T-A 14.12.2008, 16:58 Uhr 6 11

Wie gern ich Deine Tochter war

Wir hatten zwei Jahre um Vater und Tochter zu werden. Und dann noch mal drei, um uns auf Deinen Tod vorzubereiten.

Als ich Dich zum ersten Mal sah, wirktest Du auf mich wie ein schüchterner, verliebter Teenager. Das war komisch, denn Du solltest ja mein Vater werden. „Zwei Fliegen mit einer Klappe“, hatte ich gedacht, als ich mich daran machte, einen Mann für meine Mutter zu finden. Einen Traumprinzen für sie - einen Papa für mich. Ich wollte nicht, dass sie allein blieb, während ich loszog die Welt zu erobern. Und ich wollte endlich wissen, wie es ist einen Vater zu haben.

Ich stellte sie ins Internet und richtete ihr eine Email-Adresse ein. Du hast sie gefunden und das geschafft, was ich nie konnte: Sie glücklich machen. Durch Dich hat sie alles vergessen: ihre Wut, ihren Frust, ihre verbitterten Vorsätze. Sie hat sogar vergessen mich anzurufen, wenn sie später als sonst nach Hause kam. Und als ich - als hätten wir die Rollen getauscht - wie die besorgte Mutter im Flur stand und vorwurfsvoll auf meine Armbanduhr tippte, sagte sie nur: „Wir waren im Kino, aber ich hab gar nichts vom Film mitbekommen.“ Ihr Glück überstrahlte alles. Euer Glück sowieso. Ihr wart so verliebt, dass ich nicht wusste, ob ich mich freuen oder peinlich berührt sein soll.

Ich war nie die Stieftochter, sondern Deine „Älteste“. Deine erwachsene Tochter, die in Deiner Nähe ganz vergaß, wie erwachsen sie eigentlich schon war. Als Du mein Fahrrad heimlich „verkehrstauglich“ machtest, war ich so gerührt, dass ich gar nicht bemerkte, wie sehr mein geliebter Drahtesel dabei an Coolness eingebüsst hatte. Ich musste immer lachen, wenn Du sagtest: „Nein, lass mal. Wir kaufen Dir lieber was Vernünftiges.“, obwohl ich schon lange mein eigenes Geld verdiente. Du sagtest, Du würdest gern den Typen kennen lernen, mit dem ich ausging. Aber Dein Blick verriet mir, dass Du eigentlich lieber sein polizeiliches Führungszeugnis sehen wolltest. Mir hatte nie jemand gesagt, wie schön sich diese „Einmischungen“ in mein Leben anfühlen. Du hast mir versprochen mich zum Altar zu führen, aber ich hatte noch nicht mal genügend Zeit, um mir dafür den richtigen Mann zu suchen.

Wir hatten zwei Jahre um Vater und Tochter zu werden. Und dann noch mal drei, um uns auf Deinen Tod vorzubereiten. Als er dann kam, war ich alles andere als vorbereitet. An unserem letzten Wochenende waren Deine Schmerzen so schlimm, dass Du lieber ins Krankenhaus wolltest, obwohl Du keinen Ort mehr gehasst hast. Ich wollte Dich aufmuntern, sagte: „Ach komm schon, das holen wir nächstes Wochenende nach.“ Du hast mich in den Arm genommen. Du wusstest, dass kein nächstes Wochenende geben würde. Dein Blick hat es mir gesagt, aber ich verstand es erst viel später. An Deine letzten Worte kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an meinen dummen Satz. Und daran, dass ich mich nicht verabschiedet habe.

Als Du mein Vater wurdest, war ich schon so erwachsen. Dein Tod machte mich zu einem kleinen Mädchen, das hilflos mit den Füssen aufstampft und schreit: „Aber das ist nicht fair!“ Doch dann sah ich, wie groß das Loch war, dass Dein Tod in mein Herz gerissen hatte und wurde wieder erwachsen, kalt und rational. Ich hab mich um alles gekümmert, wie Du gesagt hast. Nicht um mich, sondern um die Dinge, um die man sich kümmern muss, wenn ein Mensch die Erde verlässt. Erst Monate später habe ich von Dir geträumt und auf einmal konnte ich Dir alles sagen, was ich nie gesagt hatte. Wie schön es sich angefühlt hat, Deine Tochter zu sein. Wie viel Geborgenheit Du mir gegeben hast. Wie schön es war, nicht erwachsen sein zu müssen. Das alles hatte ich vergessen. Aber seit dieser Nacht kann ich wieder an Dich denken, ohne wütend zu werden und erinnere mich an das wohlig warme Gefühl im Bauch.

Ich weiß, dass Du mich nicht zum Altar führen wirst. Niemand wird mich dorthin begleiten - egal was kommt. Es wäre Dein Platz gewesen und deshalb halte ich ihn für Dich frei. Ich glaube nicht daran, dass Du an diesem Tag von oben auf mich herabblicken wirst. Aber ich weiß, dass Du da wärst, wenn Du könntest.

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    Wir hatten zwei Jahre um Vater und Tochter zu werden. Und dann noch mal drei, um uns auf Deinen Tod vorzubereiten. Als er dann kam, war ich alles andere als vorbereitet. An unserem letzten Wochenende waren Deine Schmerzen so schlimm, dass Du lieber ins Krankenhaus wolltest, obwohl Du keinen Ort mehr gehasst hast. Ich wollte Dich aufmuntern, sagte: „Ach komm schon, das holen wir nächstes Wochenende nach.“ Du hast mich in den Arm genommen. Du wusstest, dass kein nächstes Wochenende geben würde. Dein Blick hat es mir gesagt, aber ich verstand es erst viel später. An Deine letzten Worte kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an meinen dummen Satz. Und daran, dass ich mich nicht verabschiedet habe.

    ...genauso ging es mir auch,ein Samstagabend,ich wollte zu einer Party gehen,und mein vater wollte sich von mir verabschieden.Nicht einfach so verabschieden,sondern der LETZTE abschied.
    Ich hab es nicht verstanden,meinte"papa wir können ja nächstes wochenende zusammen einen ausflug machen,versprochen!"..mein Papa sagte nur,das er mich unheimlich lieb habe und ich auf mich aufpassen soll,dann ging ich .

    Das war das letze mal das ich mit meinem Vater sprach,Montags morgens starb er.

    Wunderschön geschriebener Text!!! Danke!

    26.10.2009, 18:09 von Kruemelinchen.
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    Huch, war das schön! Ich weiß gar nicht was man dazu sagen kann oder sollte. So was liebevolles und wunderbares...

    16.01.2009, 08:29 von amaliasaunt
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    Ein schöner, liebevoller und warmherziger Text!

    02.01.2009, 13:56 von Irgendwo
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Ohha.
    Wundervoll geschrieben!
    Das trifft mein Jahr 2008 perfekt.

    31.12.2008, 17:04 von HannaMontana
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    oh wow... da glitzern gerade ein paar tränchen in meinen augen.
    wunderschön geschrieben!

    15.12.2008, 12:21 von chelena
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