cocoa 22.05.2008, 14:26 Uhr 0 0

Warten auf den Alltag

Ein Besuch der alle Kraft kostet.

Genervt steige ich an einem Sonntagnachmittag aus dem Zug, in dem ich mir vorher eine knappe Stunde den Arsch platt gesessen hatte. War ja klar, dass ich das Abteil mit den Kleinstkindern erwische, die scheinbar einen Ausflug zum örtlichen Fastfood-Lokal hinter sich hatten und mich mit Pommesatem und Bürgerrülpsern anstierten. Ich hasse so was, und weil mich diese kleinen Plagen anstarrten und ich mich darüber so maßlos ärgerte, musste ich noch mehr heulen. In der Öffentlichkeit heulen ist nicht angesehen. Die Blicke, die man genauso kassieren würde, wenn man Pink angemalt durch die Gegend rennen würde. Ein Kind fragte „Mutti, warum weint das Mädchen?“. Die Frau blickte mich an und man sah in ihren Augen, dass sie ihr Kind vor dem Übel dieser Welt beschützen will. Sie zog eine Augenbraue hoch, wohl wegen meinem Ring in der Nase.
„Es ist doch Pollenzeit, Schatz“ war die einzige Antwort die sie gab. Ich nahm es ihr nicht übel.

Da stehe ich also mitten im Nirgendwo. Schnell stelle ich fest, dass der nächste Bus erst in zwei Stunden fährt. Ein Blick die Straße runter zeigt mir, das ich mein Ziel nicht verfehlen kann, sind ja nur zwei Stationen. Ich laufe los, immer noch weinend und rauchend.
Das Klinikgelände ist recht übersichtlich und schnell weiß ich wieder, wo ich bin. Ich schaue auf die Uhr. Gleich 15 Uhr. Verzweifelt halte ich nach dem silbernen Honda Ausschau. Ich will da nicht allein rein. Seit ich heute früh aufstand sträubte sich jede Faser meines Körpers gegen diesen Besuch. Und jetzt ist mir fast übel, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Ich schlucke meinen Tränen runter, schimpfe mit mir, esse einen Kaugummi und hole tief Luft.

Es ist nicht weit und ich sehe ihn schon auf den Flur stehen. Vor sich zwei Becher zum Trinken und einen Vanillepudding. Ich sauge die Details in mich auf und gehe mit bleiernen Füßen auf ihn zu. Doch mein Heulreiz ist weg, selbst als ich mich kurz entschuldige und auf Klo gehe, bleiben meine Augen trocken. „Red nicht mit ihm, als wenn er Drei wäre,“ ermahne ich mich selbst, „er sieht zwar hilflos aus, ist aber innen drin immer noch der Gleiche“.
Es fällt nur so verdammt schwer. Wie er in seinem Rollstuhl sitzt, er riecht komisch, Haare wachsen aus seiner Nase. Sein blindes Auge sieht aus, als wenn er zu lang drauf geschlafen und jemand einen Batzen Vaseline drauf geschmiert hätte. Aber sein anderes Auge schaut mir groß und klar entgegen, doch die Stärke und das Selbstbewusstsein, die sie immer ausstrahlten, scheint verpufft. Zu meinem Erstaunen höre ich das erste mal seit 5 Monaten seine Stimme. Endlich ist er diese blöde Kanüle los. Doch was er sagt ist nicht zu verstehen. Er gibt sich Mühe, aber ich kann kein Wort heraushören. Seine Buchstaben müssen her. Ich schwafle nur, rede ohne zu überlegen und was mir gerade durch den Kopf schießt, nur um nicht weinen zu müssen. Dann kommen meine Großeltern. Ich hasse sie alle beide. Sie sind genauso hilflos im Umgang mit ihm wie ich. Mein Vater isst seinen Pudding und kleckert sich voll. In unendlicher Geduld pult er die Puddingreste von seinem Tuch, wie bei einem Kleinkind. Er kann schlucken, ich bin jedes Mal wieder erleichtert, wenn ich das sehe. Hätte er das nicht wieder gelernt, wäre er für immer in eine Pflegeanstalt gekommen, und dieser Gedanke machte mich fast wahnsinnig.

Keine fünf Minuten später kommt auch seine Freundin. Wir beschließen eine Runde zu spazieren und danach einen Kaffee trinken zu gehen. Neidisch und schon fast hasserfüllt schaue ich auf die alten Männer und Frauen, die fast komplett wieder hergestellt sind und mit ihren Verwandten reden können. Mein Vater wird nie wieder normal reden können, wie weit er sich überhaupt erholen wird, ist die große Frage.
Jedes mal, wenn ich Männer sehe, die älter als mein Vater sind, hasse ich sie. Wie sie laufen können, sprechen und lachen. Ich gifte sie an und denke nur „warum nicht der, warum mein Vater, er ist viel zu jung für so eine Scheiße“ und ich weiß, das man so was nicht denken darf und tu es trotzdem. Den Vater meines Freundes mag ich sehr, und doch schmerzt es, ihn zu sehen. Er ist meinem so ähnlich, er ist 56 und kann laufen. Meiner ist 42 und wird es wohl nie wieder können. Das Leben wird nicht vorbei sein, mein Vater ist ein Kämpfer und mir scheint, diese ganzen verbitterten Gedanken denke ich Ersatzweise für ihn. Es wird weitergehen, aber mein Herz hat diesen Umsturz noch nicht verarbeitet.

Deswegen muss ich doch weinen, zehn Minuten bevor ich wieder los muss. Verärgert versuche ich zu lachen, ich hab’s so gut durchgehalten und ich weiß doch, dass er es hasst wenn ich weine. Mein Vater tippt ich wäre albern, ich muss grinsen und gehe dann fluchtartig. Das „ich hab dich auch lieb“ habe ich sehr wohl verstanden, diese Worte hat er vorher nie benutzt.. Ich heule auf den ganzen Weg nach Hause, ich könnte nur heulen, auch jetzt, aber das geht nicht, ich bin auf Arbeit.

Ich weiß, dass dieser ganze Umstand normal werden wird, aber genau davor habe ich angst. Verdrängen klappt super.

Ich halte mich an dem Gedanken fest, dass er wieder glücklich wird. Werden muss. Vor allem für sich selbst.

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