deea 25.03.2007, 13:26 Uhr 0 2

Weggerissen.

Sie bedeuten alles für mich. Sie sind meilenweit entfernt. Und mein Herz reißt mit jedem Tag einbisschen mehr auf.

Ich weiß, dass sie irgendwann nicht mehr da sind.
Damit habe ich mich mehr oder weniger abgefunden.
Aber ich habe trotzdem Angst. Ich habe Angst zu wenig Zeit mit Ihnen verbracht zu haben. Zu wenig von ihrem Sein aufgesaugt zu haben. Zu wenig. Sie erlebt zu haben. Sie sind mein ein und alles. Keine Menschenseele, kein Gott, keine Welt bedeutet mir so viel wie sie. Ich weiß, sie sind die einzigen Menschen, die mich wirklich aus tiefstem Herzen lieben. Egal wie ich aussehe. Egal was ich mache. Egal was ich sage. Ich bin ihre Enkelin. Und ich liebe sie mit jeder Wurzel meines Geistes. Je weiter weg ich reise, je öfter muss ich an sie denken. Ich vermisse sie. Die Hausschokolade meiner Oma. Der selbst gebrannte Schnaps meines Opas. Und ihre Wärme. Ihr kleiner Bauernhof auf dem kleinen Hügel in Reschitz, mit all den Hühnern, mit all den Hunden und Katzen, mit all der selbstverständlichen Natur, und mit all ihrer Liebe. Das ist meine Heimat. Das ist das einzige Stück Rumänien das mir geblieben ist. Meine Großeltern. Wenn sie gehen, habe ich nur noch die Erinnerung. Die Erinnerung an eine Heimat. Eine Erinnerung an eine wahre Familie.

Sie haben mich von ihnen weggerissen. Ich habe meinen Großeltern kurz davor gesagt, dass ich mich in den Büschen hinter dem Block verstecken werde. Da findet mich bestimmt niemand. Und wenn sie alle weg sind, komme ich wieder raus und bleibe für immer bei ihnen. Für immer. Doch Deutschland wartete auf mich. Eine gute Zukunft wartete auf mich. Mit Kariere. Mit deutschen Freunden. Mit Bananen und viel Schokolade. Milka. Aber ich wollte keine Milka. Ich wollte die Hausschokolade meiner Oma. Ich wollte die schrecklich ironischen Witze meines Opas. Ich wollte zurück nach Rumänien. Ich war 9. Sie haben mich einfach weggebracht. Nun sitze ich hier. Hier in Honolulu und weine und lache gleichzeitig. Sie haben mich von ihnen weggerissen. In zwei Stücke gerissen. Und mich danach im Stich gelassen. Sie haben neu geheiratet. Ich würde sofort wieder zu meinen Großeltern zurückfliegen. Sofort. Wenn ich nur könnte. Sollte ich alles aufgeben? Mein Studium. Meinen Freund. Meine zwei „Familien“ in Deutschland verlassen, nach allem was sie mir beruflich ermöglicht haben? Was ich dafür bekomme ist einmalig. Einzigartig. Doch ich kann nicht mehr. Es ist zu spät.


Ist es das wirklich?
Schlaue Sprüche sagen mir, es ist für nichts zu spät. Doch ist das so einfach. Sein Leben komplett zu ändern. Radikal und ohne Kompromisse. Einfach so drauf los zu machen. Ja, ich bin verzweifelt. Und ja, ich will mich nicht mehr mit diesen quälenden Gedanken spielen, was ist wenn. Doch ich merke, das Leben ist kein Hollywoodfilm. Forrest, du liegst falsch.

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