Jenney 22.11.2006, 04:19 Uhr 34 22

Wenn Mama und Papa sich nicht mehr lieben

"Scheidungskind", sagst du und schaust mitleidsvoll. "Hmm" ,sage ich, "vielleicht war es am Besten so!"

Ich war ca. 7 Jahre alt, als sich meine Eltern das erste Mal getrennt haben. Armes Kind hiess es im Schuelerladen und alle moeglichen Verwandten haben mich in den Arm genommen und gemurmelt wird schon wieder, Mama und Papa haben nur gerade eine Kriese.

Ich konnte es nicht verstehen, ich wollte nicht hoeren, dass ihr euch nachts in der Kueche gestritten oder sarkastische Gemeinheiten an den Kopf geschmissen habt, um mir dann zu erklaeren, dass ihr nur DISKUTIERT und, dass Erwachsene das halt so machen.
Mein Bruder und ich haben davon nix mitbekommen. Mein Bruder war zu klein und er hat es nicht verstanden, aber fuer mich war es ein Schock, als Papa nicht nach Hause kam. Seitdem wusste ich, nichts wird so sein wie es frueher war.

Du kniest auf dem Teppich in unserem riessigen dunklen Wohnzimmer und ich komme den langen finsteren Flur entlang, nur um zu sehen warum du nicht, wie so oft in der Kueche bist, und mit Papa diskutierst. Jeden Abend warte ich bis ihr “ausdiskutiert“ habt und Papa nochmal kommt und mir einen gute Nacht-Kuss gibt, weil er sonst ja immer arbeiten ist. Doch bis auf dich ist da keiner in der grossen teuren Altbauwohnung, ich kann es fuehlen. Ich habe meinen Bruder an der Hand, weil ich den Flur nicht alleine entlang gehen wollte, es war zu dunkel - und zu still.
Du kniest da, die Haende im Gesicht und wiegst vor und zurueck, weinst lautlos.
Du, die immer die Starke war und nie geweint hat, die die immer zu erst aufgestanden ist und allen Fruehstueck gemacht hat, die die immer zurueckstecken konnte, die die sich oft freigenommen hat von ihrem geliebten Beruf, damit sie mehr Zeit hat um etwas mit uns zu machen, und die die verstehen konnte, dass wir so an dem Papa haengen, weil er ja nie da ist und uns nicht erziehen muss und wir ihn deswegen natuerlich mehr lieb haben als die Mama, die sagt jetzt ist aber Schlafenszeit- hast alles hinuntergeschluckt und gelaechelt- wie war dein Tag?

Ich gehe auf dich zu und nehme deinen Kopf in den Arm, deine Haare sind nass von deinen Traenen. Du kannst mich nicht ansehen doch ich werde nie deinen Blick vergessen. Du verharrst dort fuer Stunden, meinen schlafenden Bruder auf dem Schoss. Ich an deiner Seite, probiere wach zu bleiben und kann nicht verstehen was du sagst. Papa wird nicht wiederkommen.......

Das naechste Jahr ist anders-das behuetete Kind hat seinen Schutz verloren. Mein Bruder versteht es nicht - Mama und Papa lieben sich aber noch, sagt er trotzig. Oder, Jenny?
Ich weiss nicht, antworte ich, ich weiss gar nichts mehr , ziehe mich zurueck und probiere einfach nicht mehr darueber nachzudenken.
Freue mich auf die Wochenenden, wenn mein Vater uns abholt und moechte nach 2 Minuten am liebsten wieder zur Mama.
Hallo ihr beiden ich bin Veronika, die neue Freundin eures Vaters und das ist meine Tochter- Nina. Wir sind jetzt wie eure 2. Familie. Euer Vater, Nina und ich. Dann koennt ihr zweimal Weihnachten, Geburstag und Ostern feiern. Ist das nicht toll?

Nach 2 Monaten ist Veronika weg, spurlos verschwunden, genau wie Nina. Mein Vater zieht um. Zu uns um die Ecke, jetzt kannst du mich jeden Tag besuchen !!
Dann die Erklaerung, wir ziehen wieder zusammen, Mama und Papa lieben sich wieder. Mein Bruder ist gluecklich. Jetzt ist alles wieder in Ordnung, sagt er und nimmt Mamas Hand in eine und Papas Hand in die andere winzige Hand.Oder, Jenny?
Es folgen 2 Jahre in denen ich in der Dunkelheit meines Zimmers auf Papas Auto lausche, das immer spaeter kommt, in denen Kommentare ueber Kleinigkeiten stundenlang ausdiskutiert werden. Es werden Worte gewechselt, die einfach so dahin gesagt werden und “ja gar nicht so gemeint waren“ und doch schrecklich verletzen. Dann geht es um Geld und um Geliebte und mein Bruder ist gluecklich. Er sieht und hoert nichts.

Aber ich, ich bin aufgewacht aus meiner Traumwelt, ich weiss, dass es euch nicht gut geht, ich leide und lerne, dass es nicht darauf ankommt was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Ich weiss, dass Papa nicht bis um 12:00 uhr Nachts arbeitet und das Mamas Freundin keine Frau ist.
Der Mann, der vor 3 Jahren den Weihnachtsmann fuer uns gespielt hat, kommt immer oefter zu Besuch und die Mutter meiner Freundin fragt seltsamerweise immer wenn ich sie im Hort treffe, ob Papa oder Mama mich diesen Samstag zum Voltigieren fahren.
Ich hoere wie ihr euch nachts in der Kueche anschreit und wie Papa immer leiser und Mama dadurch nur noch lauter wird. Ihr entfernt euch soweit voneinander, dass ihr es morgens nicht schafft euch in die Augen zu guggen, geschweige denn Guten Morgen zu sagen. Musst du heute wieder zu unangekuendigten Besprechungen, die bis tief in die Nacht dauern? Ist das einzige was gesagt wird, bevor Papa tuerenschlagend die Wohnung verlaesst. Warum schlaeft Papa auf dem Sofa, Jenny?

Es endet mit Steinen, die auf sein geliebtes frischlackiertes Auto geworfen werden und einem Besen, der die “Neue“ aus der Wohnung treibt.
Als es das Zweite und letzte Mal heisst, dass Papa und Mama sich nicht mehr lieben, sind da keine Traenen mehr- es ist gut so. Ich bin gluecklicher als die Jahre davor, weil das Hoffen und Bangen vorbei ist und meine kleine Welt nun wieder geregelt ablaeuft. Unter der Woche bei Mama und am Wochenende bei Papa und der Neuen so wie deren Tochter.
Ich dachte jetzt ist alles ok, wir muessen sie nicht mehr zusammenhalten.

Natuerlich kamen dann neue Probleme. Bei wem willst du wohnen? Kannst du deinem Vater bitte sagen, dass er den Unterhalt zahlen soll. Mit wem in den Urlaub? Die neue Freundin-die Hexe und so weiter....
Doch im Allgemeinen geht es mir am Besten so und auf jeden Fall tausendmal besser, wenn die Karten auf dem Tisch liegen und keiner mehr probiert irgend etwas vorzutaeuschen. Es gibt keine Perfekte Familie, denn jede Famile hat seine eigenen Problem. Die Trennung war das Beste fuer jeden von uns.
Und waere es besser, wenn die Eltern “der Kinder wegen“ zusammenbleiben, obwohl zwischen ihnen noch nicht ein mal mehr Freundschaft ist?

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34 Antworten

Kommentare

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    Ich hab heute die SMS meiner Mutter bekommen, es wuerde sich endlich was aendern;-) Wenn ich in 5 Monaten zurueckkomme und meine Eltern wohnen immer noch zusammen lach ich...So ist das, wenn sie sich zu lange nicht trennen und man aufwaechst in einer Stimmung die Zwischen Freundschaft, aus-dem weg-gehen, Streit und sich-gedanken-machen-um-den-anderen, schwankt. Irgendwie fuehle ich mich grossteils trotzdem wohl...
    Aber um nochmal zum Artikel zu kommen, super geschrieben, gefaellt mir!

    14.01.2008, 16:07 von paranoiderandroide
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    Bei mir war es ähnlich. Meine Eltern ahben sich vor knapp 2 Jahren getrennt. Aber es war nie eine glückliche Ehe, möchte aber nciht sagen das es eine schlimme Kindheit war.
    Vor kurzen hat meine Mutter den ehemaligen besten Freund meines Vater geheiratet, den ich auch schon mein ganzes Leben kenne.

    bin auch ein scheidungskind mit ewigen Knacks.

    17.08.2007, 23:40 von Sausewind
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    Danke für diesen schoenen Text.

    18.04.2007, 16:12 von cottonjan
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    Danke für Deine Worte und Deine Sicht!

    30.03.2007, 14:26 von Dante
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    Der Text gibt mir Hoffnung,dass die Trennung,die sich zur Zeit in meiner Familie abspielt,was gutes hat.ich habe jahrelang mit dieser schönen scheinehe meiner Eltern gelebt,bis ich meine Mutter weinen gesehen hab.und es is schmerzhaft zu wissen,dass ích und meine Schwester der grund waren,wieso sie seit jahrzehnten unglücklich ist/war.doch nun wird sich alles ändern.mal abwarten ob zum besseren oder nich

    25.03.2007, 23:42 von minzbonbon
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    Der Text hat mich sehr berührt. Zum einen da sich meine Eltern schon seit sehr langer Zeit streiten... immer wieder. Zum andern weil ich gerade wirklich eine Phase durchmache in der die Angst einer Trennung der beiden omnipräsent ist. Ich hab schon lange das Gefühl, dass die beiden sich nicht mehr richtig lieben, ich kanns mir mittlerweile nicht mal mehr vorstellen, dass die beiden sich wirklich mal geliebt haben... Ich hab noch 3 weitere Geschwister und denke ebenfalls, dass wir neben der harten Arbeit, die die beiden geleistet haben, der einzig mögliche Grund sind, dass meine Eltern noch zusammen sind. Wenn es so ist, dann ist meine Angst berechtigt. Ich weiss nicht, wie lange das noch so weitergeht. Jedenfalls ist nichts auszuschliessen, daher bin ich auf jede Entscheidung gefasst. Wie ich sie ertragen werde.. das ist ne andere Geschichte..

    01.03.2007, 16:27 von blue.depth
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    Ein wirklich gelungener Text, der auf nüchterne Art und Weise ausdrückt, dass auch Eltern nur eine menschliche Beziehung fürhen und die Liebe zwischen diesen zwei Personen nach den gleichen gesetzen funktioniert wie bei anderen Pärchen...

    Eltern sollten auch niemals der Kinder wegen zusammen bleiben. das habe ich erlebt.
    Was ist das für ein Gefühl, wenn deine Mutter dir sagt, sie wollte schon seit jahren ausziehen, hat aber gewartet, deinetwegen, bis du alt genug bist, die schule hinter dir hast.
    Sag da einer mal, als Kind soll man sich da keine Vorwürfe machen....
    und lieber zwei Zuhause, als eines, wo es kein lachen und kein träumen mehr gibt

    28.02.2007, 15:30 von lenina
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    Eben: Entweder ganz oder garnicht. ICh finde in dieser Sache gibt es kein ,,nebeneinander-herleben-und-einen-auf-familie-machen"!!!
    MfG

    23.12.2006, 18:37 von butterfly17
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    wie wahr, wie wahr.
    Kenn ich leider nur allzu gut.

    20.12.2006, 20:55 von Cocori
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    toller und sehr ehrlicher text ...

    meine eltern haben sich getrennt, als ich etwa ein jahr alt war. kann mich an die beiden zusammen also gar nciht erinnern. und kann mir die beiden zusammen auch gar nicht vorstellen. der zweite mann meiner ma hat zum glcük auch das weite gesucht ... oder sagen wir so: nach vielen blauen flecken hat meine ma ihn losgeschickt, das weite zu suchen. ihr jetziger mann begleitet uns an diesem weihnachtsfest schon zum 15. mal .... er ist schon eine art vater für mich, immerhin hat er meine hoch's und tief's der pubertät miterlebt, freunde kommen und gehen sehen, krankheiten, kummer und trauer mitbekommen. mein papa ist mittlerweile schon über 20 jahre verheiratet und hat einen sohn ... mein kleiner bruder. was hab ich ihn und seine mutter damals gehasst ... und was bin ich jetzt froh, sie zu haben! alles in allem kann ich mich also glücklich schätzen, dass meine eltern sich gegen ein gemeinsames leben entschieden haben, in dem sie mir die heile welt hätte vorspielen müssen oder mir und auch sich selbst im endeffekt viel mehr geschadet als geholfen hätten.

    ich bin mittlerweile jedenfalls froh, eine so bunt gemischte und große familie zu haben, auch wenn es zeitweise in stress ausartet und feiern im "kleinen kreise" niemals unter 15-20 personen statt finden :)

    19.12.2006, 12:17 von sunny_smile
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