmal ist es gerader und sanfter, fast schon ordentlicher Asphalt. Schaut man nach unten, sieht  jede Straße anders aus. Beim Fahrradfahren wird es schnell gefährlich, mit hohen Schuhen würde ich es nicht wagen, den Asphalt zu berühren. Die Straßen hier sind für Menschen gemacht, die dem Boden trotzen. Die laufen, ohne darüber nachzudenken.

Jan, ich wäre auch gerne so stark. Aber so einfach ist es nicht. Ich zerdenke alles und am Ende habe ich nichts davon. Er fehlt mir, aber es wird besser. Langsam, aber beständig. Gib mir nur noch ein wenig Zeit. Was hat es dir bedeutet, das erste Mal wieder zu lachen? Mich hat es erschrocken, aber dann habe ich es genossen und gelacht und gelacht, wie im Rausch.

-          Ida, das macht mich sehr glücklich,

schrieb Mutter dann. Dann wurde ich mir meiner Verantwortung bewusst und verlor das Gefühl.

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Der heutige Samstag führt mich in eine Bäckerei, zwei Straßen vom Bahnhof entfernt. Ich bestelle schwarzen Kaffee und einen Streuselkuchen. Es ist eine schöne Bäckerei, sie liegt ruhig und es ist ein wenig kalt. Genau in dem Maße, dass man sich nicht zu wohl fühlt. Die Sessel stehen bequem an ihren Orten und ich entscheide mich für einen Platz am Fenster. Der Streuselkuchen schmeckt süß und ich denke an dich und wie wir einmal einen ganzen Korb Äpfel nach dem pflücken zu Mus verarbeitet haben. Und wie uns dann der Zuckerstreuer in den Topf fiel. Ich lächle, immer wieder, diese Geschichte ist eine unserer besseren. Der Kaffee hier ist schwarz und heiß.

Es fängt an zu regnen, richtiger Regen. Nass, statt feucht. Menschen rennen unter Dächer und öffnen Regenschirme. Ich habe keinen bei mir, meine Jacke hat nicht einmal eine Kapuze. Beim hinausgehen entdecke ich, dass die Bäckerei Apfelkompott anbietet. Grüß bitte deine Mutter von mir und vergiss es nicht wieder. Ich kann es nicht erwarten, die Regentropfen auf meinem Gesicht zu spüren und zu merken, wie sie meine Haare beschweren. Der erste Schritt auf der Straße und ich fühle mich gut, ein paar weitere und die guten Gefühle werden mehr. Vielleicht ist Schweben doch ein Zustand der mir gefällt? Mach dir bewusst, wie deine Beine funktionieren. Einzelne Regentropfen tanzen auf meiner Nasenspitze. Das zusätzliche Gewicht hält mich am Boden.

Ein paar Augenblicke später fällt mir ein, dass ich vergessen habe zu bezahlen. Schnell gehe ich zurück, entschuldige mich und zähle mein Geld ab. Doch die Verkäuferin hatte es gar nicht gemerkt. Neben ihr steht die Bäckerin. Und beide sehen müde aus.

 

 

 

 

 

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