berlin_bombay 30.10.2011, 13:28 Uhr 45 75

We both go down together.

Pause. Play. "We both go down together" - The Decemberists. Kaum ein Lied hätte besser zu uns gepasst. Ich atme ein. Ich atme aus.

Ich stehe neben dir, meine Hände in den Hosentaschen vergraben. Unter meiner Jacke atme ich ruhig. Mein Brustkorb hebt und senkt sich langsam, wie der stoische Rumpf eines gestrandeten Wals. Ich blicke dich an. Du sitzt auf deinem Sofa und weinst bitterlich. Du wirkst müde, ausgelaugt. Kannst es nicht glauben, nicht greifen. Nicht wahrhaben.

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Kraftlos hatte ich mich zu dir geschleppt. Kraftlos meine Gedanken sortiert in den letzten Wochen. Ich fühlte mich abgeschlagen und matt. Verbrannte Erde in meinem Kopf und in allen Extremitäten. Napalm für die Seele. Mein Vietnam. Hatte meine Schuhe angelassen, als ich zur Tür hereinkam, eine Zigarette angemacht und mich neben dich gesetzt. Fast wortlos, lautlos und gewissenhaft - wie ein Guerillakrieger bevor er das Feuer eröffnet.

Du fragtest, ob ich einen Tee wolle. Pfefferminz, antwortete ich. Du verschwandest in der Küche. Ich sah mir "Big Fish" auf deinem flimmernden Bildschirm an, einer deiner Lieblingsfilme, du hattest ihn eingeschaltet. Wir hatten ihn nie zusammen gesehen.

Der Tee war heiß und dampfte. Die Tasse die du mir brachtest hatte ich von meinem Vater, kein Erbstück, sondern eine von Tausenden Merch-Tassen seiner Firma. Du fandest es toll, dass sie ihre Farbe verändert, wenn sie warm wird und wolltest unbedingt eine haben - oder schenkte ich dir zwei, weil ich es toll fand? Wir haben wohl nie darüber gesprochen.

Du erzähltest von Alltagsgeschichten und Belanglosigkeiten, identifiziertest sie als Schuldige, dabei waren es psychische Probleme, unverdaute Depressionen und deine Perspektivlosigkeiten, die uns in diesem Moment auf dieses Sofa gebracht hatten. Du hast keinen Job, das wusste ich. Du hast wunderbares Talent als Künstlerin, das sah ich. Du hast zwei Kinder, die liebte ich. Du hasst dich, das hasste ich. Und letztlich opferte ich mich für dich, ein Mädchen, das sich selbst schon vor langem geopfert hatte, in der Hoffnung, wir beide könnten auferstehen und uns an den eigenen Ohren aus jedem Morast ziehen. Doch die Wahrheit: wir sanken, wir gingen zusammen unter - egal wir sehr ich strampelte.

Ich schlürfte leise meinen Tee, hörte dir zu, nickte, schüttelte den Kopf. Strahlte Ruhe aus, war gelassen und nahezu regungslos. War betäubt. Du sagtest, du würdest alles für mich tun, als ich mir eine weitere Zigarette anzündete und dir das Feuerzeug auf deine Schachtel legte. Ich hatte alles für dich - für euch - getan. Ich konnte nichts mehr tun. Nur noch dasitzen. Fast wortlos, lautlos und gewissenhaft - wie ein Guerillakrieger bevor er das Feuer eröffnet. Luftholen.

Und Feuer!

-

Ich stehe neben dir, meine Hände in den Hosentaschen vergraben. Unter meiner Jacke atme ich ruhig. Mein Brustkorb hebt und senkt sich langsam, wie der stoische Rumpf eines gestrandeten Wals. Ich blicke dich an. Du sitzt auf deinem Sofa und weinst bitterlich. Du wirkst müde, ausgelaugt. Kannst es nicht glauben, nicht greifen. Nicht wahrhaben.

Ich beuge mich zu dir, halte dich ein letztes Mal im Arm. Deine Tränen rollen an meinem Ärmel entlang und tropfen auf das Polster. Ich sage dir mit monotoner Stimme, dass es mir Leid tut, dass ich nicht mehr kann. Und gehe. Wie du es wolltest.

Vor deiner Haustür bleibe ich zum ersten Mal stehen. Konsterniert, unausgegoren, unsicher, kalt von innen und außen. Träge ziehe ich an meiner Zigarette, setze meine Kopfhörer auf. Pause. Play. "We both go down together" - The Decemberists. Ein Lied, wie aus unserem Leben. Kaum eins hätte besser zu uns gepasst. Ich atme ein. Ich atme aus. Und gehe zur U-Bahn, vielleicht zum letzten Mal auf diesem Weg.

Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass du mir dankbar sein wirst. Dass meine Entscheidung gegen uns auch dich voranbringen wird. Dass wir aufhören wir zu sein, aber dennoch zusammen getrennt weiter machen werden. Dass du glücklich sein wirst, dass ich nicht aus deinem Leben  verschwinde - der Kinder wegen. Ich weiß noch nicht, dass die Möglichkeit besteht in Jahren über unsere Achterbahn-Beziehung zu lachen. Die, nachdem wir uns gegenseitig festgeschnallt hatten, so schnell anfing und Fahrt aufnahm, und dann, nachdem alle Wagen den Höhepunkt erreicht hatten und wir uns mit den Armen in der Luft die Seele aus dem Leib schrien, behäbig austrudelte und zum Stillstand kam, in die Endstation einfuhr, und nur ich ausstieg. Und dass du nach kurzem Überlegen auch aussteigen wirst, um dir eine neue Achterbahn zu suchen. Irgendwann.

Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nur, dass es für mich richtig war. Lebensnotwendig. Entscheidend. Beschämend. Frustrierend sich seine eigene Ohnmacht eingestehen zu müssen. Ich weiß, dass mein Leben weiter geht, freue mich in gewisserweise darauf. Habe genug gelebt um zu wissen, dass auch dieses Gefühl vorbei geht, Sonnen auch weiterhin  scheinen werden und der nächste Regen kommt. Und ich weiß auch, dass es schwer wird. Ich weiß, dass ich heulen werde, sobald ich die Fotos deiner Kinder an meiner Wand sehe. Ich weiß, dass ich kämpfen muss, um irgendwann für sie "Onkel" zu sein, weil ich ihnen den "Vater" nicht ersetzen kann.
Ich weiß, dass es schwer wird. Doch ich hoffe. Und ich danke dir. Letzten Endes sogar für unsere Trennung. 


Tags: Achterbahn, The Decemberists, Untergang
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45 Antworten

Kommentare

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    Sehr, sehr schön geschrieben!

    30.01.2013, 16:18 von Hobson
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    gut, wenn man es schafft, dann zu gehen...

    03.03.2012, 05:45 von AnderSindInMir
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    <3

    27.12.2011, 19:25 von Thegirlisafreak
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    Einfach die reine Wahrheit! und sehr gefühlvoll obendrein! Thumbs up!

    25.11.2011, 18:03 von praeservativ
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    Toll!

    22.11.2011, 13:39 von Igelkind
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    <- zieht den hut.

    18.11.2011, 20:32 von ma_ri
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    Sprach und spricht mir aus der Seele - die Bilder sind gut gewählt. Wer in der Situation sich schon wiederfand, findet sich auch in diesem Text wieder.
    "Schön ist der Zahnschmerz, sobald er nachgelassen!"

    14.11.2011, 21:37 von Novemberfruehling
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  • 2

    Erschreckend, wenn man mit Abstand das Unvermögen erkennt. Und auch, wenn man nach langer Zeit plötzlich von der Leichtigkeit überrascht wird... Leichtigkeit mit einem Hauch unerwartetem Glücksgefühl. Beide gehen unter, einer hat länger Luft.

    10.11.2011, 20:06 von kithead
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  • 1

    ich mag diese dramaturgie.... szenenwechsel... nachher vor vorher! und ich finds sehr gut, dass man auf dieser art und weise die heilung einer trennung anerkennt.... Eine Trennugn kann so befreiend sein, wenn auch schmerzvoll... aber sie bedeutet die aussicht auf ein besseres ohne-einander-leben. und darauf kommts an... dass nach einer trennung sich vieles zum guten wendet! für den menschen!

    10.11.2011, 00:09 von MizTeeQ
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    dank an alle bis hierhin. ;)

    07.11.2011, 08:46 von berlin_bombay
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