lilko 30.11.-0001, 00:00 Uhr 52 54

Wenn Engel verreisen

Momo schläft nicht. Sie ist tot.

."Momo stirbt." sagt meine Mutter am Telefon, und da fahren wir hin. Ich und mein Vater, und ich zähle die Streifen auf der Autobahn, höre die Giovanni-Oper und trinke Dosenbier, damit ich nicht weinen muss. Zu Momo, die meine Tante ist. 66 Jahre alt, seit sechs Jahren Brustkrebs. Und trotzdem - Ihre Praxis, die hat sie erst vor sechs Wochen zugemacht. Nur eines von vielen Dingen, die beweisen, was für eine starke Frau sie war. Aber der Krebs ist ein unberechenbarer Gegner, und als er seinen Siegeszug über die Lunge fortsetzte, da hatte Momo keine Lust mehr. Keine Lust mehr auf Krankenhäuser und Bestrahlungen. Keine Lust mehr auf Therapien, die Heilung versprachen. Versprechen, die nicht gehalten werden.

Da bat Momo ihre Töchter und Enkelkinder nach Hause. Die 5 F's, wie wir sie alle nennen, denn alle fünf tragen einen Namen, der mit F anfängt. Von da an ging es Momo besser. Sie lachte viel, ging schwimmen und kaufte Mützen für die Jungs. Ich kam sie besuchen, und wir gingen zum Chinesen essen und sahen uns Komödien an. Wir gingen auf den Jahrmarkt und fuhren Karussell- nur die kleinen, damit Momo nicht hustete. Wir kauften Lebkuchenherzen und gingen in die Berge. Momo pflegte ihre Blumen und den Teich im Garten und aß jeden Morgen gewissenhaft Haschisch zum Frühstück, gegen die Schmerzen.

Das alles hat Momo gemacht. Um glücklich zu sein, bevor sie stirbt. Und ich bewunderte. Sie als Menschen und ihre Art, mit einer Krankheit umzugehen, die so bösartig ist, dass es schwer fällt, nicht verbittert zu sein. Aber Momo hat erkannt, dass Lachen eine gute Waffe gegen den Krebs ist.

Und dann - dann war irgendwann Schluss. Momo hörte auf zu sprechen, weil vom Sprechen der Husten kam. Hörte auf zu lesen, weil das Lesen ihr Schmerzen machte. Dann hing sie am Tropf in ihrem Schlafzimmer und ließ sich Schmerzmittel geben, um Platz zu lassen für andere Empfindungen.

Leise und langsam habe ich dann ihr Zimmer betreten und alles runtergeschluckt. Die Tränen, die Angst, den Schmerz. Denn wenn Momo so stark ist, sagte ich mir, dann bin ich das auch. Niemand kann es messen, wie es ist, wenn man einem Menschen beim Verwelken zusieht. Momo lag da, schön wie immer, denn Krannkheiten können zuweilen sehr trügerisch sein. Aber den Tropf sah man eben auch und man hörte ihr Röcheln und Husten und dann, als eine mütterliche Hand mir durch die Haare fuhr und meine Cousine ihrer Mutter ein paar Tabletten - ganz zärtlich, ganz vorsichtig und ganz traurig - in den Mund schob, da wollten meine Tränen kommen. Ich lief durch den dunklen Wald, und das Laub unter den Füßen knirschte tröstlich. Aber es half nichts. Ich schrie und ich weinte, ich fluchte und war versucht, mich selbst in den Arm zu nehmen. Doch es hörte auf, so schnell, wie es gekommen war. Ich war hier, um Auf Wiedersehen zu sagen und um Momo zu begleiten, bis zum Ende. Und Momo hatte, als sie noch sprach, mahnend den Finger gehoben und gesagt: Wenn es so weit ist, feiert ihr für mich.

Also gut. So kümmerte ich mich um die Kleinen, die den Tod so wunderbar anders begreifen und jeden Abend schlief ich, erschöpft von den Gedanken, die Abwasser gleich meine Sinne umspülten, zwischen dne F's - Arm in Arm - ein.

Als ich zum Bad schlurfte, am nächsten Morgen, stand meine Mutter im Flur, leise flüsternd: "Es ist soweit..."
Da stand ich also, unwürdig dem Tod gegenüber, in Schlafanzughose und kariertem Männerhemd und sah zu, wie Momo starb. Die Kinder auf dem Bett und singend ( "Es kommt ein Vogel geflogen, setzt sich Momo auf den Schoß...) und die Erwachsenen weinten und hielten Momos Hände. Ein F durchbrach die Stille, mit dreijähriger Einfältigkeit und Unschuld wischte er mir unbeholfen ein paar Tränen aus dem Gesicht. "Momo wird jetzt ein Engel." sagte er. "Dann kommt sie immer runter und bringt uns Geschenke mit."

Meine Cousine lachte weinend und hielt ihren Bauch, in dem der sechste F strampelte. Der sechste F, auf den Momo noch so gerne gewartet hätte. Und die größte Ungerechtigkeit ist, dass der Tod ihr nichteinmal das gegönnt hat. Dann fing Momo an zu husten und meine Cousine nahm eine Spritze. Spritzte einmal und zweimal. Zwei Ampullen Morphium und Momo schlief ein. " Ihr seid so süß" flüsterte sie, der erste Satz seit Tagen. Es war der letzte.

Momo wurde eine Woche später in einem kleinen Dorf an der französischen Grenze beerdigt. Wir waren alle da, die ganze Familie, siebzig Menschen, die sich in den Armen hielten. Die weinten und lachten und drei Tage ein Fest feierten, Momo zu Ehren und so, wie sie es sich gewünscht hatte. Wir aßen Schnecken, Lammbraten und Weisswürste. Tranken Literweise Riesling und gingen zusammen durch den Wald spazieren. Die Kinder schmießen statt Rosen Äpfel in das Grab, weil Momo Äpfel sehr mochte. Auf dem Grab steht jetzt ein kleiner Engel, so wie Momo einer war. Und dann- wieder auf der Autobahn, eine Zigarette zwischen den Lippen und die weißen Streifen vor und hinter mir- da konnte ich nicht mehr weinen. Denn Engel verreisen eben.


Tags: Krankheit
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52 Antworten

Kommentare

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    ich hab einen klos im Hals, so wunderbar traurig! Toller Engel

    06.03.2011, 13:39 von missbutterfly400
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    echt sehr gefühlvoll geschrieben, gut dass ich grad alleine bin und neimand meine tränen sieht...

    15.05.2009, 15:38 von bleuet
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    so schön. so ergreifend. ich weine. Tränen sind das ehrlichste Kompliment. ich bin wirklich begeistert. danke =)

    23.03.2009, 19:05 von Ria_
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    ich bin echt sprachlos

    07.12.2008, 23:07 von Merv
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    wunderschön, gänsehaut, und feuchte augen.

    07.12.2008, 20:13 von cookiebabe
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    Engel sterben nicht- sie verreisen....
    ein ganz toller Text!

    05.12.2008, 21:18 von tie.he
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    Hier kullerten auch meine Tränen. Danke für einen tollen Text über ein so sensibles Thema.

    04.12.2008, 12:07 von Irony
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    Schrecklich traurig, unheimlich schön.

    30.11.2008, 22:17 von Rinjaan
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