PONY. 12.03.2013, 18:04 Uhr 9 17

Weil ich ein Mensch bin

Mein Vater ist ein Mensch, er hat zwei Arme und zehn Finger.

Mein Vater ist ein Mensch. Er hat zwei Beine, die so kurz sind, dass er größer ist als ich, aber ich trotzdem keine Angst vor ihm haben muss. Er schreit gerne und so laut, dass die Gläser im Schrank vibrieren, aber nie so laut, dass ich ihn hören kann. Er umarmt mich selten und wenn, dann ganz leicht, damit ich es nicht spüre. Mein Vater liebt mich, aber er spricht es nicht aus, damit ich mir dessen nicht sicher sein kann.

Mein Vater ist ein Mensch, er hat zwei Arme und zehn Finger. Mit diesen spielt er an Weihnachten Stücke auf dem Klavier, aber so schlecht, dass es auf eine Art auch wunderschön ist. Er ist schwach, denn wenn ich mich an ihn lehne fällt er um, als sei er ein Pappaufsteller. Er ist schön, so schön, dass er viele Frauen haben konnte, mit welchen er wiederum viele schöne Kinder zeugte. Mein Vater ist ein großzügiger Mann, er zahlt mir Unterhalt, damit ich ein Dach über meinem Kopf habe und mir Essen kaufen kann. 

Mein Vater ist ein Mensch, er hat zwei Ohren, mit denen er mir zuhört, aber nie so gut das ich mich verstanden fühle. Er hat mich gezeugt, aber wenn ich frage warum, findet er keine Antwort. Er liebt die Berge, durch ihn kenne ich wunderschöne Orte, die ich heute oft besuche, damit ich träumen kann. Mein Vater ist verrückt, aber so verrückt, dass seine Fehler schon fast liebenswert erscheinen. Er ist ein kluger Mann, aber nicht so klug, dass es für ein Studium gereicht hätte, wie bei mir etwa. 

Mein Vater ist ein Mensch, er hat ein Herz und das schlägt meistens nur für ihn alleine. Er ist stur, aber nie so stur, dass ich ihn mit Worten nicht erreichen kann. Mein Vater ist ungeduldig und an manchen Tagen schießt er in den Himmel, wie eine Rakete, aber nie so weit, dass ich ihn nicht mehr sehen kann. Er denkt viel nach, meistens über sich selbst, so dass er sich nur manchmal Gedanken über mich machen kann. Aber das sollte er.

Weil ich ein Mensch bin, ich habe zwei Beine, zehn Finger, zwei Arme, zwei Ohren und auch ein Herz.

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9 Antworten

Kommentare

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    Er ist ein flüchtiges Wesen, der Vater, aber trotzdem (mir) symphatisch.

    13.03.2013, 13:12 von cosmokatze
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  • 0

    Pony, darf er das lesen?

    12.03.2013, 23:32 von SteveStitches
    • 1

      schon, ist eher eine Anlehnung an die Wirklichkeit, als ein Tatsachenbericht :)

      13.03.2013, 09:41 von PONY.
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  • 2

    und irgendwann - oft spät oder zu spät - erkennt man, dass man sich in ihm erkannt hat: der moment der wahrheit

    12.03.2013, 20:11 von Lichtspiel
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  • 1

    Einen Menschen "Vater" zu beschreiben ist eine Sache. Ihn jedoch so zu beschreiben, dass daraus ein doch liebeswerter Text ohne Wut und Hass wird, das ist schon beachtlich. Auch wenn er, der beschriebene Vater, ein Trottel ist. Veilleicht hat er es einfach nicht gelernt Gefühle zu zeigen. Nicht so und da, wo sie gebraucht werden. 

    12.03.2013, 19:08 von jetsam
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  • 0

    immer diese väter..

    12.03.2013, 18:18 von Sultanine
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  • 0

    Eine ganz neue, interessante Art, zu schreiben.

    12.03.2013, 18:05 von MadElaine
    • 0

      inwiefern? 

      12.03.2013, 18:08 von PONY.
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      Ich wusste, dass du das fragen würdest. Sagen wir es so: Wenn ich bis jetzt solche Formulierungen in Texten gelesen habe, dann war es immer so, dass hinterher irgendwelche Vorwürfe an den Vater (oder die jeweils beschriebene Person) kamen. Das fehlte hier irgendwie. Neutral auf eine angenehme Art, so könnte man es vielleicht beschreiben.

      12.03.2013, 18:10 von MadElaine
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