War ich bei ihm als er ging?
Morgens ist er einfach nicht mehr aufgewacht. Fast drei Jahre ist es her und noch immer frage ich mich, ob ich wohl bei ihm war.
Es war Montag, der 4. Oktober 2004, halb sieben, als das Telefon klingelte und seine neue Frau mir mit gebrochener Stimme sagt, dass er tot ist. Eingeschlafen, letzten Endes doch, nachdem er lange gekämpft hat, dann irgendwann nur noch ertrug, wie es eben war.
Genau so ein Montag Morgen, auch etwa um halb sieben, nur etwa drei Monate zuvor war es auch das Telefonklingeln, das mich weckte. Seine Frau, die sagt, dass er im Krankenhaus liegt, Intensivstation, weil er nicht mehr atmen kann. Es ist August, es ist heiß, und ab da besuchen wir ihn jeden Tag, fast jeden. Manchmal fährt mein Bruder alleine zu ihm, ich schaffe es nicht immer. Nicht, weil ich keine Zeit hätte, nein, ich halte es nicht aus.
Mein Papa, der irgendwie nie so richtig mein Papa war. Unser Verhältnis war nie sehr eng, immer distanziert. Scheinbar war das so, seit ich klein war, und nach der Scheidung als ich acht war, wurde es nie besser. Wir haben uns verstanden, auch Spaß gehabt und uns gemocht, wahrscheinlich auf eine Art geliebt, ja, aber die Distanz ist nie gewichen. Nie. Auch nicht in diesem Sommer, als er plötzlich seinen ganzen Körper an diese Krankheit verloren hat. Er war schon lange krank und im Pflegeheim, es war ein schleichender Prozess, und wie lange er gehen würde, wie er aussehen würde und wie er enden würde, das konnte uns niemand sagen, zu selten gibt es diese Krankheit. Nur im Kopf war er immer fit, wusste noch genau, wann er früher mit Mami im Urlaub war, konnte alles über fast alle Olympischen Spiele berichten und was die Grünen gerade so treiben. Sein Körper wurde immer schwächer.
Auf der Intensivstation hat er zuerst drei Tage geschlafen. Vielleicht war er schon den halben Weg gegangen. Sprechen konnte er danach nie mehr. Schläuche überall. Maschinen, die piepen, aber er, er kann nichts mehr sagen. Wenn wir unsere Hände unter seine legten, konnte er ein kleines bisschen drücken, das wars. Und gucken konnte er. Seine Augen waren so wach, dass es fast wehtat. Denn er hat alles mitbekommen und verstanden. Wenn uns nichts mehr einfiel, was wir ihm erzählen konnten, oder wenn die Stimme brach, wenn wir uns zusammenrissen, um nicht vor ihm zu traurig zu sein.
Ich weine oft, wenn wir wieder zu Hause sind. Für meinen "kleinen" Bruder, 20 ist er gerade mal, ich 22, fehlen mir die Worte. Er scheint tapferer zu sein als ich. Traurig ist er, ja, aber er hat Kraft, weiß der Teufel, wo er sie hernimmt. Er sitzt an seinem Bett und erzählt ihm über den Himmel, der ihn erwartet, den er immer öfter anschaut, wenn er im Bett liegt. Zwischen den beiden "Jungs" war es immer alles klar, Papa und Sohn eben, ein enges Bündnis. Ich bin nicht böse darüber, stelle es nur fest und wünsche mir auch eine solche Stabilität.
Einmal muss ich mich übergeben, als wir aus seinem Zimmer gehen. Ich weiß nicht, ob er weiß, dass es mich so mitnimmt, meinen irgendwie doch immer starken, aktiven Papa dort hilflos, ergeben, unfrei in diesem Bett liegen zu sehen. Ich schaffe es nicht, ihm zu sagen, dass ich ihn doch gern habe. Ihm zu sagen, wie traurig ich bin, wie sehr ich hoffe, dass es ihm besser geht, wie gern ich noch ein Wort von ihm hören würde.
Drei Jahre ist es jetzt fast her, und noch immer fange ich an zu weinen, wenn ich alte oder kranke Menschen sehe, deren Schicksal besiegelt scheint.
Einmal konnte er wieder richtiges Essen zu sich nehmen anstatt durch einen Schlauch mit Flüssigkeit versorgt zu werden. Und dann wollte er nicht. Wir wollten ihn füttern, es gab Nachtisch, und er wollte einfach nicht essen. Das war das einzige Zeichen, das er uns geben konnte, und mit dem er sagen konnte, dass er müde ist, nicht mehr will.
Am Ende war er noch vier Tage in dem Heim, in dem er seit vier Jahren gewohnt hat, in seinem Zimmer, mit seiner Musik, das Bett so gestellt, dass er aus dem Fenster sehen kann, wieder in den Himmel.
Sonntags besuchen wir ihn, es scheint relativ gut zu sein. Wir hören seine Musik, ich glaube, er genießt es. Dann, als wir gehen, hält er unsere Hände, nur eine Millisekunde zu lang. Vielleicht hat er es gewusst.
Es war Montag, der 4. Oktober 2004, halb sieben, als das Telefon klingelte und seine neue Frau mir mit gebrochener Stimme sagt, dass er tot ist. Gelitten hat er nicht mehr, sagt sie. Dann kann sie nicht mehr, legt auf. Ich gehe zu meiner Mama, wecke sie, sie erschrickt, als sie meine Tränen sieht. Wir holen meinen Bruder aus seiner Schule, er weint nur. Mein Bruder, der so breite Schultern hat, Muskeln, sackt zusammen auf dem Rücksitz und weint, leise, ganz leise. Wir drücken unsere Hände, fast zu kräftig.
Er liegt ganz friedlich auf seinem Bett. Klein sieht er aus, blass, anders. Mein Papa. Nach allem was war, einfach mein Papa. Er ist nicht mehr da, seit drei Jahren, und obwohl es vorher nicht oft so war, vermisse ich ihn jetzt irgendwie. Ich hoffe er hat gewusst, dass ich ihn liebe.







Kommentare
sehr, sehr gut geschrieben. ich fühle mich zurückversetzt. die toten leben in unserer erinnerung immer weiter, auch wenn es nach jahren noch schmerzt.
16.02.2008, 11:18 von kleinesmorgenmuffelEr hat es gewusst!
19.10.2007, 06:33 von FlattermausDicker Drücker
15.10.2007, 08:50 von Mary05von Mary
mir sind die tränen in die augen gestiegen...
13.10.2007, 21:38 von fidibus...mir sind die traenen gekommen. mein papa war auch sehr lange krank, ich kenne dieses gefuehl
08.10.2007, 14:21 von Nelopantsgenauso war es bei meinem papa auch...vorher war er es nicht wirklich - blöde patchworkfamilie halt und beide elternteile viel verkehrt gemacht. da war er halt ab und an da aber nie wirklich für mich...
04.10.2007, 11:52 von bibasanijadie letzten drei wochen bevor er gestorben ist waren furchtbar - aber ich will auch nicht nicht da gewesen sein...
er durfte auch nochmal essen und trinken und er wollte und fing an zu weinen als er gesehen hat das alles gleich wieder durch die magensonde wieder rauskommt...
nachdem ich damals mit meiner mutter auch noch in eine andere stadt gezogen bin hab ich ihn vielleicht drei mal im jahr gesehen - nicht oft... und jetzt fehlt er mir so sehr......
ich hätte nicht gedacht, dass mir jemand so aus der seele sprechen könnte
30.09.2007, 18:22 von gungexzellent geschrieben - mehr muss man dazu nicht sagen.
30.09.2007, 13:45 von Artwoelfindu hast es geschafft dass mir beim lesen die tränen gekommen sind,
28.09.2007, 16:07 von alevatiosehr berührender text
Klar warst Du bei ihm als er ging,hast Du ihn doch durch die ganze Zeit des allmählichen körperlichen Zerfalls begleitet und sein Händedrücken drückte ja aus,dass er im Geist voll da war und deine Liebe wahrnahm,fuhlte..Ich sehe es auch so,dass er wie man so sagt,von oben runterguckt,bei Dir ist,und bestimmt will,dass es dir gut geht und das du auch vor allem wegen seinem Tod doch bitte nicht unglücklich bist.Schöner Text
26.09.2007, 19:29 von Trommler