moemmoemmoem 12.02.2011, 07:52 Uhr 5 9

Wenn die Coolen weinen müssen

Wir spielten für die Galerie.

Vorgestern rief ein alter Freund an, lustiger Typ, Frauenheld, Fussballstar. Sein Opa spielte DDR-Oberliga, mein Onkel sollte dort spielen, wollte aber nicht. Wir haben uns in dem kleinen Dorf kennengelernt, in das meine Eltern gezogen sind (weil man Vater von dort kommt), als ich 16 war. Seine Eltern zogen etwa ein Jahr später hin (weil sein Vater von dort kam), er war dann 14. Während Daniel aus der Kreis-Stadt kam, die damals immer weit "höherklassiger" spielte, kam ich aus dem zweitgrößten Dorf im Landkreis, das auch immer "höherklassig" spielte. Kurz: wir waren Provinz-Snobs, wir spielten für die Galerie, machten uns lustig über grobe Vorstopper, die man mit dem Namen Eberhard rief. In unserer ersten gemeinsamen Saison stieg der kleine, aber feine Dorfverein das erste Mal seit 30 Jahren in die höchste Kreisliga auf. Beim Spitzenspiel waren auf dem Sportplatz mehr Leute, als das Kaff insgesamt Einwohner hatte. Jaja, das ist eine Quote, da kann der FC Bayern einpacken!

Wir waren eingebildet und haben nur geblödelt, niemand wurde verschont. Zur Krönung unserer Angeberei kauften wir uns an einem langweiligen Nachmittag aus Gag "Adidas Predator"-Fußballschuhe, die damals 250 Öcken kosteten. So sehr unsere Prollerei verhasst war, so sehr hat sie Spass gemacht. Und als wir dann später getrennt "in die Welt" zogen, hatten wir diesen Spass zwar nur noch selten und dann am Telefon, aber wir hatten ihn.

Als ich nun aber seine Stimme am Telefon hörte, klang sie zum dritten Mal gebrochen. Doch diesmal ging es nicht um seine geile Arbeitskollegin, die das Gewissen, mit dem er mittlerweile verheiratet war, belastete. Es ging um seinen Vater.

"Schlechte Nachrichten?"
"Meine Schwester hat angerufen, ich soll sofort kommen."

Eine beachtliche Strecke, von Oldenburg nach Meiningen in Thüringen, nahe der bayrischen Grenze. Es waren also schlechteste Nachrichten, auch wenn wir uns nicht 100% sicher waren. Er bat mich, ihn aufzuheitern. Und ich gab wirklich alles. Ich erzählte ihm von meinem juckenden Sack, seit zwei Wochen ginge das, und er fragte, ob ich schonmal vor´m Arzt blank gezogen hätte. Dann erzählte er mir eine assoziierte Story, von dort kamen wir auf die nächste. Vertraute Themen, aufgefrischte Inhalte, kleine Ereignisse. Sein Loser-Cousin mit dem alljährlich neuen BMW hat immer noch seine Ex aus der Jugend als Passwort, das ist über 10 Jahre her. Sie ging in meinen Englisch-Kurs und hat einmal bei uns Jungs eine Leichathletik-Prüfung absolvieren müssen. Mitten im Sommer, Hot Pants, die schöne Juliane. Und so weiter. Nach einer halben Stunde lachten wir uns herrlich kaputt über "Werner - Beinhart", von Bernd Eichinger, der ja ebenfalls kürzlich gestorben war.

Mittlerweile war Daniel, der gerade von der Arbeit nach Hause fuhr, dort angekommen und wir machten Schluß mit dem Geplauder. Er musste nun seine Frau fragen, ob sie mitfahren würde zu seinen Eltern. Ich rief derweil meine Freundin an und hielt mich nicht lange an der Sache auf.

"Daniel hat angerufen."
"Ah."
"Er soll dringend nach Hause fahren. Meinte seine Schwester."
"Warum?"
"Na wegen seinem Vater."
"Was war mit dem nochmal?"
"Der hatte schwer Krebs. Kehlkopfkrebs."
"Ah.. Scheisse."

Wir quatschen kurz und ich arbeitete dann weiter. Gegen 23 Uhr klingelte das Telefon und ich dachte so 'ist meine Freundin', hob ab mit einem selten bekloppten 'Hallöle' (mach ich sonst nie!). Am anderen Ende der Leitung nur Geröchel. Ich kapierte es nicht gleich, runzelte abwartend die Stirn, aber irgendwann verstand ich eine verheulte Stimme.

"Er ist tot."

Schweigen.

"Das tut mir leid."

Noch mehr Schweigen.

"Mir fehlt die Erfahrung."

Ich sage das leise wie ein kleines Kind, vielleicht ein 8 Jähriger. Bevor wir richtig cool wurden. Und irgendwie weiß ich heute auch, warum wir das werden mussten. Denn ich kann nicht helfen. Nicht mit Worten, wenig mit Schweigen. Aber immerhin.

Es ist so schon immer seltsam, wenn ich diese zwei Mal im Jahr bei meinen Eltern bin, wir auf dem Balkon sitzen und lachen. Drinnen läuft Fussball, der Grill ist noch warm und die Landschaft mit den Bergen um uns herum könnte nicht viel schöner sein. Aber noch mehr als je zuvor werd ich den feurigen Druck in meinem Bauch spüren, immer dann wenn mir klar wird, wie verschrumpelt sogar sie, die sich so gut halten, doch schon sind. Vor allem aber, wie lieb ich sie habe. Und dann geh ich nachts in mein Zimmer und arbeite weiter heimlich gegen die Zeit.

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    .. ja, das ende hat es mir auch ziemlich angetan.

    14.02.2011, 09:20 von ilofi
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  • 0

    das ende rockt

    12.02.2011, 16:49 von Traumversinken
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    "Predator" habe ich mir letztes Jahr zum ersten Mal zugelegt, aber als Stollenschuh. Bei den Nocken werde ich "Copa Mundial" immer treu bleiben.

    12.02.2011, 14:33 von Matsumoto
    • 0

      @Matsumoto nach einem halben jahr predator bin ich auf copas umgestiegen, das waren dann meine letzten überhaupt. hab ich sogar noch hier rumfliegen, das leder ist so geil weich. irres spielgefühl.

      12.02.2011, 18:47 von moemmoemmoem
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    "Vor allem aber, wie lieb ich sie habe. Und dann geh ich nachts in mein Zimmer und arbeite weiter heimlich gegen die Zeit." Die beiden Sätze haben es gebracht. Punkt.

    Das davor kam bisschen holprig.

    Und: Man spielt für die Galerie und net für die Galarie, denke ich.

    12.02.2011, 13:30 von Jackie_Grey
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  • 0

    Der Text liest sich wie eine Provinzausgabe von Cristiano Ronaldo. Mitgefühl kommt daher bei mir nicht auf, sondern Schadenfreude. Daher hoffe ich natürlich, dass das keine Tagebucheintrag ist, sondern ironisch gemeint.

    12.02.2011, 13:29 von EliasRafael
    • 1

      @EliasRafael schadenfreude? du bist und bleibst ne arme sau.

      12.02.2011, 18:42 von moemmoemmoem
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